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Es ist der beste Job der Welt

18.07.2018

„Sehr geehrte Frau Fessl, vielen Dank dass ich bei Ihnen schnuppern durfte, es hat mir sehr gut gefallen, aber ich möchte Ihnen mitteilen dass ich doch eine andere Lehrstelle annehmen werde" Hannes, Noah, Stefan, Franz – die Liste könnte ich hier unendlich fortsetzen. Max, Kevin und Daniel sind am zweiten Tag gar nicht mehr auf der Baustelle erschienen um ihr Schnupperpraktikum durchzuziehen und Gabriel hat es nicht mal bis zur ersten Frühstückspause geschafft durchzuhalten. Während ich mir die letzten Tests der verbleibenden Kandidaten so durchschaue bin ich mir – wie jedes Jahr um diese Zeit – nicht ganz sicher ob mein Job wirklich Sinn macht. Und doch ist es der beste Job der Welt.

Claudia Fessl-Rauhofer

Unsere Bewerber tun sich irgendwie alle schwer, sich das Jahr des österreichischen Staatsvertrags zu merken. Die Telefonnummer der Rettung weiß zumindest die Hälfte der Getesteten, die anderen würden die Polizei anrufen – vielleicht gar nicht so schlimm, können die nicht auch die Rettung schicken wenn Not ist???   Addieren schaffen sie fast alle, Subtrahieren geht holprig, Divisionen quasi gar nicht, auch wenn sich die Rechnungen immer auf 00 Rest ausgehen. 2/3 von 100 sind meist 16, manchmal auch ein bisserl mehr, die Sonne geht im Norden auf und im Süden unter (ich nehme mal an weil es in Italien, Griechenland und der Türkei so richtig heiß ist im Sommer J). Der Lindwurm macht einen kleinen Ausflug nach Graz, der Uhrturm findet es in Klagenfurt „echt klass“, aber – ich fühle ein kleines Bisschen Glück in mir – der Stephansturm steht in Wien, das wissen alle, immer! Der Ausflug mit der Volksschule durch die Innenstadt hat sich bezahlt gemacht, Hurra!

Wirklich herausfordernd wird es wenn wir ein Grundstück, 18m x 12m einzäunen wollen, an deren Breitseite ein Haus steht. Das werd ich jetzt endlich ändern und das Haus aus der Angabe streichen! Kein einziger Kandidat – in den letzten 5 Jahren – hat dieses Einfamilienhaus auf der einen Breitseite gewürdigt und einfach einen Zaun hingebaut, weil Umfang = 2xLänge + 2xBreite.                                  Ob diese Zaunbauerei was mit dem Zeitgeist zu tun hat?

Unser Test besteht aus zwei Teilen, einem der bewertet wird – und das schaut selten sehr gut aus, Gott sei Dank bin ich nicht in der Schule und kann die Punkte vergeben wie ich es für richtig halte und so manchen Rechengang bewerten der eigentlich auch nur ein Zufallstreffer ist – da ich selbst keine große Leuchte war während meiner Schulzeit muss man ja die Dinge nicht schlimmer machen als sie sind.

Und dann gibt es noch einen zweiten Teil der eher zum frei schreiben ist. Frei – ja, das wird auch oft so verstanden. Da bleibt viel „frei“, viele Fragen werden oft überhaupt nicht beantwortet weil die Kids keine darauf haben. Ich gehe davon aus dass ihnen wahrscheinlich noch niemand eine gestellt hat dass es sich dafür lohnt mal nachzudenken. Oder auch „frei“ – weil man dann wirklich viel Phantasie braucht um die Hieroglyphen zu entziffern, man könnte den Eindruck gewinnen alle unsere Deutschlehrer wurden bei einer Epidemie dahingerafft und der Deutschunterricht wäre irgendwie nicht existent - wie sonst könnte es, ganz regelmäßig, zu folgenden Sätzen kommen: „es ißt meine Krösste wuntsch eine elektriger zu sein weil ich da ein Gelt vertin“ ….. zugegeben, es ist ja nix daran auszusetzen gutes Geld zu verdienen aber in so einem Fragebogen liest sich das „vertinen“ ziemlich schräg……. Weniger ernst nehme ich mittlerweile so Dinge wie „Abendschule und Berufsmatura“ –  mal ganz ehrlich, was soll man davon halten wenn die Jugendlichen mit sieben Nicht Genügend zum Vorstellungsgespräch kommen und auf die Frage des „Warum Elektroinstallationstechniker“ antworten „weil ich nimma in die Schule geh´n mag“ und die Eltern schon mit der Schnapsidee rausrücken dass man ja auch eine Berufsmatura machen könnte und ob wir das eh unterstützen…??

Das Licht am Ende des Tunnels

Ich habe vor mir die Unterlagen von Marie, einem Mädel aus Weißrussland, Furkan, einem 21 jährigen Schulabbrecher, Moslem, der sich schon in 4 Jobs versucht hat und Marvoosi einem Flüchtlingskind aus Afghanistan. Er hat Glück im Unglück – er hat eine Familie hier gefunden die ihn aufgenommen hat, die sich um ihn kümmert, sein Leid besser ertragen lässt und ihm die schönen Dinge des Lebens zeigt.

Marie schreibt dass ihr die Schnupperwoche ausnehmend gut gefallen hat, dass alle Kollegen sie als Mädchen respektiert haben und dass ich mir keine Sorgen machen muss wenn das auf der Baustelle mit dem Damenklo nicht so toll funktioniert. Sie möchte so viel wie möglich über die Elektrotechnik lernen und die Chance nutzen die ich ihr einräumen könnte in einem echt technischen Beruf eine Karriere zu starten, sie möchte ihre Kompetenzen erweitern und ihre Stärken zeigen – bei rauhofer Elektrotechnik. Sie beschreibt sich als teamfähig, verlässlich und interessiert – das haben meine Monteure auf der Baustelle von sich aus auch über Marie gesagt, nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatten dass ich ihnen ein Mädel mit langen blonden Haaren zum schnuppern auf die Baustelle geschickt habe…….

Furkan betont die angenehme Atmosphäre auf der Baustelle (ich bin ganz hin und weg dass er das Wort richtig geschrieben hat!), den Respekt den man ihm entgegengebracht hat den hat er besonders betont und er freut sich dass er mit seinen Händen arbeiten durfte. Er hat gestemmt und das hat ihm Spaß gemacht, kabeleinziehen ist viel anstrengender als er sich vorgestellt hat und dass es Sicherheitsvorschriften gibt das findet er super, besonders dass diese eingehalten werden.  Er  wusste bis dahin nicht dass man mit einer Leiter nicht gehen darf, dass es Unternehmen gibt die Schutzbrillen, Gehörschutz, Handschuhe und Helme verteilen. Auf Nachfragen hat man ihm auch erzählt dass wir richtige Sicherheitsschulungen anbieten, dass es eine Sicherheitsfachkraft gibt die – sehr oft gemeinsam mit dem Arbeitsmediziner die Baustellen besuchen und schauen ob es auch allen gut geht. Und er findet dass das einfach nur super, dass wir uns um unsere Mitarbeiter so kümmern. Das alles schreibt er unter der Rubrik: Was hat dir besonders gut gefallen bei deinem Schnupperpraktikum und wie stellst du dir deine Lehrzeit bei rauhofer Elektrotechnik vor. 

Marvoosi überrascht mich wieder mit seinem Deutsch – das ist mir sofort beim Vorstellungstermin aufgefallen. Der junge Mann ist gerade mal seit Dezember 2016 in Österreich, und jede zweite Mittelschullehrerin würde mich um ihn beneiden und ihn gerne unterrichten. Er möchte einen Beruf mit Zukunft lernen, etwas, worauf er aufbauen kann, er möchte einen sicheren Arbeitsplatz und viel Wissen inhalieren (ja, so steht das da), eigentlich wollte er Fußballer werden, aber dann musste er sich auf den Weg machen und in eine ungewisse Zukunft reisen. Sein Vater war immer sehr lieb zu ihm, er war ein Handwerker und er möchte dieses Erbe mitnehmen und etwas daraus mache, bei rauhofer Elektrotechnik wurde er aufgenommen wie er ist und möchte hier alles lernen was er so braucht.  

Es ist der beste Job der Welt

Ich spüre, wie mein Herz klopft, meine Hände werden ein wenig feucht,  - es ist ein bisschen wie verlieben. Ja, ja ich hab den richtigen Job, den besten Job der Welt! Wie jedes Jahr macht sich eine Freude in mir breit, mein Herz hüpft vor Freude - ich hab sie gefunden! Meine drei Schützlinge mit denen ich und das ganze Team die nächsten Jahre arbeiten werde, für die ich mich einsetzen werden, mit denen ich auch manchmal ein ernstes Wort reden werden muss, über deren Noten ich mich manchmal ärgern aber sehr oft freuen kann, deren Fortschritt wir ein wenig dokumentieren werden, denen wir helfen werden fit für die Zukunft zu werden.

Und jetzt muss ich hier aufhören zu schreiben, denn ich muss sie sofort anrufen und ihnen sagen, dass wir uns auf sie freuen und auf sie zählen – Marie, Furkan und Marvoosi!

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