11.10.2002
Alles, nur kein Saftladen
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So manche Geschäftsidee wird aus der Not geboren. Wie Angela Kraillers Obst- und Gemüsehandel. Jetzt führt die burgenländische Bauerntochter eine kleine Kette von Saftbars, Obstgeschäften, Pizzastationen. Denkt schon weiter. Zum Beispiel an eine zweite Karriere als Coach.
von MAIKE SEIDENBERGER
Im Anfang war die Notlage: 1980 gab es für eine gelernte Fremdsprachen-Korrespondentin mit Kleinkind einfach keinen guten Job. "Da hat mein Mann gesagt: Warum machen wir uns nicht selbstständig?" Angela Krailler sagte ja. Die Idee, eine Obst- und Gemüsehandlung zu gründen, entstand aus den knappen Finanzen. "Wir sind jeden Tag in der Früh mit dem Geld, das am Abend vorher in der Kasse war, auf den Großgrünmarkt in Inzersdorf gefahren."
Die Plackerei hat sich gelohnt. Obwohl: "Wir haben viel Lehrgeld bezahlt, weil wir's einfach nicht konnten", sagt die gebürtige Burgenländerin, die nächstes Jahr 50 wird. Aus einem Geschäft wurden vier, zur Verlustminimierung hängten die Kraillers noch Saftbars dran. "Wenn viele Äpfel da sind, macht man zu Hause auch Apfelkompott." Heute dirigiert sie mit Ehemann und Geschäftspartner ("er und mein Mann haben jeden Tag im Großgrünmarkt eingekauft - dann haben wir uns zusammengetan") ein kleines Imperium von drei Pizzastationen, vier Obst- und Gemüsegeschäften, einer Saftbar und einer Schokothek in mehreren Wiener Einkaufszentren. Mit 80 Beschäftigten und einem Jahresumsatz zwischen 5,8 und 6,2 Millionen Euro.
Diversifizieren aus der Krise
Vom Saft zur Pizza kam Krailler wieder aus einer Zwangslage heraus. "Im Shopping Center Nord ist es uns nicht gut gegangen. Wir haben die Ware, wie wir sie in der Früh hingebracht haben, am Abend in eine andere Filiale geführt." Aber eine burgenländische Bauerntochter gibt so rasch nicht auf. Bei einem Bummel durch die Wiener Innenstadt stieß Krailler auf das Ende der 80er Jahre noch relativ neue Konzept der Fast Food-Pizza in Gestalt des Lokals "Da Pizzi" des Italo-Ägypters Ali Rahman. "Ich hab' ihn angerufen und gesagt: Mich interessiert Ihre Geschäftsidee." Als sie ihm gegenüber saß, ging's ans Eingemachte. "Ich hab' gesagt: Ich würde Ihr Know-how gerne kaufen, aber ich kann es nicht zahlen. Er schaut auf meine rissigen Finger - ich hab' damals immer Erdbeeren sortiert - und sagt: Sie arbeiten viel, das sehe ich. Ich schätze fleißige Menschen." Angela Krailler bekam ihr Pizza-Know-how - zum Nulltarif. "Er hat seinen Architekten angerufen: ‚Die Frau Krailler braucht eine Pizzastation.' Ich bekam eine Lieferantenliste. Meine ersten Pizzaburschen waren bei ihm zur Einschulung." Die Starthilfe funktionierte: "So haben wir den Standort SCN gerettet."
Nicht nur den. "Pizza ist, wenn sie gut gemacht wird, eine Cash Cow." Die Milch reichte dann schon für eine (reine) Saftbar in den Ringstraßengalerien. Dort ließ sich das Geschäft zwar zäh an ("es hat Jahre gedauert, bis da Leute hineingegangen sind"), aber irgendwie ist sie Angela Krailler besonders ans Herz gewachsen. Auch weil es sie amüsiert, wenn jemand von der feinen Adresse beeindruckt ist, der weder SCS noch Ekazent Simmering sexy findet.
Marketing von den Kids
Aber das sind lustige Nebengeräusche eines Tagesgeschäfts, in dem die Chefin ordentlich mitmischt. Auf ihrer Runde von Standort zu Standort checkt sie, wie es läuft, bringt frische Ware und kümmert sich um die Verkaufsförderung. Um eine Marketing-Idee am Point of Sale ist Angela Krailler nie verlegen. "Da spanne ich meine Jugend und ihre Freunde ein - die sind sehr kritisch." Sohn (21) und Tochter (17) Krailler haben zwar (noch) keinerlei Nachfolge-Ambitionen ("die sagen: Glaubst du, ich bin blöd und hackel' so viel wie du?"), helfen aber gern aus. "Wenn ihnen was Gutes einfällt, gehen sie samt Freunden gratis Pizza essen." Läuft das Geschäft unrund, sperrt nebenan ein McDonald´s auf, kontern die Kids einfach mit Zugaben: "Zu jedem Kaffee einen kleinen Müsli-Riegel, zur Pizzaschnitte ein kleines Stück von einer anderen Sorte zum Kosten oder einen Apfel."
Werbeträger Nummer eins ist das Verkaufspersonal. "Streicheleinheiten für die Kunden" sind für Krailler pures Marketingkapital. "Viele Stammkunden gehen bei uns Pizza essen, weil der, der sie verkauft, ein klasser Kerl ist." Damit kann man vielleicht auch McDonald´s Paroli bieten.
Chefin flexibel - Personal auch
Herz ihres Jobs ist "die innere Motivation der Leute am Glühen zu halten". Wenn es irgendwo hakt, geht die Chefin mit auf einen Kaffee, hört sich an, wo der Schuh drückt, hilft wenn sie kann. "Ich will ja auch, dass meine Leute da sind, wenn ich sie brauch'." Sind sie: Wenn jemand kurzfristig ausfällt, organisieren die KollegInnen sich die Vertretung selber. Flexibilität in beide Richtungen: Wenn eine Saftbar-Verkäuferin für drei Monate ins Ausland will, wird sie nachher wieder eingestellt. Ergebnis: "Wir haben eine sehr niedrige Fluktuation."
Die hat nicht nur mit der Atmosphäre zu tun, auch mit dem Lohn. Läuft der Verkauf besonders gut, gibt es Sofortprämien. "Für die Burschen in Pizzastation ist es Teil der Motivation, dass sie wichtig sind. Die rufen sich gegenseitig an und geben sich die Umsätze durch." In Zahlen gegossen wird die Ziel-Planung monatlich durch einen Betriebsvergleich - "den machen wir gemeinsam". Krailler hat immer auch die harten Zahlen im Kopf. "Umsatz, Rohspanne, Personalkosten."
Klar, dass ihr Weiterbildung wichtig ist. Wobei Eigeninitiative gefragt ist. "Die Verkäuferinnen aus den Saftbars besuchen Gesundheitsforen, lesen Wellness-Magazine, laden sich Vitamintabellen aus dem Internet herunter." Nur Saft kippen allein ist da fast schade, eine kleine Frage zu einem exotischen Früchtchen in der Kühlvitrine, und die Saft-Frauen sprudeln los. Das rechnet sich, findet Krailler. "Würde ich hier in der Ringstraßen-Galerie die Mannschaft austauschen, wäre der Umsatz weg." Den bestreiten seit dem 11. September des Vorjahres vorwiegend Stammkunden, die in den Büros und Läden arbeiten.
Standort-Strategie wie die Großen
Strategisches Denken gehört für Krailler zum Job. Zuletzt haben sich die drei Geschäftspartner ihre Zuständigkeiten neu aufgeteilt: "Einer ist für Pizza zuständig, einer für die Obst- und Gemüsegeschäfte, einer für die Schokothek - man muss sich konzentrieren." Auch das Standort-Management wird laufend überdacht. "Wir gehen jetzt in Bahnhöfe, mit einem angepassten Sortiment." Wenn es um die Standorte geht, ist Krailler hart wie jede große Kette. "Was die Bahnhöfe bisher angeboten haben, war Mist. Wenn es kein Top-Standort ist, brauch' ich ihn nicht, weil ein guter mich so viel kostet wie ein schlechter."
...und dann das zweite Leben
Das Geschäft ist nicht alles. Die Energie, die das Tagesgeschehen übrig lässt, investiert Krailler in Weiterbildung. Da kommt einiges zusammen: 1999 "Master of Business Administration" an der Donau-Universität, 2000 eine Ausbildung zum Wirtschaftscoach, geprüfte Mentaltrainerin ist sie auch. Die zweite Karriere hat die Business-Frau schon im Hinterkopf. Ganz woanders. Zum Beispiel als Coach für stressgeplagte Schulkinder. "Ich muss mindestens 120 werden, weil ich noch so viel vorhab'."

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