27.10.2002
Die bewohnten Bücher der Pluhar
Das künstlerische Multitalent Künstlerin Erika Pluhar schreibt nicht nur selbst Bücher, sie liest auch leidenschaftlich gern. Was, verrät sie hier.
"Ich habe sinnliche Freude an Büchern", sagt Erika Pluhar, und wenn man sich in ihrem Grinzinger Haus umsieht, ist man versucht, dieses Statement mit einem ironischen "Was Sie nicht sagen!" zu quittieren: Abgesehen von drei großen Bücherwänden stapelt sich überall Gebundes und Broschiertes -- auf dem Boden, dem Klavier, auf Sesseln, Tischen und dem Sekretär. "Bücher sind und waren immer sehr wichtig für mich", ergänzt die 63-jährige Künstlerin, wobei das gleichermaßen für Werke anderer Autoren wie solche aus ihrer eigenen Feder gilt. Dabei ist die Schriftstellerei "erst" die dritte Profession, die Erika Pluhar im Laufe ihrer mehr als 40-jährigen künstlerischen Laufbahn einschlug: Sie begann als Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars als Schauspielerin am Wiener Burgtheater und schuf sich in den 70-er Jahren als Sängerin ein zweites Standbein - vorwiegend mit Kompositionen ihres damaligen Mannes André Heller und Wolf Biermanns, aber auch mit Chansons und Wiener Liedern.
Die "Schreiberei" kam ebenso wie das Filmemachen erst relativ spät, mit zwei Büchern Anfang der 80-er Jahre und weiteren sieben seit 1992. "Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" lautet der Titel ihres jüngsten, im Vorjahr erschienenen Romans, den die Autorin selbst als "mein extremstes Buch" bezeichnet: "Ich habe es vor dem Tod meiner Tochter begonnen und nach ihrem Tod fertig gestellt. Es ist stilistisch sehr eigen, und erfreulicherweise ein großer Erfolg für den Verlag."
Welche Bücher lesen Sie denn gern, Frau Pluhar? Die vielseitige Künstlerin lacht: "Am liebsten Taschenbücher, weil ich viel nachts im Bett liegend lese und ein schweres, gebundenes Buch die Arme lähmt." Um dann, ernster, zu ergänzen: "Ich habe so meine Phasen. Stifter, zum Beispiel, hat mir sehr viel gegeben. Es gab eine Beauvoir-Zeit. Eine Hemingway-Zeit. Virgina Wolf, Henry Miller oder - kürzer zurück liegend - John Irving."
Bei der Auswahl lässt sich Erika Pluhar auch gern von Buchhändlern etwas empfehlen, obwohl sie davon überzeugt ist, dass "die Bücher zu mir kommen". Etwa auf den Lesereisen, wenn sie vor einer Lesung in der Bücherei auf das Publikum wartet und die Zeit zum Herumwandern zwischen den Regalen nützt. "Es freut mich übrigens besonders, wenn mir zerlesene Ausgaben meiner Bücher zum Signieren gebracht werden, denn Bücher sollen ,bewohnt' sein." Trotzdem liest sie selbst Bücher selten mehr als einmal. "Eventuell Lyrik, aber sonst bin ich der Meinung, Bücher sind Begegnungen, und die kann man nicht wiederholen."
Aber man kann die Begegnung mit lieb gewonnenen Autoren wiederholen. "Momentan lese ich die ´Ansichten eines Solisten´ von meinem Freund Werner Schneyder. Wir sind einander seit Jahren treue Leser und tauschen unsere jeweiligen Eindrücke ganz ehrlich aus", erzählt die Künstlerin, die nicht zuletzt für ihr offenes Eintreten für ihre Überzeugungen und Anliegen - etwa für Frieden oder Emanzipation - berühmt ist.
Einer ihrer All-time-Favorits ist auch Georges Simenon, "ein Meister des Weglassens und Reduzierens", wie die Wienerin neidlos anerkennt. Die Krimis des "grandiosen Schreibers" finden sich als "belehrende Reiselektüre" oft in ihrem Handgepäck. "Heutige Krimis sind ja leider vielfach schlecht geschrieben", kritisiert die Autorin die bedauerliche Tendenz zum "Bestsellerismus", der "genauso blöd wie die Quotensucherei im Fernsehen" sei: "In den Talkshows am Nachmittag leben die Zuschauer eine Fratze von Leben mit. Es gibt keine Privatsphäre des Menschen mehr, dafür Desavouierung - und Quoten."
Rollenspiele
Die Qualität des heute im Fernsehen, Kino und auf der Bühne Gebotenen ist auch einer der Gründe dafür, warum Erika Pluhar die Schauspielerei an den Nagel gehängt hat: "Eine klägliche alte Frau spiel' ich sicher nicht, aber so wird eine Frau meines Alters heute gezeigt. Eine Rolle, die ich annehme, müsste Vernünftiges und Wesentliches zu sagen haben, und das ist derzeit nicht der Fall. Ich werde nie wieder in einem Repertoire sein und nie wieder Schauspielerin im üblichen Sinn." Was ihr Austritt aus dem Burgtheater-Ensemble zu ihrem 60. Geburtstag zu bestätigen scheint. Andererseits räumt sie ein, dass zumindest ein Projekt sie schon noch reizen würde: "Wenn ich mein letztes Buch verfilme, würde ich die weibliche Hauptrolle spielen" - gesprochen hat sie diese schon für die Hörbuch-Version.
Apropos sprechen: Ihre Stimme ist das Markenzeichen von Erika Pluhar, dunkel, sinnlich, feminin. Eine Stimme, der man anhört, dass diese Frau Höhen und Tiefen erlebt hat, Liebe und Erfolg genießen durfte, aber auch schmerzhafte Trennungen durchmachen musste. Gerade in solchen schweren Stunden stellten Bücher eine große Hilfe für die Künstlerin dar: "Ich erfahre gern Antworten oder hole mir Zustimmung aus Büchern. Und ich reflektiere meine Gedanken beim Schreiben - seien es nun Bücher oder Lieder, die zwischendurch entstehen." Ein Wort, das in vielen Texten auftaucht und ebenso simpel wie eindrucksvoll Pluhars Lebensphilosophie widerspiegelt: "trotzdem"…
Obwohl angesichts der unzähligen Bücherstapel in ihrem Salon nicht zu befürchten ist, dass ihr demnächst der Lesestoff ausgeht, nimmt uns die Künstlerin noch in ihre Lieblingsbuchhandlung in der nahe gelegenen Obkirchergasse mit. "Eigentlich möchte' ich sie alle lesen", meint sie beim Betrachten der verlockend präsentierten Neuerscheinungen in dem dreigeschossigen Geschäft. "Obwohl: Kinderbücher sind im Moment nicht mein Fall, und Kochbücher interessieren mich auch nicht so." Rascher Nachsatz: "Essen allerdings schon! Ich bin halt leider nur für niedere Dienste in der Küche einsetzbar; schon eine Eierspeis' von mir ist nicht das Wahre." Was der Liebe ihres 17-jährigen Enkelsohns, mit dem sie zusammen lebt, bestimmt keinen Abbruch tut. Zum Leidwesen der Großmutter liest der Knabe allerdings nicht, "noch nicht", wie Erika Pluhar hofft, denn "er ist sehr begabt und hat ein ausgesprochenes Talent für Sprachen."
Das hat er vermutlich von seiner Oma, die ihrerseits von der Sprache und der Schauspielerei ihr Talent für das Schreiben von Dialogen ableitet. Ansonsten lebt sie ihre Sprachbegabung wenig aus, denn "ich reise nicht viel, nur beruflich", verrät die zurückgezogen lebende Allrounderin. "Meine Reisen führen nach innen, zum Nachdenken, deswegen interessieren mich Reisebücher nicht besonders. Ab und zu muss ich ans Meer fahren, an einen starken Ozean wie den Atlantik, hinaus schauen und kapieren, dass etwas Anderes wesentlicher ist als das, was wir meinen." Sprach's, legt den Band "Sämtliche Gedichte" von Ingeborg Bachmann für heute zurück ins Regal und verlässt die Buchhandlung - und uns.
Obkirchergasse 43, A-1190 Wien
Mo-Fr 9-18, Sa 9-17 Uhr
T (01) 533 70 22
www.stoeger.net

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