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Eine Lehre am Bau ist für viele Jugendliche unattraktiv, nun soll diese aufgewertet werden.

Denkt doch einmal wer an die Jugend!

12.02.2018

Trotz leicht steigender Lehrlingszahlen herrscht Reformbedarf bei der Lehre am Bau: sowohl beim Image, als auch in der Ausbildung. Nun soll die Lehre auf ganz neue Beine gestellt werden.

Die Lehre am Bau genießt sowohl in Österreich als auch international einen guten Ruf bei Arbeitgebern. Heimische­ Fachkräfte sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt, bei den World Skills befinden sich die Teilnehmer immer im Spitzenfeld, aber dennoch sind die Lehrlingszahlen seit Jahren eher besorgniserregend. Zwar fingen 2017 laut Lehrlingsstatistik um 14,7 Prozent mehr Jugendliche eine Lehre am Bau an, aber dennoch haben es Schalungsbauer mittlerweile auf die Mangelberufsliste geschafft, bei Maurern denkt man über eine Aufnahme nach. Deswegen wurde die Strategiegruppe „Baulehre Neu“ von der Geschäftsstelle Bau ins Leben gerufen, um die Lehre am Bau für Jugendliche attraktiv zu gestalten und auch auf neue Beine zu stellen.

Potenzial durchaus vorhanden

„Geht es um die Zielgruppe potenzieller Lehrlinge für den Bau, ist diese schon an sich relativ eingeschränkt“, erklärt Philipp Ikrath, Vorstand des Instituts für Jugendkulturforschung. „In Ostösterreich hat die Lehre schon grundsätzlich ein schweres Standing – geht es nach vielen Eltern, sollten eine weiterführende Schule sowie Matura noch immer gemacht werden –, zudem finden viele Jugendliche einen körperlich anstrengenden Beruf vergleichsweise unattraktiv.“ Hinzu komme, dass Bauberufe imagetechnisch einen schweren Stand haben, laut einer Studie schätzen fast ein Viertel aller Befragten die Lehrbedingungen im Baugewerbe und Handwerk am schlechtesten ein. „Dabei geht es aber ziemlich sicher mehr um das Berufsbild als um wirkliche Fakten“, relativiert Ikrath. „Geht man an einer Baustelle vorbei, sieht man die Menschen körperlich hart arbeiten – mag es regnen, mag es schneien oder die Sonne unerbittlich herunterbrennen – und all das fließt in die Vorstellungen von Jugendlichen über den Lehrberuf mit ein.“ Hinzu komme, dass die gesellschaftliche Anerkennung der Berufe im Vergleich noch immer gering sei. Dabei würden die Werte und Vorstellungen, die aktuell bei Jugendlichen für die Wahl der Lehre entscheidend sind, sogar für eine Lehre am Bau sprechen.
Allgemein sei festzustellen, dass angehende Lehrlinge großen­ Wert auf Planungssicherheit legen, eher traditionelle Werte wie Familiengründung, Eigenheim und Ähnliches sind wesentliche­ Lebensziele. Sicherheit, Stabilität, Kontinuität sind den Jugendlichen wichtiger an einem Lehrberuf als Selbstverwirklichung. Auch Werte wir Flexibilität und Mobilität, die oftmals moderne Berufsbilder definieren, werden laut aktuellen Studien als nicht erstrebenswert erachtet – regionale Gebundenheit ist den an­gehenden Lehrlingen jedoch sehr wichtig. Vermittelt man der Zielgruppe Fakten, die gerade diese Bedürfnisse bedienen, kann dies auch über ein schlechteres Image des Lehrberufs hinweg­sehen lassen. Geht es nach Ikrath, sollte eine der zentralen­ Fragen­ jedoch immer sein: Wen will ich eigentlich für eine Lehre am Bau begeistern? Wer sind die Menschen, die eine Lehre am Bau als erstrebenswert erachten? Warum wollen sie diesen beruflichen Werdegang einschlagen, und wie kann man sie in der Entscheidung­ festigen sowie dadurch auch andere von dem Berufsbild überzeugen?

Genau hinschauen

Fragen, die man sich auch seitens der Geschäftsstelle Bau schon gestellt hat und deswegen nun das Projekt Baulehre Neu mit einer umfassenden Analyse der Ist-Situation startet. Diese erfolgt seit Herbst des Vorjahres in verschiedenen Workshops, in denen mit allen an einer Lehrlingsausbildung beteiligten Institutionen sowie Personen der Novellierungsbedarf erhoben wird. Egal ob Lehrling, ausbildender Betrieb, Bauakademie oder Werkmeisterschulen – alle sollen zu Wort kommen und ihre Sicht darlegen können. In einem nächsten Schritt sollen persönliche Interviews geführt werden sowie über anonyme Fragebögen weitere Informationen über Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen eingeholt werden, um das zukünftige Berufsbild gezielt weiterentwickeln zu können.
Dafür will man jedoch nicht nur am Image kratzen, sondern auch die Ausbildung an sich umgestalten. Momentan steht der Gedanke einer Bau-Kader-Lehre im Raum, die in drei Modulen aufgeteilt werden soll. Das Grundmodul soll für alle Lehrlinge gleich sein und die Grundzüge des Bauberufs beinhalten. Gleich danach kommen die Basismodule, die mit einer Lehrabschlussprüfung enden und die spezialisierte Ausbildung in den unterschied­lichen Berufen – Maurer, Tiefbauer, Schalungsbauer – bieten sollen.­ Gänzlich neu sollen die Spezialmodule werden, die in einem vierten­ Lehrjahr verschiedenste Inhalte übermitteln sollen und zur Spezialisierung des zukünftigen Facharbeiters angedacht sind. Von speziellen Bauformen über Betriebswirtschaft bis hin zu Personalführung ist alles denkbar. 
Gleichzeitig wird man auch die gelehrten Inhalte überarbeiten und adaptieren. So soll beispielsweise die Digitalisierung in den neuen Berufsbildern fest verankert sein. Damit diese Reformen auch Früchte tragen können, muss jedoch auch auf der Ausbilderseite ein wenig umgedacht werden. 

Neue Wege

Kontinuierliche Aus- und Weiterbildung spielt eine wesentliche Rolle aufseiten der Lehrenden, um die Qualität und Aktualität der Aus­bildung halten zu können. So denkt man seitens der Strategie­gruppe über Möglichkeiten nach, wie dies gewährleistet werden kann. Schulungen und Nachschulungen sind dabei das Offensichtliche, auch ein Gütesiegel für Ausbildungsbetriebe steht im Raum. „Betriebe, die eine gute Ausbildung anbieten, haben selten Probleme,­ Lehrlinge zu finden“, so Irene Glaninger, Referentin für Bildungspolitik der Geschäftsstelle Bau. Ein Zustand, den man branchen­weit erreichen möchte. Auch die IT-Affinität der Jugendlichen soll genutzt werden. Diesem Ansatz widmet sich das Projekt „Digitali­sierung der Baulehre“, in dessen Mittelpunkt digitales Lernen sowie die neuesten Generationen an Werkzeugen und Methoden stehen. 
„Durch innovatives E-Learning gelingt die Modernisierung des Lernens auf mehreren Ebenen“, erklärt Harald Kopececk, Leiter der Bauakademie Oberösterreich. „Durch Online-Learning können die Baulehrlinge ihre im Betrieb, in der Berufsschule und in der Bau­akademie erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten flexibel vertiefen. Diese Unterstützung ist jederzeit und überall abrufbar, die Individualisierung erlaubt für den theoretischen Teil auch einen spezifischen Wissens-Check, für praktische Übungen sind Lern­videos, Podcasts und Webinare zum Download geplant.“ Gleich­zeitig sollen Partner aus der Wirtschaft mit ins Boot geholt werden, die ihre digitalen Geräte zu Lehrzwecken zur Verfügung stellen. 

Fakten kommunizieren

Insgesamt rund 800.000 Euro will die Bundesinnung Bau in den nächsten Jahren in die beiden Projekte investieren, um der Lehre am Bau eine weitere Aufwertung zu verschaffen. Die Baulehrlings­castings der letzten Jahre haben dafür sicherlich einen guten Grundstein gelegt. „Der Diskussionsprozess ist für die Branche an sich wichtig, auch für aktuelle Lehrlinge, die so ihren Anliegen­ Gehör verschaffen können“, meint der Jugendforscher Philipp Ikrath dazu. „Den angehenden Lehrling interessiert dieser aber nicht, hier gilt es, einzig und allein Fakten zu kommunizieren.“

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
Original erschienen am 12.02.2018: Bauzeitung.
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