Direkt zum Inhalt

Studie Zukunft der Arbeitswelt

02.07.2021

Wenn der Kunden nicht kaufen möchte, tut man gut daran ihn zu fragen, woran es liegt. Die Leitbetriebe Austria haben deshalb gemeinsam mit Zukunft.Lehre.Österreich das Marktforschungsinstitut Marketagent.com mit einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen (14 bis 29 Jahre) beauftragt. Die Ergebnisse sind dabei so vielschichtig, wie die Jugend an sich.

Eines zieht sich wie ein roter Faden durch die Ergebnisse: auf die Arbeitgeber kommen einige gravierende Änderungen zu, wollen sie in Zukunft attraktiv für neue Mitarbeiter bleiben. Denn grundsätzlich wollen die Befragten zu 85 Prozent flexible Arbeitszeiten und 79 Prozent wünschen sich Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsortes. Jedoch dürfte damit nicht unbedingt das so oft zitierte Homeoffice gemeint sein. Denn 52 Prozent der Befragten wollen eher weniger gern oder gar nicht im Homeoffice arbeiten. Also geht die Flexibilität wohl eher in Richtung „ich will bestimmen, wann ich am Arbeitsplatz bin“. Die Studienergebnisse legen auch nahe, dass wir uns auf eine hoch motivierte und leistungswillige Generation freuen dürfen. Denn die überwiegende Mehrheit stimmt zu, dass sie bereit wären sich ständig weiterzubilden, die Erwartungen des Chefs zu übertreffen und einen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten. Wie viel davon „sozial genormtes“ Antwortverhalten ist, bleibt abzuwarten.

Monica Rintersbacher, Geschäftsführerin Leitetriebe Austria: "Die Arbeitswelt von heute spricht junge Menschen immer weniger an. Aber wir Unternehmen haben es selbst in der Hand, diese Arbeitswelt weiterzuentwickeln."

Nicht zuletzt durch die Beteiligung von Zukunft.Lehre.Österreich stand auch das Thema Lehre im Fokus der Umfrage. Einige der Ergebnisse überraschen etwas wobei andere das bestätigen, was in den letzten Jahren immer wieder thematisiert und bis dato nicht gelöst wurde. Zu letzterem Themenblock gehört vor allem die auch von den Jugendlichen empfundene mangelnde Berufsorientierung und die zu geringe Wertigkeit von persönlichen Stärken im Vergleich zu Schulnoten. Bei der Frage, ob die Lehre ihrer Meinung nach ein hohes Ansehen hat, stimmen 60 % der Befragten zu. Das ist zwar knapp mehr als bei der Matura, aber gegenüber allen anderen abgefragten Ausbildungen der vorletzte Platz im „Ranking“. Und nur 37 % sehen ein hohes Ansehen der Lehre in der Gesellschaft. Das dürfte weitgehend stimmen, hier wäre eine ergänzende Befragung der Eltern spannend. Wobei viele Praktiker das Ergebnis wohl vorhersagen können. Denn sehr oft sind die Eltern diejenigen, die auf einer Schullaufbahn für ihre Kinder bestehen. Deren Einfluss ist in dieser Befragung auch klar abgebildet. Denn 56 % der Befragten orientieren sich bei Bildungs- und Berufsentscheidungen am Rat der Mutter und 47 % an jenem des Vaters.

Die Lehre ist attraktiv, aber wenige steigen wirklich ein

Die Details der Studie zeigen sehr gut die Inhomogenität der Gruppe Jugendlicher. Diese zu beachten ist vor allem für Lehrlingsausbilder wichtig, denn „die Jugend“ gibt es ja eigentlich nicht. Die sich daraus ergebenden Widersprüche zeigen sich in einem Detailergebnis. Denn 40% aus der Gruppe der 14 – 19jährigen geben in der Befragung an, als nächsten Schritt ins Berufsleben einsteigen zu wollen. Aber 45% wollen eine weitere Ausbildung machen und der Rest will zunächst eine Auszeit nehmen (wovon eigentlich?). Der Berufseinstieg, der bei vielen aus dieser Alterskohorte wohl eine Lehre sein könnte, ist also nur für weniger als die Hälfte die Wunschoption. Woher kommt dann der hohe Zuspruch bei der Frage nach dem Ansehen der Lehre als Ausbildung? Auch hier lohnt ein Blick auf die Details, denn beim eigenen höchsten Bildungsabschluss geben 35% der Befragten an, eine Lehre absolviert zu haben. 13% haben nur einen Pflichtschulabschluss und die Gesamtsumme aus beiden Gruppen entspricht ziemlich genau der Verteilung bei den Eltern. Da überrascht es wenig, wenn der eigene Bildungsabschluss und jener der Eltern als attraktiv angesehen wird. Übrigens geben auch nur 20% der Befragten die Lehre als höchsten angestrebten Bildungsgrad an, 37% tendieren zu einem FH/Uniabschluss.

Mario Derntl, Geschäftsführer zukunft.lehre.österreich: "Die junge Generation weiß, dass eine Lehre eine wertvolle Berufsausbildung ist, dennoch haben wir einen Lehrlingsmangel."

Das führt mich schon zum Fazit: 72% fänden einen akademischen Titel nach einem Lehrabschluss wichtig, um die Attraktivität der Lehre zu steigern. Die Hälfte aller Befragten ist auch dafür, dass die Lehre mit Matura ausgebaut wird (obwohl derzeit nur 7% aller Lehrlinge diese in Anspruch nehmen). Die Unternehmen sind in großem Maße gefordert darüber nachzudenken, wie wir die Karrieremöglichkeiten nach einer Lehre und deren konkreten Verlauf sichtbar machen. Wir müssen uns massiv Gedanken machen, wie wir die Berufsorientierung verbessern können. Hier wird es nicht reichen darauf zu warten, bis das im Bildungsbereich endlich wirklich getan wird. Erfolgsmodelle wie die Talentechecks der WKO Steiermark müssen rasch auf Österreich ausgerollt werden und wir brauchen konkrete Wege, um SchülerInnen über unsere Berufe und die dafür notwendigen Skills zu informieren. Vor allem aber müssen wir die Eltern erreichen, denn sonst ist vieles nur vergebliche Liebesmüh. Wenn wir die Jugendlichen überzeugen, aber die Eltern dann dagegen arbeiten, dann haben wir nichts gewonnen. Es muss uns als Ausbildungsbetriebe klar sein, dass nicht die anderen Ausbilder unsere Konkurrenten um die Jugendlichen sind, sondern die höheren Schulen. Abschließend hat es Andreas Gnesda, Beiratsvorsitzender der Leitbetriebe Austria auf den Punkt gebracht: „Gebt jungen Mitarbeitern Freiheiten und Gestaltungsspielraum, und sie werden ihre Kreativität und teilweise exzellenten Kompetenzen – Stichwort Digital Natives – in ihre Arbeit einbringen. Zeigt ihnen, dass ihre Arbeit wichtig ist, und ihre Arbeit wird ihnen mindestens so wichtig sein wie älteren Generationen“.

Die Studienergebnisse zum Download

Über den Autor:

Robert Frasch ist Chefredakteur von ausbilden.co.at und Gründer von lehrlingspower.at Er unterstützt zahlreiche Unternehmen und Institutionen bei der konkreten Umsetzung von Maßnahmen, die Ausbildungsbetriebe dabei unterstützen, ihre Ausbildung und ihr Recruiting zu verbessern.

Autor/in:
Robert Frasch
Werbung

Weiterführende Themen

Branchen
22.05.2020

MicroLearning Academy und KnowledgeFox stellen kostenlose Online-Kurse für die Tourismusbranche im Umgang mit Covid-19 zur Verfügung. Das Lern-Angebot ist ab sofort via App auf allen mobilen ...

Praxis
25.03.2020

Der FORUM Verlag und die Weiterbilder bieten gemeinsam mit lehrlingspower.at allen Ausbildungsverantwortlichen kompetente Informationen rund um die Auswirkungen von Corona. 

Praxis
19.03.2020

Als sich am 26.02. bereits zum dritten Mal rund 80 Ausbilderinnen und Ausbilder aus ganz Österreich zum Ausbildertag von „die Weiterbilder“ trafen, wusste noch niemand, dass dies eines der letzten ...

Recruiting
05.12.2019

Das Imageproblem der Lehre wird zwar etwas besser, ist aber immer noch ein Thema, warum Eltern nicht begeistert sind, wenn ihre Kinder "nur" eine Lehre machen sollen. Das gilt umso mehr, desto ...

BM Stilling übergibt das Gütesiegel an die ÖBB Rail Cargo Group
Ausbildung
18.11.2019

Mit über 2.000 Lehrlingen, die in 25 Lehrberufen ausgebildet werden, zählt die ÖBB zu den größten Ausbildungsbetrieben des Landes. Das ihre mehrfach ausgezeichnete Lehrlingsausbildung auch viele ...

Werbung