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Lehren für die Zukunft

28.07.2020

Krisen in einem Ausmaß wie die gegenwärtige führen oft dazu, nur noch zu reagieren. Dieses Reagieren darf sich aber nicht nur auf das absolut dringliche hier und jetzt beschränken. Denn jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Wenn ich über die aktuelle Situation rund um Corona nachdenke dann habe ich das Gefühl, dass wir nicht nur von einer Krise reden dürfen. Denn eine Krise ist immer die Unterbrechung eines Zustandes, nach deren Überwindung es meist weitergeht wie zuvor. Die weltweiten Auswirkungen dieses Virus dürften wohl eher eine neue Ära einleiten, in der vielleicht vieles nicht mehr so sein wird, wie wir es gewohnt waren. Tiefgreifende Veränderungen hat es auf diesem Planeten immer wieder gegeben, seien es technische Neuigkeiten wie die Dampfmaschine, politische Umwälzungen wie der Zerfall der ehemaligen kommunistischen Länder oder kriegerische Auseinandersetzungen. Erfolgreich sind immer die Unternehmer, die frühzeitig ihre Prozesse anpassen und neue Möglichkeiten nutzen, die es nach jeder Veränderung auch immer gibt. Wenn wir nicht aktiv mit der aktuellen Situation umgehen, dann werden wir zu jenen gehören, die auf die Hilfe von Anderen angewiesen sind.

Die durch Covid-19 weltweit ausgelösten Maßnahmen zeigen schonungslos jene Bereiche auf, in denen es auch vorher schon Probleme gab. In vielen Branchen wird seit Jahren von Digitalisierung gesprochen, passiert ist meist relativ wenig. Bei allen Diskussionen war man sich immer einig, dass daran kein Weg vorbeiführen wird, aber was wurde konkret getan? In der Lehrlingsausbildung hat man versucht, mit viel Marketing kleinste Schritte als Digitalisierung zu verkaufen. Die Ausgabe von Tablets allein, wie in der Baubranche, digitalisiert aber noch keinen Beruf. Jetzt sind wir in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit mit den Realitäten von Versäumnissen der Vergangenheit und veralteten Geschäftsmodellen konfrontiert.

Nicht alles war besser

Ein verklärter Blick zurück und die Hoffnung auf eine, wie auch immer zu bewerkstelligende, Wiederherstellung des Ausgangszustandes ist dabei ebenso wenig hilfreich, wie das berüchtigte Zitat „früher war alles besser“. Die duale Ausbildung hat schon lange ein veritables Imageproblem, es würde also niemand helfen, wenn nach Corona wieder alles wie früher wäre. Ausbilderinnen und Ausbilder waren immer schon jene Akteure, die per Definition flexibel und individuell agieren müssen. Veraltete Ausbildungsvorgaben mussten schon seit Jahren auf die realen Anforderungen der Wirtschaft angepasst werden, weil seitens der Politik nichts verändert wurde. Die jugendlichen Bewerber haben sich ebenfalls, teilweise wirklich radikal, verändert. Aber trotzdem schaffen es die Ausbilderinnen und Ausbilder immer wieder, das erforderliche Wissen zu vermitteln. Wohlgemerkt ohne großartige Unterstützung, denn der Wert der Ausbildung ist oft auch innerhalb der Betriebe kaum angemessen wahrgenommen worden. Es wäre also dringend an der Zeit, die Wertigkeiten zu hinterfragen und die Krise dafür zu nutzen, wieder bodenständiger zu agieren. Der Wert von regionalem Handwerk und fachlicher Kompetenz der Mitarbeiter könnte in der nächsten Zeit jenes Unterscheidungsmerkmal sein, das bei der Kundengewinnung ausschlaggebend wird

Die Antworten sind schon da

Wenn wir auf die letzten Wochen zurückblicken dann sind viele erstaunt, was in kürzester Zeit alles möglich wurde. Durch Corona wissen wir, dass Homeoffice nicht zum Untergang führt und haben gelernt, dass wir unseren Mitarbeitern durchaus vertrauen können. Wir haben in kürzester Zeit und ohne wochenlange Entwicklung von Strategiepapieren und endlosen Meetings Abläufe verändert und angepasst, die auch für die Zukunft Nutzen bringen werden. Auch viele Lehrbetriebe haben ihre Ausbildungspläne digital angereichert und, oft gemeinsam mit den betroffenen Lehrlingen, Corona-tauglich gemacht. Wenn wir das alles danach nicht wieder in diversen Schubladen verstauen, dann werden wir aus dieser Situation gestärkt hervorgehen. Dazu wird es noch viel mehr Austausch brauchen, als wir das bisher gewohnt sind. Vor allem der Wert persönlicher Beziehungen wird noch viel wichtiger werden als in der Vergangenheit. Es geht beim Neustart nicht darum, einen Wettbewerbsvorteil für sich allein zu finden. Denn ganze Branchen werden Lösungen benötigen, um wirtschaftlich zu überleben.

Die wichtigen Fragen stellen

Es wird nun nicht darum gehen, nur die richtigen Fragen zu stellen. Denn wer weiß schon, welche das sein werden, wenn alles anders wird? Es geht darum, die wichtigen Fragen zu finden und zu beantworten. Dazu gehören im Bereich der Ausbildung auch langfristige Überlegungen. Um die Zukunft zu gestalten, müssen wir eine Kombination aus bewährten Grundlagen und notwendigen Anpassungen schaffen. In der Ausbildung kann das vor allem dadurch gelingen, dass wir jene mit einbinden, die es betrifft: unsere Lehrlinge selbst. Niemand ist näher an Technik und jugendlichen Denkmustern als sie. In gleichberechtigter Kombination mit der Erfahrung unserer Ausbilderinnen und Ausbilder schaffen wir die Grundlage, um die Geschäftsmodelle der Zukunft umzusetzen. Unsere Fachkräfte haben in der Vergangenheit schon oft bewiesen, dass sie sich anpassen können.

Aktiv und innovativ

Wenn wir es schaffen, unsere bewährten Modelle nicht panisch über Bord zu werfen, sondern sie endlich wirklich anzupassen, mache ich mir um unsere Wirtschaft langfristig wenig Sorgen. Gerade in diesen Zeiten brauchen wir Förderungen für jene Unternehmen, die Lehrplätze erhalten oder gar ausbauen. Solche Förderungen sind langfristig wesentlich billiger, als die fehlende Kaufkraft durch eine hohe Jugendarbeitslosigkeit oder die Ausbildung von jungen Menschen auf Staatskosten. Jetzt wäre die richtige Zeit, um unser Bildungssystem zu reformieren. Um mehr Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit zu erzielen, damit nicht alle nach der formal höchsten Bildung streben müssen. Wenn die Politik sehr mutig ist, dann könnte man jetzt auch darüber nachdenken, ob es auch in Zukunft Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten geben muss. Denn dass wir alle nur gemeinsam und miteinander die Zukunft gestalten können, dazu brauchen wir weder Propheten noch Spin Doctoren. Dafür reicht die Besinnung auf menschliche Werte und das Vertrauen in unsere Stärken.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus einem Artikel im SENATE Magazin 01 2020. Mitglieder von lehrlingspower.at können die Vollversion im ihrem Mitgliederbereich nachlesen.

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