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CSR ist Teil des Differenzierungspotenzials

10.07.2015

Klar strukturierte Nachhaltigkeitsagenden mit messbaren Werten und nachvollziehbare Erfolge prägen die Unternehmenskultur der Rewe International AG, wie Frank Hensel der Handelszeitung berichtet.

Rewe International AG Vorstandsvorsitzender Frank Hensel.

Handelszeitung: Woraus ist der starke Nachhaltigkeitsgedanke bei Rewe International entstanden? Wo ist CSR im Unternehmen angesiedelt?
Frank Hensel: Das Thema Nachhaltigkeit an sich wurde nicht erst vor ein paar Jahren erfunden – Ideen dazu gab es schon lange bei uns im Haus. Doch der Neuansatz ging 2008 einher mit einem strukturierten Ansatz zu Nachhaltigkeit bei der Rewe International. Wir hatten vor, das Thema strategisch zu bearbeiten und entschieden uns für eine bestimmte Herangehensweise. Nach einer Bestandsaufnahme und der Sammlung der Basisdaten aus dem Unternehmen veröffentlichten wir den 1. Lagebericht zur Nachhaltigkeit. Dieser hatte nicht nur die Eingruppierung aller Nachhaltigkeits-Felder zum Inhalt, sondern auch eine Strategie, wie wir in den nächsten Jahren vorgehen wollten, um an die gesteckten Ziele zu kommen. Natürlich ist Nachhaltigkeit etwas Laufendes und hat keine Grenzen. Aber als Grundstruktur haben wir vier Säulen geschaffen: Die erste Säule betrifft unser Handels-Kerngeschäft, die „grünen Produkte“. Sie sind der direkte Weg zum Kunden und für ihn sichtbar. Die Säule umfasst u.a. das Label Pro Planet und alle Bio-Aktivitäten. Die zweite Säule – Energie, Klima und Umwelt – beeinflusst die mittelbaren und unmittelbaren Auswirkungen auf das ökologische System, etwa durch den Einsatz von Solarenergie. 2 % unseres Stromverbrauches erzeugen wir bereits selbst aus erneuerbaren Energien. Säule Nummer drei ist das gesellschaftliche Engagement. Darunter fallen soziale Projekte wie etwa „Aufrunder bewirken Wunder“ mit der Caritas. Und die vierte Säule fasst alles zusammen, was im Inneren des Unternehmens geschieht: Mitarbeiter, Vorsorge, Umgang miteinander.
Nachhaltigkeit ist eine Stabsstelle, die beim Vorstand angesiedelt ist und von Tanja Dietrich-Hübner geleitet wird. Eine Tatsache ist sehr wichtig zu erwähnen: Alles, wirklich alles, was in der Rewe International umgesetzt wird oder umgesetzt werden soll, wird zuerst auf Nachhaltigkeitsaspekte durchleuchtet. Passiert es diese nicht, wird es nicht umgesetzt.

Mit diesen Tools sind Sie vor dem möglichen Vorwurf des Greenwashings abgesichert, oder?
Definitiv. Nachhaltigkeit ist bei uns fest verankert und Bestandteil aller operativen Prozesse, die transparent und nachvollziehbar sind – jüngst z. B. wieder geschehen bei der Zusammenführung unserer Fleischzerlegungsbetriebe. Oder dass wir schon 800 Märkte auf Green Building Standard um- oder neugebaut haben. Wir waren die ersten im LEH, die die Ziele in einem Nachhaltigkeitsbericht klar definiert haben, damit sie messbar sind. Wir unterziehen uns nach außen jedem Controlling-Prozess.

Kann man E-Commerce und Online auch der Nachhaltigkeit verschreiben?
Die Online-Launches mussten auch durch die Prüfung. Das ist klar. Und dabei kommt man zu neuen Erkenntnissen, wie etwa bei der CO2-neutralen Belieferung der Bipa-Online-Bestellungen innerhalb Wiens, die in 90 Minuten gesichert zugestellt werden. Diese Zustellung geschieht mit dem Fahrrad, um die zusätzlichen CO2-Ausstöße zu kompensieren und den Individualverkehr zu reduzieren.

Darf Nachhaltigkeit etwas kosten?
Die Antwort ist komplex. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass sich Nachhaltigkeit wirtschaftlich selbst tragen muss. Aber es gibt sie nicht zum Nulltarif. Mittel- und langfristig muss sie Einsparungen in allen Tätigkeitsfeldern bringen, kurzfristig kann sie kosten. Ein gutes Beispiel sind die baulichen Maßnahmen zur Reduktion des Energiebedarfs: Sie kosten zunächst und bringen langfristig Einsparungen. Auf jeden Fall ist eines klar: Mit dieser Form und Geschwindigkeit der Industrialisierung können wir nicht mehr fortfahren, denn bestimmte Ressourcen wird es nicht für alle Ewigkeit geben, wie etwa Wasser.

Gibt es auch Probleme in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategien?
Am schönsten sind jene Prozesse, die einen erlebbaren Vorteil bringen, wie die Investition in die Umbauten. Aber: Es gibt natürlich Rückschritte, wenn man die nicht erkennt und verweigert zu realisieren, dann hat man ein Problem. Und ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass ohne den Kunden gar nichts geht. Er ist in Wahrheit das Maß aller Dinge.

Wie planen Sie weiterzugehen?
Das geschieht laufend, wir starten im Mai/Juni in den monetären Planungsprozess, damit wir für Herbst und das Budget die nötigen Ressourcen kennen. Im Nachhinein finanzielle Entscheidungen zu treffen ist schwierig.

Auch zum Thema Nachhaltigkeit gehört die Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP. Darf ich Sie um Ihre Stellungnahme ersuchen?
Wir waren die ersten, die offen auf die Problematik hingewiesen haben. Wir sahen das Abkommen kritisch, weil es in der Verhandlungsführung zwischen EU und den USA zu wenig Transparenz gab; weil wir den Grundsatz der gültigen Standards in Gefahr gesehen haben – vor allem unsere österreichischen Lebensmittelgesetze sind sehr streng und dürfen nicht aufgeweicht werden. Und schließlich stellten wir uns die Frage, warum zwei entwickelte Rechtsstaaten wie die EU und USA denn Schiedsgerichte brauchen? Seit diesen Statements hat sich einiges geändert. Die neue Kommission vermittelt einen neuen Zugang und ist transparent in der Kommunikation. Es wird weiters bestätigt, dass nationale Standards nicht aufgehoben werden. Nun wird vieles auch von der öffentlichen Meinung abhängen. Und man wird sehen, was die Kommission in den Verhandlungen mit den USA durchsetzen kann.

Noch eine letzte Frage zu der Wertschöpfung von Lebensmitteln: Mit all den Diskussionen um Preisvergleiche zu Deutschland: Macht es noch Spaß, in Österreich mit Lebensmitteln zu handeln?
Ich sage ein klares Ja. Aber: Die Politik ist jetzt gefordert, auch im Sinne der Unternehmen zu agieren. Wir haben andere Preise aufgrund von Topografie, Nebenkosten und Steuern – das ist Fakt. Österreicher leben gut und gerne, aber ich fürchte dieses positive Element wird nicht ewig von alleine weitergetragen werden können, wenn man uns dauernd sagt: „Ist eh alles nicht so schlimm“. Handlungsbedarf ist gegeben!

Zur Person

Frank Hensel ist Generalbevollmächtigter der Rewe Group und Vorstandsvorsitzender der Rewe International AG, verantwortlich für die österreichischen Handelsfirmen (Billa, Merkur, Bipa und Adeg, den Zentraleinkauf, die Eigenmarken inkl. der Bio-Marke Ja! Natürlich und der Weinkellerei Wegenstein, die Revision, die Unternehmenskommunikation, die Bereiche Nachhaltigkeit und Personal/Personalentwicklung). Unter ihm ist die Nachhaltigkeitsstrategie der Rewe International AG zu ihrer Vollblüte aufgegangen – alles zusammengefasst unter dem Rewe-Bogen.

gabriele jiresch
g.jiresch@wirtschaftsverlag.at

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