17.12.2002
Die Flutsteuer
Die Opfer der Flut bleiben auf dem Großteil ihrer Schäden sitzen: Trotz öffentlicher Katastrophenhilfe, privater Unwetterversicherung und großzügiger Spenden vieler Österreicher. Künftig könnte ein Katastrophenfonds einspringen, gespeist aus einer als Versicherungsprämie getarnten Katastrophensteuer. Und: Versichern wird teurer.
Noch-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel war das Wort am ersten Tag des Hochwassers in der oberösterreichischen Stadt Steyr vor laufender Kamera herausgerutscht: Flutsteuer zur Finanzierung der notwendigen Hilfe für die Opfer. Seither gibt es solche öffentliche Wortspenden nicht mehr. Dafür wird hinter den Kulissen intensiv an Finanzierungsmodellen für die künftige Katastrophenvorsorge gearbeitet. Wahrscheinlichste Variante: Eine Pflichtversicherung für alle Immobilien.
Das Hochwasser vom August hat die derzeitigen Grenzen der Versicherbarkeit von Naturkatastrophen ziemlich deutlich gemacht und die Schwächen der bestehenden Versicherungsdeckung aufgezeigt. Allein in Österreich sollen sich die Schäden auf bis zu sieben Milliarden Euro belaufen, wenn man die Herstellungskosten der Infrastruktur mit berücksichtigt. Privaten dürfte ein Schaden von zumindest fünf Milliarden Euro entstanden sein. Dem steht eine Milliarde an Hochwasserhilfe gegenüber, die die Bundesregierung gerade beschlossen hat. Die Versicherungen werden an die Hochwasseropfer rund 500 Millionen Euro auszahlen, schätzt der Präsident des Versicherungsverbandes, Generali-Chef Dietrich Karner. Mehr ist nicht versichert. Das Ergebnis privater Spendenaktionen ist schwer zu schätzen, wird sich aber nicht weit jenseits der 200 Millionen Euro bewegen.
Die Katastrophenversicherung führt bisher ein ziemliches Dornröschendasein. Versicherbar sind Schäden durch Hochwasser, Lawinenabgänge oder Erdbeben erst seit ein paar Jahren. Einer der Gründe, dass die Gesellschaften die vorher wegen des nicht kalkulierbaren Risikos als unversicherbar geltenden Ereignisse in ihr Angebot genommen haben, war die Lawinenkatastrophe von Galtür Anfang 1999.
Kleine Prämie, kleine Deckung
Im privaten und kleingewerblichen Bereich wird in der Regel ein Versicherungspaket als Zusatzprodukt zur Feuerversicherung angeboten, das die wichtigsten Naturkatastrophen abdeckt. Die Prämien sind im Vergleich zur Feuerversicherung so gering, dass sie nicht weiter auffallen - entsprechend bitter ist dann im Ernstfall die Überraschung, dass auch die Leistungen an der Geringfügigkeitsgrenze liegen. Die berühmten 3.600 Euro erschienen vielen Hausbesitzern angesichts der Millionenschäden geradezu als Hohn.
Warum es zu dieser alles andere als befriedigenden Situation gekommen ist, darüber gehen die Meinungen in der Versicherungswirtschaft auseinander. Ernst zu nehmende Versicherungssummen setzen ernst zu nehmende Prämien voraus, macht sich Karl Fink, Vorstandsmitglied der Wiener Städtischen, keine Illusionen.
Eine vernünftige Relation zwischen Prämien und Versicherungsdeckung könne nur entstehen, wenn die Risikogemeinschaft groß genug ist. Eine Prämienkalkulation entsprechend einem regionalen Gefahrenkataster, wie er in Deutschland von etlichen Gesellschaften verwendet wird, hält Fink für kontraproduktiv. Außerhalb der Gefahrenzonen werde niemand für eine Versicherung zahlen, und in den engeren Gefahrenzonen könne wegen der Gefahr des kumulierten Risikos nicht versichert werden.
Diese Argumentation der Wiener Städtischen ist in der Versicherungswirtschaft nicht weit verbreitet. Wilhelm Paul von der Niederösterreichischen sieht die Sache wesentlich differenzierter: Die Katastrophenversicherung sei aus Wettbewerbsgründen praktisch prämienfrei als Zusatzprodukt zur Feuerversicherung angeboten und von den Kunden als Gratisleistung angenommen worden. Die Niederösterreichische habe ab 1998 sehr wohl höhere Versicherungssummen angeboten und diese auch aktiv beworben. Die Prämien betragen im privaten Bereich ein Promille der Versicherungssumme, im Gewerbe 1,2 und in der Landwirtschaft 1,5 Prozent. Fazit: Fast niemand war bereit, für ausreichenden Versicherungsschutz zu zahlen. Von den mehr als 100.000 einschlägigen Verträgen im Bestand sind ganze 44 Stück mit einer Versicherungssumme von einer Million Schilling abgeschlossen worden. Fast alle Verträge umfassen nur die prämienfrei angebotenen Mindestdeckung, gerade genug, um den Keller auszupumpen und die Sauna wieder herzustellen.
Fußangel Kleingedrucktes
Die im Ernstfall zu den tatsächlichen Schäden oft niedrigen Versicherungsleistungen können sich aber noch weiter verringern. Im nicht individuell kalkulierten Breitengeschäft mit den privaten Häuselbauern und den kleinen Gewerbetreibenden sehen sich die Versicherer nämlich gezwungen, Gesamtschadensgrenzen einzuführen. Übersteigt der Gesamtschaden eine bestimmte Summe, verringert sich die Auszahlung für jeden Versicherten aliquot, heißt es in den Geschäftsbedingungen der meisten Versicherer.
Anders lasse sich das Risiko dieser kumulierten Schäden nicht begrenzen, argumentiert der Schadenschef der Wiener Allianz, Karl Prossinger. Alternativ könnte nur die Zahl der übernommenen Verträge pro Region limitiert werden.
Dass ein Verzicht auf diese Limitierung auch große Gesellschaften ernsthaft betreffen kann, zeigt die Deutsche Allianz, die unter den Schäden an der Elbe schwer zu leiden hat.
Den Versicherungsnehmern seien weder solche Einschränkungen noch die immer begrenzten Versicherungsdeckungen bewusst. Bis zur vollen Höhe der Versicherungssumme zahlt nämlich keine Gesellschaft. Auch die günstigsten Verträge enden bei 50 Prozent der Versicherungssumme, weil der Totalverlust nicht als Versicherungsfall galt. Der Wildwuchs an Begrenzungen und Ausschließungsklauseln ist auch den Versicherungsmaklern ein Dorn im Auge. Gremialvorsteher Wolfgang Steinmayr argumentiert, dass sich auch der professionelle Makler keinen vollständigen Gesamtüberblick mehr verschaffen könne. Im übrigen werde sich kaum ein Klient für einen Versicherungswechsel entscheiden, wenn eine bisher als Nebenprodukt zur Feuerversicherung angebotene Risikodeckung woanders ein bisschen billiger sei. Als positiv bewertet Steinmayr die rasche Hilfe durch die meisten Gesellschaften. Anker-Chef Gerhard Jeidler: "Unsere Mitarbeiter haben die Schäden schon am Tag der Katastrophe besichtigt und gleich vor Ort die Schecks ausgestellt".
Genau das werde es aber in Zukunft nicht mehr geben, ist Generali-Vorstand Bruno Friedl überzeugt. Die Branche denke jetzt über grundlegende Veränderungen nach, weil das Ganze so nebenbei nicht mehr betrieben werden könne. Bisher seien zusätzliche Deckungen aus Konkurrenzgründen sozusagen zum Nulltarif vergeben worden. Jetzt müsse auch in der Katastrophenversicherung eine kaufmännisch begründbare Struktur her. "Wir waren da immer schon der Rufer in der Wüste. Aber jetzt belebt sich diese".
Rückversicherer erhöhen Prämiendruck
Dass sich die Strukturen verändern, dafür werden nach einhelliger Meinung schon die internationalen Rückversicherer sorgen, die ihre Prämien im Herbst neuerlich dramatisch anheben werden. Von den rund 500 Millionen Euro an Schadenszahlungen werden sie etwa 80 Prozent zu tragen haben. Das wird die Prämienverhandlungen im Herbst beherrschen, sind alle Österreicher überzeugt, zumal die Branche bereits vor zwei Jahren nach massiven Hagelschäden schwer zur Kassa gebeten worden ist. Die folgenden Prämienerhöhungen hätten die Österreicher "geschluckt", berichtet Friedl, das werde diesmal nicht mehr der Fall sein.
Während Fink auch für die Zukunft auf die große Risikogemeinschaft und einheitliche, wenn auch ausreichende Prämien setzt, glaubt Friedl daran, dass die Branche auch über diese Frage nachdenken werde. In hoch gefährdeten Gebieten wird es dann eben keine Deckung mehr geben, was jetzt schon im individuell kalkulierten Industriebereich durchaus der Fall sei. In Deutschland wird darüber diskutiert, ob in Köln künftig überhaupt noch versichert wird. In Steyr oder Spitz ist das durchaus auch vorstellbar. Im Fragebogen zur Risikobeurteilung scheint die Frage nach den Hochwässern in den letzten zehn Jahren auf; wenn es Überschwemmungen gegeben hat, wird der Versicherungsschutz abgelehnt. In der Feuerversicherung gibt es beispielsweise in der Holz verarbeitenden Industrie solche Fälle und auch exorbitant hohe Prämien, wenn die Risikovorsorge nicht den Vorstellungen des Versicherers entspricht.
Wilhelm Paul glaubt, dass sich auch die Katastrophenrisiken versicherungstechnisch bewältigen lassen, wenn man rational an die Sache herangeht. Gerade die Pegelstände der Hochwässer seien akribisch dokumentiert. Damit lasse sich für jeden Ort Österreichs die Hochwassergefährdung interpolieren, und zwar nach Häufigkeit: jährliches Ereignis, zehnjähriges, fünfzigjähriges oder Jahrhunderthochwasser. Entsprechend könne die Prämie kalkuliert werden. In der Versicherung von Baustellen von Industrieanlagen oder Kraftwerken sei das bereits gang und gäbe. Klarerweise werde sich für Keller, die jedes Jahr überschwemmt werden, kein Versicherer finden. Ein mit Sicherheit ein tretendes Ereignis sei eben naturgemäß kein Fall für die Versicherung, sondern für die Vorsorge.
Eigenvorsorge gefordert
In diesem Punkt habe die Flut vom August viele Schwächen aufgezeigt. In regelmäßig überflutete Keller gehören keine Saunastüberl und Tiefkühltruhen, und es sei auch nicht Gott gegeben, dass Heizöltanks davonschwimmen müssen. "Die lassen sich hochwassersicher bauen, aber das kostet etwas", steckt Paul die Richtung einer künftigen privaten und gewerblichen Katastrophenversicherung ab, die nicht mehr auf die Übernahme der Kosten für das Auspumpen der Keller, sondern auf echte Risikovorsorge abgestimmt ist.
Ganz privat wird die Katastrophenvorsorge aber auch künftig nicht sein. Versicherungsmakler Steinmayr bringt an diesem Punkt die Verantwortung der öffentlichen Hand ins Spiel. Viele Schäden seien auch dadurch entstanden, dass in früher als hochwasser- oder lawinengefährdet geltende Gebiete gebaut werden durfte, weil die Behörden umgewidmet haben. Umgekehrt schließe im Tiroler Kaunertal heute niemand mehr eine Lawinenversicherung ab, weil die Region nach verheerenden Lawinenabgängen zur "Festung" ausgebaut worden sei.
Volle Deckung unfinanzierbar
Ziemlich einheitlich ist die Meinung, dass die Katastrophenversicherung wegen der Nichtkalkulierbarkeit auch künftig nicht auf die volle Deckung der Schäden abzielen kann, weder im individuellen Industriebereich und schon gar nicht im standardisierten Massengeschäft. Die volle Katastrophenhilfe werde bei der öffentlichen Hand verbleiben, wenn auch anders als bisher strukturiert. Als Beispiel dient die Einrichtung des sogenannten Terror-Pools, aus dem Versicherungswirtschaft und öffentliche Hand einschlägige Schäden decken wollen. Die Versicherer sollen 50 Millionen Euro zuschießen, die Rückversicherer weitere 150 Millionen, und der Staat will eine Haftung für weitere 400 Millionen Euro übernehmen, zeigt sich Verbandspräsident Karner optimistisch. Friedl sieht allerdings noch keine "definitive Zusage", obwohl der Pool bereits mit 1. Jänner kommenden Jahres starten soll. Ob nach dem Rücktritt der Regierung die im Finanzministerium gemachten Versprechungen im kommenden Jahr eingelöst werden, steht in den Sternen.
Zuschlag zur Feuerversicherung wahrscheinlich
Der Katastrophen-Pool könnte hinsichtlich der Verteilung zwischen Erst- und Rückversicherer ähnlich funktionieren wie der Terror-Pool. Allerdings soll er mit Versicherungsprämien gefüllt werden, was nur über eine Pflichtversicherung für alle Immobilien unabhängig von der tatsächlichen Gefährdung funktioniert. Als Beispiel für ein solches Obligatorium dient die Schweiz, wo das System der verpflichtenden Solidarität sei Jahren praktiziert wird.
Als wahrscheinliche Basis für die Prämienberechnung gilt derzeit die Feuerversicherung, zu der ein Katastrophenzuschlag eingehoben werden soll. Über dessen Höhe wird diskutiert. Zehn Prozent der Feuerprämie könnten als Richtwert gelten. Über eine über die Prämien hinaus reichende Dotierung durch die öffentliche Hand oder eine Garantie für eine Aufstockung der Mittel im Ernstfall ist mit dem Finanzministerium bereits verhandelt worden, allerdings noch ohne konkretes Ergebnis. Wenn sich die österreichischen Versicherungen mit Ministerium und Rückversicherern einigen können, ist immer noch die kartellrechtliche Hürde in Brüssel zu nehmen. Wettbewerbskommissar Mario Monti hat bereits verlauten lassen, die unter dem Eindruck des 11. Septembers gegebene Zustimmung zum Terror-Pool zu bereuen; umso schwieriger werde grünes Licht für den Katastrophen-Pool zu bekommen sein, heißt es im Versicherungsverband. Alternativ dazu können sich manche Versicherungskapazunder auch ein Modell mit langfristiger Katastrophenrückstellung und entsprechenden staatlichen Investitionen in Naturschutzkatastrophenprojekte vorstellen.
Trotzdem will man die durch das Hochwasser nicht nur in Österreich positive Stimmung für eine solche Lösung möglichst rasch nutzen. "Jetzt ist die Solidarität mit den
Opfern noch groß, und der Boden ist aufbereitet. Mit dem zeitlichen Abstand nimmt das rasch ab", sagen die Versicherer, die den Pool mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. Einerseits ist eine Pflichtversicherung immer ein willkommenes Zusatzgeschäft mit eingeschränktem Aufwand, andererseits fungiert man nicht gerne als Eintreiber einer neuen Steuer für den Finanzminister.
Die Investmentbank Merrill Lynch schätzt den durch das August-Hochwasser verursachten Schaden in Europa auf 15 Milliarden Euro. Davon sind höchstens 20 Prozent durch Versicherungen abgedeckt, 80 Prozent davon werden die Rückversicherer tragen müssen.
Auf Weltmarktführer Münchner Rück entfallen rund 500 Millionen Euro, man wagte daher auch keine Prognose mehr für die Ergebnisvorsorge im Gesamtjahr 2002, was die Kapitalmärkte weiter irritierte. Der Aktienkurs hat sich von Juli bis Ende September auf 121 Euro halbiert. Allerdings erneuerte die US-Ratingagentur Standard & Poor's im September das Triple A-Rating der Münchner. Die Swiss Re veranschlagt die Flutschäden in Deutschland, Österreich und Tschechien auf 7,5 Milliarden Euro. Wirklich gut geht es auch dem Papier des zweitgrößten Rückversicherers nicht: Notierte die Aktie Anfang Juli noch über 120 Schweizer Franken, rutschte der Kurs Ende September unter 80.
Anfang September gründeten 50 Versicherungskonzerne unter deutscher Patronanz die Extremus AG, welche Betriebsunterbrechungen und Sachschäden durch Terroranschläge versichern soll (bei Gesamtschäden über 25 Milliarden Euro). Mit einer Rückversicherungskapazität von 3 und einer Staatshaftung von 10 Milliarden Euro sollen Einzelrisken mit maximal 1,5 Milliarden Euro abgegolten werden. In den nächsten Monaten rechnet man mit Prämieneinnahmen von 300 Millionen Euro. Beteiligt sind laut netzeitung.de neben den Rückversicherern Münchner Rück und Swiss Re die Allianz-Gruppe und 47 weitere Versicherer.

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