17.01.2005
Vom Gummizwerg zum Bilderberg
In den 70er-Jahren stürmte Heinrich Walcher als Mitbegründer des Austropop die Hitparaden. Sein wichtigeres künstlerisches Anliegen  die Malerei  lebt er jetzt in einer zweiten Karriere aus.
Von Marie-Thérèse Gundeus Adressat
Foto Christian Michel
„Mein Problem ist, ich bin ein doppelt Begabter, und die eine Begabung hat die andere behindert.“ Was aus dem Munde (fast) jedes Anderen überheblich und eitel klingen würde, nimmt man Heinrich Walcher ab: Der 56-jährige Künstler ist hin- und her gerissen zwischen seiner Musik, die ihm internationale Erfolge eintrug, und seiner Malerei, in der er seine wahre Berufung sieht, deren Vermarktung ihm allerdings gleichzeitig gegen den Strich geht.
Wir sitzen zum Interview im Wiener Café Bräunerhof, Walchers Stammcafé, nota bene auch das des von ihm „obwohl er gerade wieder in Mode ist“ verehrten Thomas Bernhard  das Atelier in Niederösterreich sei „noch zu ungemütlich“. Und Walcher erzählt emotionell, ohne Mitleid heischenden Unterton, wieso er im Gegensatz zu einigen seiner künstlerischen Kontemporanten  etwa Wolfgang Ambros oder Georg Danzer  heute kein Multi-Millionär ist, und das trotz höchst viel versprechender Anfänge.
Es war in den 70er-Jahren, als das zarte Pflänzchen des Austropop zu sprießen begann. Heinrich Walcher, frisch gebackener Mag. Art. der Akademie der Bildenden Künste in Wien, ließ sein bei Prof. Wolfgang Hutter erlerntes Können links liegen, um mit selbst geschriebenen und getexteten Songs wie „Gummizwerg“ die Hitparaden zu stürmen. „Natürlich hat mich der Erfolg begeistert“, gibt der gut aussehende Bohemien zu, „aber für den Maler in mir war die Aufmerksamkeit, die das Lied erregte, eine Störung. Nur noch die Musik wurde wahrgenommen, und die im Vergleich zur Popmusik stille und sanfte Malkunst wurde in den Hintergrund gedrängt.“
Wieder einmal, ist man versucht zu sagen, denn schon beim Volksschüler Walcher überstrahlte die musikalische Begabung das zeichnerische Talent. Man stellte Klein-Heinrich mit einer Geige auf die Bühne, lobte sein Spiel  „und ich folgte dem Gestaltungstrieb, sprich: Ich tat, was ich gut konnte und wofür ich gelobt wurde“. Als Teenager wechselte er „angeregt durch die Beatles-Epoche“ von der Violine zur Gitarre und begann, selbst erste Lieder zu schreiben.
Heute meint Walcher selbstkritisch: „Ich würde mich nicht als großen Musiker bezeichnen, nur als Liedermacher, denn wichtig waren immer primär die Texte, die Musik ist Verpackung, Gebrauchsmusik, nichts Hervorragendes.“ Obwohl bei 120 auf Tonträger gebannten Liedern „wohl auch ein paar originelle Melodien dabei“ seien. Aber damals blendete ihn das Lob, der Erfolg  und „prompt bin ich in die Begabungsfalle geraten: Du glaubst, du kannst mit Kunst deinen Lebensunterhalt verdienen, womöglich noch mit Arbeiten, die du selbst für deine besten hältst. Aber man darf die Zwänge und den Druck nicht unterschätzen! Ich hab’ mich dem nicht beugen wollen, und das hat sich zwangsläufig auf meine Karriere ausgewirkt.“
Umsteiger, nicht Aussteiger
Fünf Jahre nach seinem Nummer-1-Hit „Gummizwerg“ erfüllte sich Heinrich Walcher seinen Lebenstraum: Er zog mit seiner Frau und den drei Kindern nach Kärnten, „auf einen Kultberg im Mölltal“, wo er einen Bauernhof gepachtet hatte. „Viele bezeichneten das damals als Aussteigertum, aber das ist Unsinn: Wer Steuern zahlt und Auto fährt, ist kein Aussteiger. Ich hab nur eine möglichst freie Lebensform gewählt, weil ich ein Maximum an freiem Lebensraum um mich brauche“, begründet der blauäugige Barde den Schritt zurück zur Natur. In diesem Paradies verwirklichte Walcher seine Freiheitsromantik: Er hielt Pferde, Schafe, Hühner und Enten - und er begann, die Malerei als sein Hauptanliegen zu betrachten. Zwar produzierte er quasi nebenbei zwei LPs („in Sprechverbot verarbeitete ich meine Schulprobleme, und in Es war, es ist und es wird sein beschrieb ich meine private Lebenssituation“), aber insgesamt stellte er die Popkarriere hintan. Heute resümiert er trocken, dass „diese 22 Jahre im Wald meiner Karriere nicht gerade förderlich“ waren.
Immerhin entstanden in dieser Zeit die meisten der rund 2500 Bilder, die Heinrich Walcher bis heute verkauft hat  und zwar ausschließlich in Ausstellungen und aufgrund von Mundpropaganda; mit Galerien wollte der eigenwillige Künstler nie etwas zu tun haben. Er gibt zu, dass ihm seine Bekanntheit als Musiker geholfen hat, Bilder zu verkaufen, aber der große Durchbruch blieb bis heute aus. Fragt man ihn nach den Gründen für den mangelnden wirtschaftlichen Erfolg, so bietet Walcher mehrere mögliche Ursachen an: „Erstens war ich nie ein großer Verkäufer. Auch meine Plattenauflage war nie besonders hoch, meine Musik immer eher ein Minderheitenprogramm. Außerdem sind meine Bilder vielleicht zu esoterisch, meine Arbeiten nicht homogen genug. Es fällt mir schwer, mich als Maler in eine Schublade zu stecken. Man hat bei meinen Ausstellungen oft das Gefühl, dass da drei verschiedene Künstler präsentieren, und die Ratlosigkeit der Besucher ist teilweise stark zu spüren.“
Bilder als Seelenspiegel
Tatsächlich lassen sich Walchers Bilder in drei Gruppen einteilen:
- Bilder als Reaktion auf die Umwelt, die wichtige aktuelle Themen („zum Beispiel die Zerstörung der Natur“) phantastisch-realistisch widerspiegeln,
- Bilder als Experimente mit Material und Sichtweise: Bei dieser „Spielerei mit dem Sinnlich-Ästhetischen“ kommen selbst erfundene Techniken (zum Beispiel mit Sand) zum Einsatz, und schließlich
- Bilder, die Walchers Visionen darstellen abbilden und „science-fiction-mäßig Einblicke in meine Innenwelt“ geben.
Welches Genre Walcher selbst bevorzugt? „Das wechselt, je nach Stimmungslage. Ich arbeite immer an mehreren Bildern gleichzeitig; manche entstehen in ein paar Stunden, andere in Monaten.“ Momentan widmet sich Heinrich Walcher „wieder verstärkt dem Menschen und dem Figuralen“ und ist deshalb von der Acryl- zur Ölmalerei zurückgekehrt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die Auftragsarbeiten ganz und gar nicht schätzen, bedauert der Wahlniederösterreicher, nicht noch mehr „auf Druck“ malen zu müssen. „Ich hab’ vor drei Jahren für das Landesmuseum St. Pölten ein Historiengemälde von der Stadtgründung gemalt  solche Aufträge könnten ruhig häufiger kommen.“ Letztlich seien Aufträge und Ankäufe das einzig relevante Urteil Außenstehender auf seine Arbeit, meint Walcher: „Wenn die Landesgalerie Klagenfurt ein völlig abstraktes Sandrelief kauft oder der frühere Dorotheum-Direktor Karny eine meiner Löwenzahnwiesen, dann ist das eine schöne Bestätigung für mich. Die Meinung von Kunstkritikern hat mich nie interessiert.“
Apropos Blumenwiesen: Obwohl gerade diese Bilder bei den Käufern besonders gut ankommen, malt Walcher pro Jahr höchstens zwei oder drei Löwenzahn- oder Mohnblumenbilder. „Mehr schaff’ ich seelisch nicht, auch wenn ich kommerziell damit sicher erfolgreicher wäre. Aber ich kann diese Bilder auswendig, Reiz und Herausforderung des Schöpferischen sind weg. Damit reduziert sich die Arbeit auf Fleiß und Zeitaufwand, das Denken und das Schöpferische, das Kunst ausmacht, fehlt.“
Ein echter Walcher kostet übrigens zwischen 500 und 3000 Euro, abhängig von Format und Technik. Für 500 Euro bekommt man Werke in DIN A4-Größe, für 3000 Bilder von 120 x 150 cm mit aufwändiger Technik, die viele Arbeitsgänge umfasst.
(9/04)
geb. am 3.12.1947 in Wien
1965-1967 Medizinstudium an der Uni Wien
1968-1972 Akademie für Angewandte Kunst, Meisterklasse Prof. Wolfgang Hutter
seither als Textautor und Interpret seiner Lieder sowie als Maler tätig
1977 Übersiedlung nach Kärnten
2000 Übersiedlung nach Niederösterreich
zwischendurch Lehraufträge sowie Ausstellungen und Konzerte im In- und Ausland
Tel. (0664) 18 44 364
1973 Produktion der LP „Regenbogen“
1975 Produktion der LP „Gestern“
1979 Produktion der LP „Es war, es ist und es wird sein“
1981 Produktion der LP „Sprechverbot“
1972 Produktion der LP „Ich male meine Welt“
1992 Programm „Alles ganz privat“ (Freie Bühne Wieden)
1995 Produktion der CD „Der Himmel ist offen“
2000 Produktion der LP „Cuba Libre“
2002 Autobiographischer Kunstfilm „Helix“
Musik passiv

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