17.01.2005
Gastgeberin für Mensch und Tier
Cecily Corti, die Witwe des Meisterregisseurs Axel Corti, betreibt in Wien eine ungewöhnliche Notschlafstelle für Obdachlose: In der VinziRast sind Alkohol und Zigaretten erlaubt, Hunde willkommen und die Gäste mit all ihren Problemen akzeptiert.
Von Marie-Thérèse Gudenus Adressat
Foto Sophie Dvorak
Society. Lady. Charity. Diese Begriffe sind in den Klatschspalten eng miteinander verwoben. Seltener erwähnt wird die Publicity, die für die Akteurinnen oft auch keine unwesentliche Rolle bei ihrem Engagement für die gute Sache spielt. Doch es gibt auch Damen der so genannten Gesellschaft, denen Ruhm und öffentliche Anerkennung vollkommen egal sind. Deren Aktivitäten sich nicht auf das Organisieren von Benefiz-Konzerten und Gala-Diners zwecks Spendensammlung beschränken. Die sich nicht scheuen, mit den Außenseitern unserer Gesellschaft in Berührung zu kommen und sich der Begegnung von Mensch zu Mensch stellen. Eine dieser stillen Helferinnen ist Cecily Corti, die Witwe des großen, österreichischen Regisseurs Axel Corti.
"Ich empfinde meine Arbeit gar nicht als toll", wiegelt die schlanke, hoch gewachsene Dame denn auch gleich jegliche Anerkennung ab. "Ich lasse mich gern von Ideen Anderer entzünden." Im konkreten Fall kam der Funke von Pfarrer Wolfgang Pucher, dessen Vinzenzgemeinschaft 1993 in Graz ein Dorf aus Baucontainern errichtete, um obdachlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen - Essen, Schlafen, Waschen und medizinische Versorgung. "Sein Motto Heimat für Heimatlose hat mich berührt", schildert Corti ihre erste Begegnung mit Pucher vor zwei Jahren, "vor allem deshalb, weil Achtung, Würde und Liebe bei seiner Arbeit im Vordergrund steht und er uns auf die - wie er es nennt - Sünde der Distanz aufmerksam macht." Spontan entschloss sich Corti, sich zur Verfügung zu stellen, und schrieb innerhalb weniger Tage 600 Briefe an Freunde, Bekannte und Verwandte, Künstler und Politiker. "Ich habe mich an jeden gewandt, den ich irgendwie kannte." Mit überzeugendem Erfolg: Im April dieses Jahres konnte Corti die "VinziRast", eine Notschlafstelle für Obdachlose, in Wien-Meidling eröffnen.
Offene Türen für Obdachlose
"Mit Hilfe großzügiger Spenden, dem Engagement eines Unternehmers und Unterstützung der Vinzenzgemeinschaft in Graz konnten wir ein Haus kaufen, in dem wir nun rund 250 Quadratmeter für unsere Gäste zur Verfügung haben", berichtet Corti. Gäste - allein dieses Wort ist bezeichnend für den Umgang des VinziRast-Teams mit jenen, die diese Notschlafstelle in Anspruch nehmen. "Wir wollen die Menschen nicht nur auf der Ebene ihrer Bedürfnisse sehen, sondern akzeptieren und respektieren sie so, wie sie sind", sagt Corti. Daher gebe es in der VinziRast keinerlei Resozialisierungsdruck, "kein Zupfen und Drängeln", höchstens die Bitte mitzuhelfen, etwa für Ruhe zu sorgen, damit es keine Schwierigkeiten mit Anrainern gibt.
"Natürlich ist es manchmal schwer, keinen ungebetenen Rat zu erteilen. Hör auf zu saufen, hör auf zu rauchen, tu dies, lass das - wer das dauernd gesagt bekommt, hört irgendwann gar nicht mehr hin." Daher ist es in der VinziRast gestattet, Alkohol zu trinken oder zu rauchen, wenn auch nicht im Schlafraum. Sogar Hunde sind als Begleiter ihrer Herrchen oder Frauchen willkommen, in jeder anderen Hilfseinrichtung undenkbar. "Einer unserer Gäste, ein junger Bursch, substitutionsabhängig, schläft immer eng umschlungen mit seinem Hund. Dieses Tier ist sein Halt, seine Liebe und das einzige Lebewesen, das sein uneingeschränktes Vertrauen verdient - aber der Grund, weshalb er nirgends eine Entzugstherapie machen kann, weil keine herkömmliche Einrichtung dieser Art Hunde akzeptiert."
Anfänglich sei es schwierig gewesen, den Vorstand der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, deren Obfrau Cecily Corti ist, von der Toleranz gegenüber Vierbeinern zu überzeugen. "Die Mitarbeiter, allesamt ehrenamtlich, haben zu Recht argumentiert, dass es ohnehin schwierig genug sei, mit teils angetrunkenen, teils psychisch kranken Gästen umzugehen. Womöglich streitende Hunde seien eine unnötige zusätzliche Belastung. Aber es hat sich gezeigt, dass diese Befürchtung grundlos war: Obwohl fast jeden Abend drei, vier Hunde in die VinziRast kommen, hat es noch nie Probleme gegeben."
Schwieriger sei es manchmal, zweibeinige Streithähne zu trennen: "Bei Obdachlosen ist die Ausländerfeindlichkeit sehr groß, und wenn unsere 48 Betten auch in erster Linie für ÖsterreicherInnen da sind, so nehmen wir auch Ausländer auf, wenn Betten frei sind." Was allerdings selten der Fall ist: "Fast täglich müssen wir Leute wegschicken." Deshalb träumt Cecily Corti von einem VinziDorf, ähnlich jenem in Graz, "aber mit Pavillons statt Containern. Es hat sich gezeigt, dass diese offene Dorfstruktur die niedrigste Hemmschwelle für Gäste darstellt. Es ist aber nicht so leicht, ein passendes Pachtgrundstück zu finden." 3000 Quadratmeter müsse es schon haben und vor allem eine gute Verkehrsanbindung in die Stadt, damit die Dorfbewohner den Kontakt zu den Menschen ihres bisherigen Lebens halten können.
Schmerz als Chance
Eine tiefe Verbindung haben, aber frei bleiben - das ist auch Cecily Corti selbst ein großes Bedürfnis. "Freiheit bedeutet mir viel", gibt die Mutter dreier Söhne zu, "auch wenn ich mit meinen Kindern sehr eng bin, so ist unser Verhältnis doch gleichzeitig frei." Dabei hat die Familie für die gebürtige Gräfin Herberstein einen hohen Stellenwert: Als mittleres von fünf Geschwistern erlebte sie eine liebevolle, glückliche Kindheit im heutigen Slowenien, bis ihr Vater 1945 von kommunistischen Partisanen abgeholt wurde und nicht wieder kam. Das damalige Leid, die innigen Gebete sind Corti in lebhafter Erinnerung und prägten sie. "Ich glaube, dass wir am Leid wachsen, nicht am Glück. Wenn wir lernen, Schmerz als Chance zu begreifen, mehr über uns selbst und das Leben zu erfahren, dann reifen wir als Menschen."
Mag Cecily Cortis Leben für Außenstehende auch privilegiert erscheinen, sei es im Hinblick auf ihre Herkunft oder ihre bewegt-glückliche Ehe mit einem gefeierten Künstler, so durchlebte sie doch auch jede Menge Höhen und Tiefen. "Mitte vierzig durchlebte ich eine tiefe Krise, alles stellte sich für mich in Frage, wofür ich zu leben gemeint und meine Kraft eingesetzt hatte: Mann, Familie, Freunde, Religion. Alles war brüchig geworden."
In dem Bemühen, diese Lebenskrise zu überwinden, entdeckte Cecily Corti die Arbeiten von Karlfried Graf Dürckheim und entschloss sich zu einer umfassenden Ausbildung in seiner "Initiatischen Therapie". Durch ZEN - Sitzen in der Stille - fand sie Zugang zu einer neuen, tiefen Dimension spiritueller Erfahrungen. Daraus ergab sich, wie sie meint, ganz selbstverständlich Interesse und Anteilnahme am Leben von Menschen, die nicht zum unmittelbaren Familien- und Freundeskreis gehören. So arbeitete sie zum Beispiel mehrere Monate in einem Pariser Frauenhaus. Nach Wien zurückgekehrt, fand die 64-jährige mit der VinziRast - vorerst - ihre Bestimmung. Durchschnittlich zweimal pro Woche übernimmt sie selbst den Nachtdienst, fast täglich schaut sie für ein, zwei Stunden vorbei, spricht mit den Gästen, hört zu, sorgt freundlich, aber bestimmt für Ordnung. "Unsere Mitarbeiter sind ja alle ehrenamtlich, und regelmäßig kommen können nur wenige. Damit das nicht falsch verstanden wird: Auch wenn jemand nur einmal im Monat einen Nachtdienst übernimmt, ist es wunderbar, aber ich wünsche mir einen Kern von 25, 30 festen Mitarbeitern, die eine notwendige Kontinuität garantieren."
Wer Cecily Corti kennt, weiß: Sie wird diese MitarbeiterInnen finden, ebenso wie ein Grundstück für ihr VinziDorf. Die Meidlinger Notschlafstelle ist sicher noch nicht der letzte Baustein im Lebenswerk der stillen Power-Frau - insbesondere auch in spiritueller Hinsicht: "Ich seh' die VinziRast als Übungsplatz für uns. Wir sind nicht besonders wohltätig, sondern wir bekommen hier eine Chance. Denn die Welt ist eine Einheit, was in der Welt vorgeht, hat Auswirkungen auf uns. Und umgekehrt."(12/04)
Wilhelmstraße 10
1120 Wien
Öffnungszeiten: täglich 18.30 bis 8.00 Uhr
Einlass: 18.30 bis 22.00 Uhr
Kosten: 1 Euro pro Nacht (inklusive Duschen und Essen)
Tel. (0650) 368 31 74
Adressat
www.vinzi.at
- Sachspenden: Benötigt werden vor allem Kaffee und Zigaretten, aber auch Spannleintücher und Männerbekleidung wie Socken, Schuhe, Unterwäsche, warme Jacken und Pullover.
- Spendenkonto: BA-CA, Kontonummer: 514 13 533 033, BLZ: 12000
Phil Bosmans (belgischer Ordenspriester und Schriftsteller, *1922)

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