11.10.2002
Diva ohne Allüren
Opernsängerinnen sind dick, prätentiös und launisch, heißt es. Obwohl Wien als eine der Welthauptstädte der Musik gilt, hat es doch nicht allzu viele große Opern-Stars hervorgebracht. Eine der wenigen international gefragten Ausnahmen ist Antonia Osond-Reinaas.
von MARIE-THERESE GUDENUS
Die Sängerin, die an der Staatsoper bereits mit José Carreras und Placido Domingo gearbeitet hat, ist erst vor kurzem von einem mehrjährigen Aufenthalt in London in ihre Geburtsstadt zurück gekehrt.
"Jetzt bin ich gerade dabei, meine Wohnung zu komplettieren", berichtet Osond-Reinaas und lädt uns ein, sie auf ihrer Suche nach einem zum Esstisch passenden Vitrinenschrank zu begleiten. Erste Station: das Dorotheum. "Am liebsten wäre mir etwas Viktorianisches", schränkt die Künstlerin die Suche ein, "ich liebe englische und französische Antiquitäten, weil sie verspielt und nicht so schwer sind." Weil wir schon einmal da sind, halten wir die Augen auch nach einem antiken Notenschrank offen - ebenso vergeblich wie nach der Vitrine - und machen dann noch einen Abstecher zu den Abteilungen für Silber und alten Schmuck, für die Osond-Reinaas ein Faible hat. "Ich hab hier einmal ein wunderschönes, silbernes Rokoko-Gestell für Essig, Öl und Gewürze gekauft", erinnert sich die Ästhetin, die sonst kleine Antiquitätengeschäfte wie Marcel Wang Antiques oder das Wiener Interieur - die nächsten Anlaufstellen auf der Vitrinensuche - bevorzugt. "Die Besitzerin kennt inzwischen meinen Geschmack und hebt manchmal schöne Stücke regelrecht für mich auf." Zum Beispiel eine Krawattennadel mit Perlmutt und einem silbernen Frauenkopf, den Antonia Osond-Reinaas dann als Geschenk für ihren norwegischen Ehemann ersteht, den sie in Portugal kennen gelernt und vor einem Jahr in Holland geheiratet hat. Diese Internationalität widerspiegelt auch ihre Karriere: Nach dem Studium an der Wiener Musikhochschule ging die Sopranistin nach Barcelona, um ihre Ausbildung fortzusetzen. "Ein guter Gesangslehrer ist schwieriger zu finden als ein guter Ehemann", seufzt die Perfektionistin aus eigener leidvoller Erfahrung.
Wie nebenbei schnappte die junge Künstlerin Sprachen auf: Englisch und Französisch am Gymnasium, durch die Oper Italienisch, in Barcelona Spanisch, durch Freunde Holländisch, durch den Ehemann Norwegisch. Wobei Letzteres nicht die einzige als schwierig geltende Sprache ist, in der sich Antonia Osond-Reinaas zumindest musikalisch ausdrücken kann: "Ich singe auch auf Russisch, Tschechisch und Schwedisch."
Überhaupt ist die große Blonde ein Profi im Meistern von Schwierigkeiten. Und das seit ihrem ersten Engagement am Stadttheater Koblenz. "Jenufa" stand auf dem Programm, mit Osond-Reinaas als zweiter Besetzung. "Der Dirigent lehnte mich total ab, weil ich mit meinen 25 Jahren eigentlich zu jung für die Rolle war. Aber ich nahm an jeder Probe teil, studierte den Part in Eigenregie ein und hatte dann das unwahrscheinliche Glück, dass die weibliche Hauptrolle am Premierentag krank wurde!" Ohne eine einzige Orchesterprobe trat die junge Sängerin vor ihr Publikum - und feierte einen rauschenden Erfolg.
Das große Lachen auf der Bühne
Dass das Opernleben nicht nur reich an Erfolgsgeschichten, sondern auch an Anekdoten und sogar Peinlichkeiten ist, wissen wir spätestens seit der Lektüre von Leo Slezaks Memoiren. Wie sieht's bei Osond-Reinaas mit Schreckensmomenten auf der Bühne aus? "Texthänger hatte ich glücklicherweise noch keinen", schmunzelt die durchaus selbstkritische Diva, "mein Problem ist ein anderes, eines, das ich mit meiner großen Kollegin Montserrat Caballé teile: das Lachen! Wenn ich einmal einen Lachkrampf bekomme, dann kann ich nicht mehr aufhören. Das Schlimmste war einmal ein Duett in ,Cosà fan tutte', da hab' ich mich hinter dem Rücken des Tenors versteckt und ihn allein singen lassen, weil ich so lachen musste."
Obwohl sie in ihrer Karriere viel zu lachen hatte, weder Traumrollen noch Erfolge ausblieben, "hat's mich eines Tages plötzlich erwischt", schildert Osond-Reinaas: "Ich hatte immer vom Theater geträumt; die Oper war mehr ein Wunsch meines Vaters, für den ich eben das Talent besaß." Jetzt oder nie, dachte die impulsive Künstlerin und nahm - weil sie gerade in London weilte - kurzentschlossen an einem Vorsprechen an der Royal Academy of Dramatic Arts teil. Sie bekam einen der begehrten Plätze in einem Postgraduate-Kurs, danach folgten Engagements an Londoner Bühnen, zwischendurch ein Jahr unter Helmut Lohner an der Josefstadt. "Aber dann hat mir die Musik doch zu sehr gefehlt", begründet Osond-Reinaas ihre Rückkehr zum Gesang. Der mehrjährige Abstecher zum Theater brachte nicht nur neue Erfahrungen, sondern in dieser Zeit wandelte sich auch ihre Stimme - vom Sopran zum Mezzosopran. "Damit eröffnen sich für mich wunderbare neue Rollen, zum Beispiel die Charlotte in ,Werther', die ,Carmen' oder der Octavian im ,Rosenkavalier'", freut sich Osond-Reinaas auf zukünftige Herausforderungen.
Zunächst stehen aber Konzerte in Wien, Oslo und Lissabon auf dem Programm, die erste CD soll demnächst erscheinen. 2004 geht die Reise noch weiter: "Da findet im Rahmen des ,South African International Festival of Classic Music' die Uraufführung der Oper ,Africa' statt, deren weibliche Hauptrolle mir auf den Leib geschrieben wird." Was Osond-Reinaas nicht nur ihrer Vielseitigkeit verdankt - Voraussetzungen waren Mezzosopran, perfekt in Englisch und Schauspiel -, sondern auch dem Umstand, dass Österreich die Veranstaltung mit sponsert und daher österreichische Künstler gesucht wurden.
Bei jedem ihrer Auslandsaufenthalte setzt sich die Sängerin auch mit der lokalen Küche intensiv auseinander, was man ihrer mädchenhaft schlanken Figur allerdings nicht ansieht: "Ich koche selbst gern, am liebsten indisch und thailändisch." Lokale sucht sie weniger nach deren Speisekarte aus: "In Wien gehen wir sehr gern ins ,Santo Spirito', weil dort meistens klassische Musik spielt, und in Paris bin ich Stammgast im ,Café Marly', wo die Kellner lauthals Arien oder Chansons singen."
Singt eigentlich auch ein Profi manchmal nur aus Lust und Laune, oder muss die Stimme abseits der Auftritte geschont werden? "Nein, wirklich nicht,", lacht die erfrischend unprätentiöse Primadonna, "unter der Dusche singe ich sogar besonders gern. In meinem Gymnastikclub witzeln sie oft, dass man immer weiß, wenn ich da bin: weil dann in den Umkleideräumen so ein Lärm ist."
Turnen, Reisen, Kochen - gibt's sonst noch Hobbies? "Ja, ich lese wahnsinnig gern, und zwar entweder lebendig geschriebene Geschichte, zum Beispiel Frederic Mortons ,Wetterleuchten' oder ,Der letzte Walzer'. Oder ich versenke mich in spannenden Blödsinn von Thrillerautoren wie Ken Follett oder Michael Connelly." Und Musik hören? "Nein, da trifft das Wort ,Hobby' nicht zu. Musik, vor allem klassische, ist alles für mich, sie reißt mich so in eine andere Welt, dass ich daneben nichts anderes machen kann, nicht einmal Staub saugen." Besonders die Lieder von Brahms, Berlioz und Richard Strauß zählen zu Osond-Reinaas' Favoriten, "sonst mehr symphonische Sachen". Die sie bevorzugt im "Da Caruso" aufstöbert, einem kleinen, auf klassische Musik spezialisierten CD-Geschäft, das sich passender Weise in der Operngasse befindet. "Die haben eine unglaublich große Auswahl, viele Raritäten und ein enormes Wissen", schwärmt die Sängerin. Demnächst wird ihr dort wohl ihr eigenes Konterfei vom CD-Verkaufsregal entgegen lächeln … Antonia Osond-Reinaas beweist das Gegenteil.
Dorotheergasse 17
A-1010 Wien
Wiener Interieur
Dorotheergasse 14
A-1010 Wien
Marcel Wang Antiques
Spiegelgasse 25
A-1010 Wien
Da Caruso
Operngasse 4
A-1040 Wien
John Harris
Nibelungengasse 7
A-1010 Wien
Santo Spirito
Kumpfgasse 7
A-1010 Wien

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