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"Krisen sind ohnehin Beschleuniger von bereits vorhandenen Trends und die Digitalisierung ist mit Sicherheit so ein Trend", sagt Digitalisierungsexperte Markus Heingärtner.

Markus Heingärtner: „Die Welt nach Corona wird keine völlig andere sein“

06.05.2020

Österreichische KMU haben noch viel Aufholbedarf, wenn es darum geht, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, sagt Markus Heingärtner. Die aktuelle Corona-Krise biete hier zwar Potenzial, völlig verändern werde sie unsere Welt aber nicht.

Kleinere und mittlere Unternehmen, die schon lange vor der aktuellen Krise auf digitale Transformation gesetzt haben, profitieren heute durch eingespielte Prozess-, Kommunikations- und Analysestrukturen. Anderen werden die Versäumnisse nun schonungslos vor Augen geführt. Genau darin könnte aber auch die Chance für die Beschleunigung der Technologie für heimische Unternehmen bestehen, wie Markus Heingärtner meint. Er ist Geschäftsführer der Integrated Consulting Group – ein Beratungsunternehmen für Digitale Transformation, Gründer eines Startups im Bereich der Sharing Economy und Ambassador des Singularity University Vienna Chapter. Im Interview mit der Bauzeitung spricht er über die Chancen der Krise für die digitale Transformation, Möglichkeiten heimischer KMU und das Leben und Arbeiten nach Corona.

Herr Heingärtner, Sie beraten Unternehmen im Bereich digitale Transformation. Wie digitalisierungsaffin sind denn heimische Unternehmen?

Markus Heingärtner: Im internationalen Vergleich würde ich heimische Unternehmen im guten Mittelfeld einstufen. Österreich ist hier bestimmt kein Vorreiter, aber auch nicht Letzter. Speziell in den nordischen Ländern gibt es diesbezüglich aber bestimmt mehr Fortschritt und eine höhere Affinität zu neuen, digitalen Geschäftsmodellen.

Speziell heimischen KMU wirft man immer wieder vor, dass sie „digitalisierungsfaul“ sind. Woran liegt das?

Heingärtner: Der Digitalisierungsgrad ist vor allem bei kleinen Unternehmen sehr stark vom Eigentümer abhängig. Ich kenne viele, die sehr viel tun und andere, die digitalisierungstechnisch eher weniger aktiv sind. Wobei viele glauben, dass sie schon genug tun. Ich persönlich vergleiche das immer sehr gerne mit dem Auto fahren. Wenn man Menschen fragt, ob sie gut Auto fahren, sagen 80 Prozent Ja. Auf die Frage wie viele Ihrer Meinung nach gut fahren, antwortet die Mehrheit dann rund 20 Prozent. Das geht sich also nicht aus. Und ähnlich ist es auch bei der Digitalisierung heimischer Unternehmen. Gerade KMU erkennen aber immer häufiger, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen müssen.

Wo fängt man hier am besten an? Was sind erste Digitalisierungsschritte, die Unternehmen leicht und kostengünstig umsetzen können und gleichzeitig einen Mehrwert davon haben?

Heingärtner: Wir müssen hier drei wesentliche Ebenen unterscheiden, nämlich interne Prozesse, Kundenprozesse und das Geschäftsmodell selbst. In den ersten beiden Bereichen können relativ einfach sogenannte „Quick Wins“ für Unternehmen erzielt werden. Dafür braucht es in der Regel auch keine große Umstellung im Unternehmen selbst. Das ist die einfache Art von Unternehmenstransformation, auf die die Betriebe auch vermehrt setzen. Viel zu wenig Aktivitäten von Unternehmensseite gibt es meiner Meinung nach aber, wenn es um die Entstehung neuer Geschäftsmodelle gibt. Natürlich ist das ein viel größerer Schritt, der oftmals auch den Umbau des Unternehmens nach sich zieht. Ein weiterer Vergleich, der sich hier heranziehen lässt: Wenn man eine Raupe ist, kann man durch kleinere Prozesse zwar eine schnellere Raupe werden. Das kann im Wettbewerb natürlich hilfreich sein, wenn auch die anderen Raupen sind. Wirklich zum Schmetterling kann man aber nur werden, wenn man versucht, das Unternehmen zu transformieren und beginnt, sich neue Geschäftsmodelle auszudenken. Dann hebt man potenziell ab. Hier sehe ich in Österreich noch sehr viel Nachholbedarf.

Kann eine Krise wie die aktuelle solche Entwicklungen denn befeuern?

Heingärtner: Ja, das denke ich schon. Krisen sind ohnehin Beschleuniger von bereits vorhandenen Trends und die Digitalisierung ist mit Sicherheit so ein Trend. Menschen mögen grundsätzlich keine Veränderungen, sie suchen lieber nach Stabilität. Denn jede neue Entwicklung, jede Veränderung bedeutet auch Anstrengung. Durch die Krise werden wir aber in eine Art „neue Welt“ hinausgestoßen und der sogenannte „Sense of Urgency“ ist stärker ausgeprägt als sonst. Firmenchefs etwa, die sich jahrelang gegen das Homeoffice gesträubt haben, bleibt in der aktuellen Situation nicht viel anderes übrig. Viele werden jetzt erkennen, dass das Homeoffice sehr gut funktioniert und eventuell sogar Vorteile mit sich bringt. Es entstehen jetzt also auch die Erfolgsgeschichten, die es braucht, um einen Wandel in einem Unternehmen durchzutragen. Im Bereich Zusammenarbeit und Homeoffice gibt es derzeit natürlich sehr viel Potenzial, weil das aktuell eben sehr intensiv gelebt wird.

Speziell die Baubranche fängt erst langsam an, digitale Prozesse für sich zu nutzen. Welche Chancen sehen Sie für Branchen, die hinsichtlich Digitalisierung noch am Anfang stehen?

Heingärnter: Ich glaube, dass gerade diese Branchen jetzt damit hadern, dass sie einige Prozesse noch nicht digitalisiert haben. Das wird sicher den einen oder anderen dazu bewegen, sich künftig diesbezüglich mehr Gedanken zu machen Es geht aber immer darum, sich die Kernprozesse genau anzusehen und zu entscheiden, welche Dinge digital abgewickelt werden können und dadurch einen Mehrwert bringen und bei welchen es besser ist, auf persönlichen Kontakt, etc. zu setzen.

Für Prozesse in Papierwelten – Schulunterricht, Vorlesung, Meetings – kann man es sich natürlich relativ gut vorstellen, dass diese aufgrund der Corona-Krise digital werden. Wie sieht es aber mit den Chancen digitaler Transformation für „physische“ Prozesse aus?

Heingärtner: Auch die gibt es natürlich, obwohl hier die Krise vermutlich eine eher untergeordnete Rolle spielt. Man muss bedenken, dass es in der Industrie oft nicht darum geht, die Produkte selbst digital zu machen, sondern alles drum herum. Klassisches Beispiel in der Baubranche sind etwa Maschinen, die mit entsprechender Sensorik ausgestattet werden und dem Besitzer wichtige Daten über ihren Zustand oder die sachgemäße Bedienung liefern. Oder auch Gebäude, die mit Sensoren ausgestattet werden und so wichtige Daten über das Nutzungsverhalten geben. Unsichtbare Daten werden durch eine Sensorik in den sichtbaren Zustand gehoben, den es braucht, um wiederum neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Aber es gibt auch andere Prozesse, in denen Unternehmen jetzt beispielsweise erkennen, dass ein Programm, das Kunden Produkte online präsentiert, in der aktuellen Situation von Vorteil wäre. Ein banales Beispiel sind in dem Zusammenhang natürlich auch Online Shops. Sie können gewisse Verluste von Unternehmen derzeit vielleicht etwas auffangen und sind letztendlich sicher umsatzrelevant.

Welche Rolle spielt in der jetzigen Situation das richtige Mind-Set?

Heingärnter: Die Tatsache, dass viele Menschen nun sehen, dass Dinge digital funktionieren, von denen sie es vorher nicht geglaubt haben, ist ein wichtiger Faktor in Sachen Digitalisierungsfortschritt. Zudem sehe ich, dass gerade in dieser Phase sehr viel kreative Energie frei wird und die Menschen den Drang verspüren, Missstände oder Dinge, die in einem Unternehmen nicht so gut laufen, ändern zu wollen oder eigenen Unternehmen zu gründen. Es muss ja nicht immer gleich ein Start-up sein, aber meine Hoffnung ist groß, dass sich hier künftig schon etwas tut.

Sie sind also davon überzeugt, dass die Digitalisierung auch nach Corona weiter Aufschwung erhält. Besteht nicht die Gefahr, dass wir wieder in alte Muster fallen?

Heingärtner: Natürlich, das zeigen auch Studien. Wenn Menschen zu einem Wandel des Verhaltens gezwungen werden, gehen danach rund 90 Prozent wieder zurück zu alten Gewohnheiten. In der jetzigen Situation kommt es bestimmt auch darauf an, wie lange die Krise dauert. Aber Fakt ist, dass ein großer Teil es nach der Krise wieder genauso machen wird wie davor. Aber ein wesentlicher Teil wird die neuen Entwicklungen und den Fortschrittsgedanken auch beibehalten. Aber die Welt nach Corona wird bestimmt nicht eine völlig andere sein.

Online Angebote wie digitale Messen oder Webinare werden in der Krise verstärkt genutzt. Das wäre doch etwas, von dem man auch nach der Krise noch einen Mehrwert hätte.

Heingärtner: Wir Menschen sind soziale Wesen, wir werden in Zukunft nicht nur zuhause oder im Büro sitzen wollen. Das persönliche Gespräch hat immer noch die größte Bandbreite. Wir werden aber in Zukunft bestimmt genauer darauf schauen, welche persönlichen Treffen wirklich einen Mehrwert für uns haben und welche Dinge virtuell abgewickelt werden können. Wir haben in der Beratung herausgefunden, dass Wissensvermittlung sehr gut virtuell abgebildet werden kann. Überall dort, wo auch Emotionen eine Rolle spielen, es vielleicht Konflikte gibt, dort ist das persönliche Zusammentreffen sehr wichtig. Die Leute fühlen sich in solchen Situationen nicht abgeholt, wenn über Video kommuniziert wird. Daran wird sich auch nach der Krise nichts ändern.

Zusammenfassend: Worin sehen Sie die größten Chancen der digitalen Transformation durch die Corona-Krise?

Heingärtner: In vielen Bereichen können wir jetzt nicht mehr sagen: „Alles ist super, so machen wir weiter.“ Mit der Krise wurde uns schlagartig vor Augen geführt, welche Dinge gut funktionieren und welche durch die Digitalisierung viel leichter hätten abgewickelt werden können. Wir haben diesen „Sense of Urgency“ erfahren, den es braucht, um Wandel einzuleiten. Das was jetzt passiert ist, wird bestimmt einige zum Nachdenken bringen, digitale Technologien vermehrt einzusetzen und sich darüber hinaus auch Gedanken über neue Geschäftsmodelle zu machen.

Autor/in:
Theresa Kopper
Original erschienen am 06.05.2020: Bauzeitung.
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