11.10.2002
Schattenboxen
Die Krise an den Börsen ist auch eine Vertrauenskrise. Betrügerische Manager, Rechnungslegungsvorschriften, die zu große Spielräume einräumen, Wirtschaftsprüfer, die beim bösen Spiel mitmachen. Gerade die Rechnungslegungsvorschriften US-GAAP sollen nun durch den Europa-Ableger IAS auch bei uns Geltung erlangen. In einem Streitgespräch zeigen Anlegerschützer Wilhelm Rasinger, Karl Bruckner als Sprecher der Wirtschaftsprüfer und Generaldirektor Herbert Fichta (NÖ-Versicherung) als Mann der Praxis auf, wie es weitergehen könnte.
Moderation DIETER FRIEDL
Die Wirtschaft:
Bilanzfälschungen sind an der Tagesordnung, kreative Buchführung weit verbreitet, die Kontrolle durch die Wirtschaftsprüfer wird in Frage gestellt. Gibt es eine Prüferkrise?
Bruckner: Es wird immer Problemfälle geben, generell ist unsere Aufgabe aber schwieriger geworden, das Regelwerk immer umfangreicher. Aber ohne Wirtschaftsprüfung würde es katastrophal aussehen. In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass wir alles kontrollieren, das ist ein falsches Bild, wir machen nur Stichproben. Wir können nur eine wirtschaftliche Realität abbilden.
Aber es gibt Beispiele, wo die Wirtschaftsprüfer nicht einmal hinterfragt haben, woher das Gros der Umsätze kommt, nämlich von Scheinfirmen....
Bruckner: Derartige Auswüchse sind nicht zu entschuldigen.
Gibt es einen Verfall der Sitten?
Rasinger: In den letzten Jahren hat sich bei den Wirtschaftsprüfern immer mehr eingebürgert: Wes Brot ich esse, des Lied ich singe! Die Prüfungen in Schönwetterperioden sind kein Problem, bei einer prekären Lage sieht das schon wieder anders aus. Aus heutiger Sicht ist vor allem nicht tolerierbar, dass die Prüfer gleichzeitig auch die Berater sind. So ergibt sich sehr oft ein angepasstes Verhalten, denn in vielen Fällen gibt es eine Bandbreite der Beurteilung. Oder die Wirtschaftsprüfer werden überhaupt zum Handlanger des Managements, wie im Fall der Bank Burgenland.
Gibt es diesen starken Einfluss des Managements auf die Prüfung?
Fichta: Im Lauf der Jahre hat es sich so entwickelt, dass der Prüfer immer mehr als Berater eingebunden wurde. Was früher klar definiert war, nämlich einzig die Bilanz zu überprüfen, hat sich nun geändert. Bevor der Manager entscheidet, versucht er sich beim Berater abzusichern. Und so entsteht die paradoxe Situation, dass Prüfer, Berater und manchmal sogar Gutachter bei der Behörde heute eine Person sind - und das ist kontraproduktiv.
Also sollte eine Trennung erfolgen, um diese Abhängigkeiten zu verhindern?
Fichta: Grundsätzlich hielte ich das für gut. Wenn jemand berät, soll er nicht prüfen, das ist für mich ein Widerspruch. Ich habe aber den Eindruck, dass die Wirtschaftsprüfer in Österreich ihre Aufgabe gut machen. Wenn der Unternehmer aber ein Gauner ist, hat es der Wirtschaftsprüfer verflixt schwer.
Rasinger: Ganz so einfach ist das nicht. Ich sage ein Beispiel: Voith St.Pölten macht eine Abfindung für Aktionäre. Wer berät bezüglich des Abfindungspreises? Der Abschlussprüfer. Das heißt, er macht die Abschlussprüfung, das Gutachten und läßt sich dann noch zum Spaltungsprüfer machen - also zu jenem, der kontrolliert, ob der Preis für die Kleinaktionäre gerechtfertigt ist. Und so etwas ist kein Einzelfall.
Bruckner: Solche Unvereinbarkeiten kann man diskutieren. Aber es geht ja um die grundsätzliche Problematik. Das Problem vieler Firmen ist, dass sie in den letzten Jahren eine Reihe von Firmenzukäufen zu weit überhöhten Preisen tätigten, die nun abgeschrieben werden müssen. Siehe CyberTron. Aber der Wirtschaftsprüfer ist nicht der Manager des Unternehmens, sondern kommt im nachhinein. Und dann kann er nur mehr bestätigen, dass Mist gebaut wurde oder alles gut gelaufen ist. Auch eine Bilanz mit Verlust wird bestätigt, wenn richtig gerechnet wurde. Der Prüfer bestätigt nicht, ob die Firma gut gewirtschaftet hat.
Aber es gibt doch so viele Gestaltungsmöglichkeiten, etwa bei Rückstellungen oder bei IAS, wo zu erwartende Umsätze und Gewinn abgebildet werden können. Liest der Prüfer nicht überhaupt ein Märchenbuch?
Bruckner: Das ist ein Fehler der Abbildungsregeln und nicht der Wirtschaftsprüfer. Aber eines stimmt sicher, der Prüfer soll möglichst wenig kosten und nicht stören. Die Wirtschaftsprüfung ist sehr oft der Einstieg bei einem Klienten, und man hofft, dass dann noch etwas dazu kommt, ähnlich wie bei der Autoversicherung, wo man zwar Verluste macht, aber hofft, den Einstieg in andere Sparten zu schaffen.
Fichta: Die Wirtschaftsprüfung ist eigentlich nicht gut bezahlt, für den Aufwand sind das lächerliche Beträge.
Bruckner: Die Erstprüfung ist eine aufwändige Sache, deshalb wehren wir uns auch gegen das Rotationsprinzip.
Fichta: Auch ich sehe aus dem Wechsel des Wirtschaftsprüfers keine Vorteile.
Aber ergibt sich nicht des öfteren daraus ein Monopolstellung für den Prüfer, wie etwa bei Versicherungen, wo mehr oder weniger alle Bilanzen von einer Firma geprüft werden?
Fichta: Das ist auch sinnvoll, denn es bedarf eines hohen Know-hows, das andere nicht haben. Grundsätzlich teilen sich den Markt heute ohnehin vier große Firmen, in Analogie zu Billa und Spar. Heute ist der Konsument manipuliert, er hat keine andere Alternative mehr.
Gibt es eine Möglichkeit der Veränderung?
Bruckner: Man kann nur versuchen, eine permanente Verbesserung zu erreichen, aber es wird nie ideal werden.
Vielleicht doch Trennung von Beratung und Prüfung...
Bruckner: Da habe ich kein Problem. Aber man sollte unterscheiden. Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung passen gut zusammen. Aber das klassische Beratungsgeschäft kann durchaus getrennt werden, das einige Konzern ja bereits versuchen.
Fichta: Es müsste Standesregeln geben, wo diese Trennung hineingehört, weil das eben in den letzten Jahren so zugenommen hat.
Ebenso wie in anderen Bereichen. Es gibt ja geschützte Sektoren, die sich ihre Prüfer selbst aussuchen können, wie bei Raiffeisen oder den Volksbanken. Dort sollten Wirtschaftsprüfer hinkommen, die am Markt tätig sind. Ebenso wie bei den Gemeinnützigen, die haben
eigene Prüfungsverbände.
Bruckner: Ich finde es gut, dass im geplanten Corporate Governance Code Beratungshonorare in der Bilanz ausgewiesen werden sollen.
Rasinger: All diese Diskussionen führen zu einer Aufwertung des Wirtschaftsprüferstandes. Aber man sollte auch überlegen: Welchen Spielraum geben die Rechnungslegungsvorschriften? Das sollte kritisch überprüft werden.
Es gibt doch auch Überlegungen, ob es nicht eine stärke Kontrolle der Wirtschaftsprüfer geben soll. In Österreich müssen sich die Wirtschaftsprüfer von ihren Kollegen auf den Zahn fühlen lassen und ein entsprechendes Zeugnis ausgestellt bekommen, die Amerikaner wollen eine eigene Überbehörde für Prüfer schaffen. Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedmann hat dazu jüngst gemeint, das sei nur ein Schattenboxen, das nichts bringt, der Markt würde das ganz von alleine regeln können.
Rasinger: Von mir wird sicher kein Ruf nach einer Superbehörde erfolgen. Und der Markt wird sicher vieles selbst regeln. Die Öffentlichkeit hat bisher dem Wirtschaftsprüfer keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ein schlechter Ruf wird dem Prüfer sicher wehtun.
Bruckner: Bis zu einem gewissen Grad wird Friedmann recht haben. Und wir haben ja die Kammer. Mit lauter Regulativen und enormen Haftungen kann man das Problem nicht lösen. Man muss aber auf Qualitätsicherung gehe. Kein Weg ist es, die Haftungsgrenzen drastisch hinaufzusetzen.
Fichta: Das entspricht aber dem Zeitgeist. Die Versicherungen haben da gar nichts davon. Es bleibt immer einer zuletzt über und das ist die Versicherung. In Amerika kriegen die Leute heute gar keinen Versicherungsschutz mehr. Der Gesetzgeber missbraucht die Wirtschaftsprüfer, nimmt sie als Netz. Es ist doch ein Wahnsinn, dass die schwarzen Schafe etwa bei den Versicherungen oder Banken von denen, die gut wirtschaften, aufgefangen werden müssen. Der Konsument trägt überhaupt kein Risiko mehr.
Rasinger: Die Haftungsgrenze für Prüfer war bisher in Österreich aber doch lachhaft. Außerdem hat es noch kaum Haftungsfälle gegeben.
Bruckner: Für die Vergangenheit ist das richtig, aber heute stimmt das nicht, es wird heute überall geklagt.
Sind das alles Fehlentwicklungen, an denen kein Weg vorbeiführt?
Fichta: Das Problem ist, dass die ganze Welt sich von den Amerikanern hertreiben lässt. Bei uns können die Leute nicht mit den neuen Regeln umgehen.
Rasinger: Für Kleinaktionäre ist IAS schlecht, sie sind dadurch nicht besser informiert.
Also wie wird es weitergehen?
Fichta: US-GAAP und IAS werden miteinander verschmolzen und modifiziert werden.
Rasinger: Was derzeit passiert, ist ein heilsamer Schock.

MEDIADATEN
NEWSLETTER
|
BESTELLEN |
ADVERTORIAL
|
Sicherheit am Bau: Aktuelle Tipps und Veranstaltungsreihen
|
Werbung
Werbung



Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share
Kommentar schreiben




