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Es braucht vergleichbare Standards

03.06.2015

Großunternehmen müssen nach einer EU-Richtlinie ab 2017 einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen. Was bedeutet das für KMU? Wir fragten bei Kurt Oberholzer vom Zentrum für Humane Marktwirtschaft in Salzburg nach.  

Interview: Daniel Nutz

Ab 2017 gilt die EU-Richtlinie zur Offenlegung ökologischer, sozialer und mitarbeiterbezogener Aspekte für Großunternehmen. Welche Auswirkung hat das auf KMU?
Größere, als man denkt. Zwar müssen nur Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Millionen Euro berichten – aber das sind immerhin 200 Unternehmen allein in Österreich. Das hat natürlich Auswirkungen auf alle kleinen und mittelständischen Unternehmen, die als Dienstleister oder Zulieferer in der Lieferkette der Großen stehen. Das Thema Nachhaltigkeit wird also in den kommenden Jahren insgesamt einen Schub erfahren. Auch wenn KMU nicht berichten müssen, werden sie sich auf freiwilliger Basis damit mehr beschäftigen.

Auch die freiwillige Berichterstattung ist für KMU recht aufwendig. In Deutschland gibt es einen Nachhaltigkeitskodex. Ist der auch ein Vorbild für Österreich?
Absolut. Wir arbeiten derzeit im Zentrum für Humane Marktwirtschaft an einer österreichischen Version. Der große Vorteil besteht darin, dass der deutsche Nachhaltigkeitskodex internationale Standards wie die Global Reporting Initiative (GRI) auf 20 für Mittelständler taugliche Kriterien herunterbricht. Diese Kriterien entsprechen aber jenen der GRI und sind somit nach oben anschlussfähig und auch miteinander vergleichbar.

Wo liegt der Fokus in der Berichterstattung?   
Es gibt 20 Kriterien. Und wichtig ist, dass der Unternehmer selbst auswählen kann, welche Aspekte für ihn selbst bedeutend sind und mehr Gewichtung finden sollen. Insgesamt gibt es vier Hauptthemen: die Unternehmensstrategie, das Prozessmanagement, die Umwelt und die Gesellschaft.

Denken Sie, dass auch Mittelständler zu einer Dokumentation ihrer Maßnahmen in Sachen Nachhaltigkeit verpflichtet werden sollten?
Die Pflicht für die Großen geht eigentlich schon sehr weit und bedeutet einen erheblichen Aufwand. Eine Berichtspflicht für kleinere Unternehmen können wir uns daher nicht vorstellen. Solch ein Zwang würde auch einiges vom positiven Impetus für das Thema Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung nehmen. Aus meiner Sicht muss CSR ein freiwilliges Instrument bleiben. Allerdings muss die Einführung von Standards vorangetrieben werden, um eine relative Vergleichbarkeit zu erreichen. 

Viele Unternehmer agieren bereits von sich aus nachhaltig. Aber kann die ganze Wirtschaft über Freiwilligkeit nachhaltig werden?
Es ist tatsächlich so, dass fast alle Unternehmen in der einen oder anderen Form Nachhaltigkeit betreiben, wie unsere Untersuchungen zeigen. Die meisten tun etwas für ihre Mitarbeiter. 60 Prozent der Unternehmen investieren in Umweltschutzmaßnahmen, die über den Anforderungen des Gesetzgebers liegen. Viele machen das sogar, ohne einen konkreten Nutzen zu sehen, etwa aus moralischer Verantwortung heraus. Heute wissen wir aber auch dank erfolgreicher CSR-Praxis, dass nachhaltiges Wirtschaften zusätzlich einen Betrag zum unternehmerischen Erfolg leistet. Weil nachhaltig agierende Unternehmen beispielsweise mehr Zufriedenheit und weniger Fluktuation bei den Mitarbeitern aufweisen, durch Ressourceneffizienz Geld sparen und auch innovativer sind. 

Nachhaltige Unternehmen kommen auch besser beim Konsumenten an, behaupten zumindest Markterhebungen.
Genau das ist ein Punkt, in dem KMU viele Chancen haben, die noch wenig genützt werden. Es geht um eine Integration der CSR-Maßnahmen in die eigene Markenführung. 

Die Salzburger Wirtschaftskammer hat vor einiger Zeit das Zentrum für Humane Marktwirtschaft gegründet. War die Wirtschaft bislang inhuman?
Die Gründung erfolgte 2009 auf Initiative des damaligen Kammerpräsidenten Julius Schmalz. Anlass waren die Auswirkungen der Finanzkrise. Uns geht es darum, das Bild des Unternehmertums wieder ins rechte Licht zu rücken. Das Fehlverhalten mancher Finanzunternehmen hat ja auf alle Unternehmen einen Schatten geworfen. Uns geht es darum, zu zeigen, dass die Unternehmen in der Mitte der Gesellschaft stehen und es kein Sektorendenken geben darf, nach dem Motto: hier die Unternehmer, dort die Arbeitsnehmer und in der anderen Ecke die NGO. Die Wirtschaftskammer Salzburg hat sich immer zur sozialen Marktwirtschaft bekannt. Nun erweitern wir diesen Begriff auf die ökosoziale Dimension. Wir sehen die Einbeziehung von ökologischer und sozialer Verantwortung als Chance für Unternehmen.

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