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Lehrlinge in der IT - und generell

24.09.2017

Nicht nur die IT Branche ist in Zeiten der Digitalisierung gefordert, aber die vielleicht besonders. Wird sie doch jenes Wissen beisteuern müssen, das oft (noch) nicht vorhanden ist. Dafür braucht sie Fachkräfte, wie natürlich auch alle anderen Branchen. In der Computerwelt vom 30.05. formuliert Thomas Dietinger von DCCS „es braucht eine neue Ausbildungskultur… ein übergeordnetes Konzept… Schule 4.0“. Alles Forderungen, die – wie wir als gelernte Österreicher wissen – einige Zeit in Anspruch nehmen werden. Die wir wahrscheinlich nicht haben, umso mehr wäre es mehr als eine Überlegung wert, auf ein bewährtes System zurückzugreifen. Die Lehrlingsausbildung ist in vielen Dingen fertig und könnte kurz- bis mittelfristig den Fachkräftenachschub erhöhen. Einige Antworten auf (generell) offene Fragen.

Warum ausbilden, wenn doch alles so mühsam ist?

Wenn Sie nicht selbst ausbilden, müssen Sie Kapazitäten am Arbeitsmarkt zukaufen. Meist in Form von Schulabsolventen oder durch Abwerben von Mitbewerbern. Die Kosten sind in beiden Fällen wohl deutlich höher, als der Aufwand für die Lehrlingsentschädigung. Bei der zunehmenden Vielfalt an Schulrichtungen und Schwerpunkten wissen Sie, bis auf wenige Ausnahmen, erst recht wieder nicht was ein Bewerber eigentlich kann. Gut, Ausnahmen wie Hagenberg gibt es, aber die Preise für diese Absolventen sind hoch. Dazu kommt, dass 2016 die Anzahl der Studienplätze reduziert wurde, eine Maßnahme die nicht wirklich zur Bedeutung der IT passt. So viel auch zur zu erwartenden Unterstützung der Regierung in der Thematik Facharbeiter. Ihre eigenen Abläufe werden aufgrund externer Anforderungen immer komplexer, ein Lehrling der diese von der Pieke auf lernt, wächst mit diesen Anforderungen mit. Schlußendlich gilt es auch, gesellschaftliche Verantwortung zu zeigen. Sei es aus alturistischen Motiven oder schlicht deshalb, weil es für das Image gut ist und als Beitrag für den neuerdings verpflichtenden CSR Report  genutzt werden kann.

Was interessiert Jugendliche überhaupt?

Zunächst einmal, was es eher nicht ist: klassische Karrierepfade sind es nicht mehr, in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrisen sehen Jugendliche das völlig nüchtern. Wer weiß schon, ob es ein Unternehmen lang genug gibt, um Karriere zu machen. Marketing ist es auch nicht, Werbemassnahmen per se erreichen die Generation der add-blocker nicht mehr. Jugendliche suchen Aufgaben mit Sinn und wollen das Gefühl, einen direkten Beitrag zu leisten. Betriebe, bei denen die Lehrlinge früh „am Kunden“ arbeiten dürfen, haben kaum Motivationsprobleme. In Start-ups arbeiten junge Menschen wenn es sein muss auch umsonst. Sie wollen halt die Welt retten und vor allem, sie wollen dazugehören. Das ist auch in einem „normalen“ Umfeld möglich. IT Anwendungen sorgen dafür, dass Krankenhäuser funktionieren, die Kommunikation reibungslos läuft oder das Filmdownloads möglich sind. Storytelling funktioniert nicht nur im klassische Marketing, sondern auch im Recruiting.

Über welche Wege erreicht man Jugendliche?

Eine wichtige Bemerkung vorab: es geht nicht darum, viele Bewerber zu finden. Es geht darum die Richtigen zu begeistern. Dazu müssen Sie überlegen, wer diese Richtigen eigentlich sind. Die Definiton „Jugendliche“ greift dabei zu kurz. Brauchen Sie eher einen Nerd, der endlose Datenkolonnen abarbeitet? Oder einen intuitiven Bastler, der Probleme beim Kunden löst? Oder einen Social Media Freak, der ungewöhnliche Lösungen im Internet findet? Wenn Sie definieren, wen Sie suchen, dann finden Sie ihn auch leichter. Laden Sie dazu gerne auch „was hat Recruiting mit Vertrieb zu tun“ herunter. Ein Vortrag, den ich des Öfteren vor Recruitern halte. Lassen Sie sich nicht einschüchtern, wenn Sie von Kampagnen mit riesigem Aufwand hören. Machen Sie zunächst in Ihrer Umgebung bekannt, dass Sie ausbilden.

Was machen erfolgreiche Unternehmen anders?

Dachser Logistik in Himberg hat letztes Jahr allen Fahrern selbst entworfene C6 Folder über die Lehre bei Dachser mitgebgeben. Die wurden bei allen Kunden im Umkreis von 30 km rund um die Niederlassung abgegeben. Thalia sendet seine Folder ab Spetember mit jedem Paket an seine Kunden mit. Die Leobersdorfer Maschinenfabrik hat einen Facebook Channel gegründet. Dort werden Fotos der eigenen Lehrlinge gepostet mit dem Effekt, dass deren Eltern die Seite liken (um zu sehen was die Kids so machen). Und die Eltern haben Freunde… Kopf schlägt Kapital, Regionalmedien sind immer noch ein Garant für Aufmerksamkeit. Ihre Geschichte, Storytelling again, nimmt im Idealfall dem Redakteur Arbeit ab und informiert Ihre direkte Umgebung. Im Bewerbungsgespräch sind sie eher an der Persönlichkeit, denn an den Noten interessiert. Gerade wenn Sie nicht eine Vielzahl an Lehrlingen suchen, investieren Sie diese Zeit, es macht sich bezahlt. Authentische und ehrliche Kommunikation hilft dabei das Sie nur das versprechen, was Sie danach auch halten können.

Was muss generell anders werden?

Hier könnte man lang und breit Maßnahmen aufzeigen, wie das Image der dualen Ausbildung wieder in den richtigen Zusammenhang gestellt wird. Als ein gleichberechtiger und gleichwertiger Weg ins Berufsleben und zu guten Mitarbeitern. Ja, auch auf der Seite der Unternehmen muss umgedacht werden. Die Lehre muss in gleicher Weise positioniert sein, wie alle anderen Karrieremöglichkeiten auch. Nicht nach dem Motto „wir haben tolle Jobs für Ausbilder und ach ja, Lehrstelle hätten wir auch eine“. Wir müssen gemeinsam Eltern die Wahrheit erzählen, über den Einstieg ins Arbeitsleben nach einer Schule. Dazu gehören auch korrekte Angaben zu Einstiegsgehältern und –bedingungen, Stichwort Generation Praktikum. Wir müssen praktikable Best Practices aufzeigen. Der Leiter der gesamten Netzsparte bei der A1 ist Mitte 40 und ein ehemaliger Lehrling. Und wir müssen es schaffen, die Großeltern ins Boot zu holen. Die sind es meist, die in den Ferien oder an den Nachmittagen auf die Jugendlichen schauen. Die haben einen Bezug zur Lehre, haben sie doch oft selbst eine absolviert. Ihr Bild ist ein veraltetes aber wenn wir ihnen einen aktuellen Blick ermöglichen, dann haben wir hier starke Verbündete. So wie Magna, die bei jedem Pensionistentreffen auch Informationen über die Lehre bieten.

Lassen Sie sich bitte nicht verunsichern von den vielen plakativen Aussagen über „die Jugend“. Seien Sie mutig genug, dem entgegenzutreten und suchen Sie Lösungen – so wie Sie das bei Ihren Aufgabenstellungen kennen. Machen wir gemeinsam Lust auf Ausbildung!

Weitere Infos:

Das Netzwerk für Ausbilder

Autor/in:
Robert Frasch
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