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ROBERT FRASCH

Mehr ist besser?

03.04.2017

Es ist Mode geworden, von allem am besten ganz viel zu liefern. Da gibt es den Mega- pack im Supermarkt – nimm drei, zahl zwei – oder die 20 Prozent Gratisinhalte. Bei meinem Bäcker diskutiere ich immer wieder, dass ich keine Krapfenaktion brauche. Weil es mir nichts nützt, wenn ich fünf Stück bezahle und sechs bekomme. Wir sind nun mal nur zu dritt bei uns zu Hause. Und jeder will – oder sollte – nur einen Krapfen essen.

Aber dieses „Mehr“ bezieht sich auch auf Aktivitäten und Kommunikation. Viele Kinder haben schon in der Volksschule einen Terminkalender, da wird dem erfahrensten Vorstandschef ganz anders. Vom Unterricht geht es in die Förderstunde, dann direkt zum Fußballtraining. Um zeitgerecht bei der Logopädin zu sein und dann auch noch die Hausübung zu erledigen. Abgesehen von fernsehen auf 100 Kanälen, Social-Media-Aktivitäten erledigen und eines der vielen vorhandenen Videospiele ausprobieren. Natürlich wollen wir alle das Beste für unsere Kinder, aber ist das Beste immer ein Mehr von allem? Wir wundern uns, dass die Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Erkrankungen zunehmen. Aber viele Eltern denken gar nicht da-ran, dass es vielleicht an der permanenten Überforderung liegt.

Wer vieles beginnt, macht weniges gut. Das könnte auch ein Synonym für die Entwicklung des Bildungssystems und der Lehrlingsausbildung sein. Ich habe manchmal das Gefühl, für jedes Spezialgebiet wird eine neue Schule oder ein neuer Lehrberuf entwickelt. Natürlich entwickeln sich Anforderungen weiter, aber oft vergessen wir darauf, Altes und nicht mehr Gebrauchtes wegzulassen. Sehen Sie sich mal die Lehrpläne an Schulen an. Da wird vieles gelehrt, was heute wahrscheinlich kaum noch jemand braucht. Weil man es im Internet findet oder eine Fachcommunity fragen kann. Ganz abgesehen von der Halbwertszeit des Wissens. Die liegt bei Technologie inzwischen bei zwei bis drei Jahren.

Dafür ist aber dann kaum Platz, um die Jugendlichen das zu lehren, was wirklich notwendig wäre. Nämlich nachzudenken, woher Informationen kommen. Wer ein Interesse daran hat, gewisse Informationen zu verbreiten. Und wie man Richtiges von Falschem unterscheidet. Das gelingt nur, wenn man Zeit hat zu reflektieren und seine Meinung zu bilden. Wer sich mit Infohäppchen begnügen muss, weil die Aktivitäten des Lebens nicht mehr Zeit lassen, der ist auf Gratiszeitungen angewiesen. Die uns ja versprechen, Information auf den Punkt zu bringen. Das alles gilt genauso auch für uns Ausbilder. Auch hier nehmen die Anforderungen ständig zu, noch ein neuer Report, noch eine neue Kennzahl. Dazu sollte man sich auch bei Lehre mit Matura auskennen, auf allen Social-Media-Kanälen top sein und am besten hellseherische Fähigkeiten entwickeln.

Jeder, der schon einmal bei einem All-you-can-eat-Buffet dabei war, weiß, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder man entscheidet sich, manchmal auch schweren Herzens, auf so manches zu verzichten. Oder man nimmt die Magenschmerzen danach in Kauf, ganz zu schweigen vom Blick auf die Waage am Tag danach. Bei mehrfachem Besuch solcher Buffets oder XXL-Restaurants hilft dann nur noch eine konsequente Diät. Vielleicht wäre eine solche im übertragenen Sinn auch für die duale Berufsausbildung und unsere Jugend bekömmlich.

Autor/in:
Robert Frasch
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