24.10.2002
Die Srpska-Serben sind am ärmsten
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Am Telefon: Reinhold Kolland, Exekutivdirektor der Volksbank BH d. d.
Die Wirtschaft:
Wie sieht das Gehaltsniveau in Bosnien-Herzegowina bei Führungskräften und Mitarbeitern im Vergleich zu den jetzigen EU-Staaten aus?
Kolland: Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei relativ eigenständigen Entitäten. Eine davon ist die bosniakisch-kroatische Föderation Bosnien-Herzegowina. Diese ist wiederum in 10 Kantone unterteilt. Die zweite Entität ist die Serbische Republik Republika Srpska. In der Föderation liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen der unselbstständig Beschäftigten bei rund KM 450 pro Monat.
Damit liegt das Einkommensniveau in der Föderation um etwa 50 Prozent über dem in der Republika Srpska. Die Lohnnebenkosten betragen rund 70 Prozent. Generell ist dabei anzumerken, dass bei den Gehältern große regionale und branchenabhängige Unterschiede zu beobachten sind. Führungskräfte werden in BiH sehr unterschiedlich entlohnt. Das Nettoeinkommen bewegt sich in einer Bandbreite, die von 1000 KM pro Monat bis hin zu westeuropäischen Einkommenswerten reicht.
Wie hoch sind die Geschäftsmieten in den Ballungszentren und im ländlichen Raum?
Kolland: Auch bei den Mieten sind große regionale Unterschiede zu beobachten. Während für Lokationen in guter Lage in den großen Städten Mietpreise von KM 30 bis 45/m2 zu bezahlen sind, liegen die Preise in kleineren Städten bei etwa KM 15 bis 25/m2. Auch bei den Mietpreisen im ländlichen Raum ist auf Grund der fehlenden Markttransparenz eine große Schwankungsbreite vorhanden.
Gibt es aktuelle Änderungen im Bereich Steuer & Recht, die für Wirtschaftstreibende von Bedeutung sind?
Kolland: Die rechtlichen Rahmenbedingungen können noch immer nicht als einfach und übersichtlich bezeichnet werden. Vor allem die Kluft zwischen den theoretisch gegebenen rechtlichen Voraussetzungen und den faktischen Gegebenheiten, die einer teilweise umständlichen Bürokratie zu großen Spielraum geben, ist als Hindernis zu nennen. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass sich die Situation in diesem Bereich in den letzten Jahren verbessert hat. Seit 1999 wurden verschiedenste Gesetze geändert oder neu erlassen. Dazu zählen unter anderem das Gesetz über die Wirtschaftsgesellschaften und das Gesetz über die eigentumsrechtlichen Beziehungen. Letzteres erlaubt ausländischen juristischen Personen, die in der Föderation registriert sind, den Immobilienerwerb. Das Investitionsrecht aus dem Jahr 1995 erlaubt - von einigen Schlüsselbereichen abgesehen - eine 100-prozentige ausländische Beteiligung an Unternehmen. Im Bereich Steuern und Abgaben ist anzumerken, dass derzeit große Anstrengungen unternommen werden, um Unternehmen durch zeitlich befristete Steuervorteile Anreize zur Einstellung von Arbeitslosen zu geben. Ein wesentlicher Fortschritt ist durch die Einführung eines Mehrwertsteuersystems nach westlichem Vorbild zu erwarten. Es soll im zweiten Halbjahr 2003 kommen.
Welche Branchen befinden sich besonders im Aufschwung?
Kolland: Allgemein ist zu sagen, dass es neben der unterschiedlichen Wirtschaftsentwicklung in den beiden Entitäten auch beachtliche regionale Unterschiede gibt. Während in der Föderation vor allem die Regionen Sarajewo in den Bereichen Industrie und Dienstleistungen, die Herzegowina in der verarbeitenden Industrie und im Handel sowie die nördlichen Regionen in den Bereichen Landwirtschaft und Handel überdurchschnittliche
Zuwächse verzeichnen, ist in der Republika Srpska die Region um Banja Luka im Industriebereich positiv hervorzuheben. Nicht zu vergessen ist auch die holzverarbeitende Industrie, die sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt hat. Diese Wirtschaftssektoren verfügen gemeinsam mit dem bisher noch langsam wachsenden Transport- und Kommunikationsbereich über großes Wachstumspotenzial.
Worin unterscheidet sich das Wirtschaftsleben in Bosnien-Herzegowina von jenem in Österreich und anderen EU-Staaten?
Kolland: Die Wirtschaft von Bosnien-Herzegowina hat kriegsbedingt zwischen 1992 und 1995 massive Rückschläge erlitten. Die industrielle Produktion ist in diesen Jahren um mehr als 90 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 75 Prozent gesunken. Auf Basis dieses niedrigen Niveaus ist die Wirtschaft seit 1996 kontinuierlich gewachsen.
Als Konsequenz daraus ist zu sagen, dass der wohl wesentlichste Unterschied - neben den bereits vorher erwähnten Schwierigkeiten hinsichtlich der teilweise unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen - im nach wie vor bestehenden Wachstumspotenzial und der damit verbundenen Möglichkeiten des Marktes in Bosnien-Herzegowina besteht.

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