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„Wir sind ein Besuchermagnet!“

05.07.2018

Thomas Prigl von der Berufsschule für Baugewerbe ist Österreichs Experte im Bewerb Betonbau und bereitet die österreichischen Teilnehmer für EuroSkills und WorldSkills vor. Für die Europameisterschaften in Budapest im September arbeitet Prigl mit Sebastian Frantes aus Gmünd und Markus Haslinger aus Waldenstein. 2015 und 2017 holte Prigl mit seinen jeweiligen Schützlingen Gold bei WorldSkills. In Budapest werden zum ersten Mal Medaillen im Betonbau vergeben.Lesen Sie im Interview mit den Skills Austria, wie er die Teilnehmer vorbereitet und was er zum Thema Fachkräfte zu sagen hat.

Wie sieht das Training bis zum Bewerb aus?

Wir werden zwei Mal, insgesamt fünf Wochen lang, in der Berufsschule Baugewerbe in Wien 22 trainieren. International verwenden wir eine leichtere Schalung, die in Österreich nur einen dreiprozentigen Marktanteil hat. Das heißt, wir schalen vor Ort mit der „DOKA-Frami“ statt „DOKA-Framax“. Deshalb erfolgt zuerst die Umschulung auf „Frami“ und anschließend das Feintuning. Das Feintuning bestimmt unser Training, die tägliche Suche nach Zeiteinsparung, Effizienz und Genauigkeit.

Sie haben entscheidenden Anteil daran, dass es den Wettbewerb Betonbau/Schalungsbau in Österreich und mittlerweile auch international gibt. Skizzieren Sie die Entwicklung, wie sich der Bewerb entwickelt hat und warum er es zu WorldSkills und nun auch zu EuroSkills geschafft hat?

Ich habe den Schalungsbauerwettbewerb 2005 für Österreich erfunden und entwickelt mit dem Ziel, das Image der Baulehre zu verbessern. Mit diesem Wettbewerb konnten wir dazu beitragen, dass sich die Lehrlingszahlen in diesem Bereich verzehnfacht haben. Darüber freue ich mich sehr.

2011 wurde ich dann gefragt, ob wir auf Basis unseres nationalen Bewerbs einen Entwurf für einen internationalen Wettbewerb für „Betonbauer“ machen können - eine große Ehre und eine große Herausforderung. Doch die Anstrengung hat sich gelohnt: Nach zwei erfolgreichen Weltmeisterschaften 2015 in Sao Paulo und 2017 in Abu Dhabi sind wir etabliert und haben unseren Platz bei WorldSkills gefunden. Viele internationale Anfragen bestätigen den Trend zum Betonbau. Im Mai 2017 haben wir nun auch das Briefing für EuroSkills bestanden.

Sie sind der Chief Expert für diesen Beruf und entwerfen dafür das Wettbewerbsbeispiel – welche Herausforderungen warten hier auf Sie?

Das Wettbewerbsbeispiel ist grundsätzlich bekannt, wird aber kurz vor dem Wettbewerb noch einmal adaptiert. Das heißt, es muss in einem Ausmaß von mehr als 30 Prozent änderbar sein. Dabei müssen wir beachten, dass zumindest ein Drittel aller antretenden Teams die Aufgabe bewältigen kann. Um den Wettbewerb fair zu gestalten, erarbeite ich im Vorfeld über 120 Messpunkte für das Beispiel, nach denen jedes Team bewertet wird. Bei der Entwicklung des Beispiels achte ich besonders darauf, dass die aktuellen Arbeitstechniken angewandt werden können.

Was sind die wichtigsten Skills, die ein Teilnehmer in Ihrem Bewerb mitbringen muss?

Genaues und schnelles Arbeiten und Flexibilität. Die Teilnehmer sollten auch Freude daran haben, sich mit den Besten zu messen. Wettkampftypen können sich am Tag X bei dieser Atmosphäre steigern und noch zulegen.

Ist der Beruf zukunftsfähig?

Da fragen Sie den Richtigen! (lacht) Dem Betonbau gehört die Gegenwart und die Zukunft. Bedenken Sie, mittlerweile wird fast jedes Gebäude dieser Welt mittels Stahlbeton - Schalung, Bewehrung, Beton –errichtet, Hochhäuser, Türme, Brücken, Kraftwerke, etc.

Wie hat sich der Beruf in den letzten Jahren verändert?

Heute ist höhere Präzision gefragt. Lange Zeit war der Stahlbeton das Gerüst des Hauses und wurde verputzt, verspachtelt oder verkleidet. Heute finden wir frei sichtbare Stahlbetonflächen sowie Stahlbetonfassaden. Das bedeutet für den Beruf, dass heute viel genauer und sauberer gearbeitet werden muss, weil die Arbeit ja sichtbar ist und nicht mehr hinter Verputzen verschwindet.

Wie wird sich der Beruf zukünftig, etwa durch die Digitalisierung, verändern?

Die Fähigkeit des Planlesens und der Bauvermessung wird für die Facharbeiterin und den Facharbeiter von morgen eine Grundvoraussetzung sein. Früher waren die Vorgaben relativ einfach und im rechten Winkel, heute hat sich das geändert: Waagrecht und lotrecht wird durch schräge Achsen im Raum ergänzt und die ebenen Flächen werden zu Kurven und Parabeln. Moderne Architektur verlangt uns Betonbauern viel ab. Der Beruf bleibt auf jeden Fall spannend.

Es heißt, mit der Digitalisierung werden Fachkräfte eingespart werden, wie ist Ihre Prognose?

Die Digitalisierung ermöglicht den Planerinnen und Planern komplexere Bauvorhaben, die nur mittels Stahlbeton errichtet werden können. Die Kunden erwarten beim Kaufgespräch eine perfekte Visualisierung. Nach der digitalen Planung wird auch in naher Zukunft auf der Baustelle die traditionelle Handwerkstechnik zum Einsatz kommen. In den Industrieländern wird der Anteil der Vorfertigung zwar schon bald höher sein und dadurch die Art der Arbeit der Schalungsbauer verändern, aber der Beruf an sich hat meiner Meinung nach auch in den kommenden Jahrzehnten Zukunft.

Welche Anforderungen werden zukünftig verstärkt an die jungen Fachkräfte gestellt werden?

Allen voran Teamfähigkeit und die räumliche Flexibilität. Das heißt: Die Jobs werden nicht im Vorgarten warten. Soziale Kompetenz wird auch bei uns Schalungsbauern immer wichtiger, um verstärkt auf Kundenwünsche eingehen zu können, aber auch, um in unterschiedlich zusammengesetzten Teams gute Ergebnisse liefern zu können. Um die Herausforderungen der Zukunft gut zu meistern, steht auch bei uns ganz oben auf der To-do-Liste: Lebenslanges Lernen für uns und unsere jungen Fachkräfte.

Wie schätzen Sie die Leistung österreichischer Fachkräfte in Ihrem Beruf im internationalen Vergleich ein?

Wussten Sie, dass die duale Facharbeiterausbildung der Österreicher, Deutschen, Südtiroler und Schweizer international bewundert und kopiert wird? Wir sind ein „Best Practice Beispiel“. Unsere Lehrlinge beherrschen mit 16 Jahren, also im zweiten Lehrjahr, Arbeitstechniken, die weltweit durchschnittlich erst im Alter von 18 bzw. 19 Jahren erlernt werden. Ein Vergleich: Je früher eine Person Schwimmen oder eine Fremdsprache lernt, desto leichter ist es. Das macht unsere Art der Berufsausbildung weltweit so erfolgreich.

Ein weiteres Beispiel ist die 24-stündige Sicherheitsunterweisung gemäß der AUVA-Richtlinie in der Berufsschule. Dadurch dürfen Lehrlinge nach zwölf Monaten Lehrzeit mit gefährlichen Maschinen unter Aufsicht auf der Baustelle und in der Berufsschule arbeiten - im Gegensatz zum jugendlichen Hilfsarbeiter oder Ferialpraktikanten. Die Berufsschule ist somit maßgeblich am Erfolg beteiligt.

Wie schätzen Sie die Qualität der Ausbildung und Betriebe in Österreich ein?

Der Erfolg basiert auf der Kultur der traditionellen und gewachsenen Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Die österreichische Qualität der Ausbildung liegt auch im Sozialisationsprozess der Jugendlichen in der Welt der Erwachsenen. Das Modell 80/20 ist ein Erfolg: 80 Prozent betriebliche Praxis und 20 Prozent fachtheoretische Wissensvermittlung. Also 80 Prozent Betrieb und 20 Prozent Berufsschule ist die Qualitätsgarantie in der Handwerkerausbildung.

Warum sind Maschinen und Material auf dem neuesten Stand der Technik so wichtig?

In den Industrieländern ist der Umwelt- sowie Sozialstandard sehr hoch. Unsere Facharbeiterinnen und Facharbeiter arbeiten auf den Baustellen mit modernsten Maschinen und Materialien.

Glauben Sie, dass die Skills-Bewerbe dazu beitragen, das Bewusstsein für gut ausgebildete, junge Fachkräfte zu fördern?

Ja, auf jeden Fall. Wir brauchen für die nationalen und internationalen Bewerbe im Hintergrund eine starke Infrastruktur, die die Teilnehmer und die Experten unterstützt. Ohne AustrianSkills könnten wir nicht so erfolgreich sein.

Was macht den Reiz von internationalen Wettbewerben wie WorldSkills und EuroSkills aus?

Der internationale Vergleich stärkt das Selbstbewusstsein unserer Nachfolger im Beruf und in der Ausbildung. Die jungen Menschen können zeigen, wie wertvoll und spannend ihre Tätigkeit ist. Wenn man die Freude schon im Training miterlebt, weiß man, hier arbeitet unsere Zukunft. Die Berufe haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Durch die internationalen Bewerbe bekommen sie die Präsenz, die sie verdienen -in den Medien und vor allem auch in den sozialen Medien. Zudem wirkt unser Beruf auf die Zuseher. Wir sind ein Besuchermagnet bei den Bewerben, weil wir einen sehr aktiven Workflow haben.

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