von Stephan Strzyzowski
28.05.2009
Der Sittenwächter

Eine erste Frage in eigener Sache: Darf man überhaupt beim Essen ein Interview führen?
An sich gehört Konversation zu einem Essen dazu. Es sollte also auf keinen Fall unmöglich sein, nur darf man halt nicht mit vollem Mund reden.
Wie sieht Networking bei Ihnen aus?
Mittlerweile bin ich bei der ganzen Sache beinahe nur noch in der Defensive. Es bricht ja so eine Flut an Dingen über einen herein, vor allem auch durch das Internet. Man kommt kaum noch nach, herauszufiltern, was wichtig ist. Ich habe dabei immer versucht, offen zu sein und jeden Termin anzunehmen und auch direkt auf meinem Handy erreichbar zu sein.
Bezieht sich der ganze Trubel auf die Tanzschule?
Nein. Für die Tanzschule kommt fast nichts. Es sind die Seminare. Ich bereite pro Jahr etwa 100 vor. Das braucht mindestens einen Tag Vorbereitung und das Seminar selbst auch einen Tag, damit sind schon einmal 200 Tage weg. Dann hab ich noch 150 Ballproben und Eröffnungen und daneben noch die Tanzschule, die ich ja ursprünglich als Haupttätigkeit gesehen habe. Das ist zwar wichtig für mich, aber ich leite selbst keinen einzigen Kurs.
Viele Menschen kennen Sie vom Opernball und als Leiter der Tanzschule. Sie sind aber auch in den Bereichen Personalentwicklung und Beratung tätig. Was verbindet diese Aktvitäten?
Die Personalberatung hängt mit meinen Seminaren zusammen. Viele Unternehmen wünschen sich nämlich spezielle Beratung für Einzelpersonen.
Ich unterstütze Unternehmen aber auch in puncto Unternehmensphilosophie. Da geht es hauptsächlich um Corporate Identity. Also darum, welches Bild Unternehmen nach außen machen möchten. Dieses Bild sollte von den Mitarbeitern nach außen getragen werden. Sie sind diejenigen, die das Unternehmen repräsentieren und sich dementsprechend verhalten sollten.
Wie sieht es mit dem Verhalten rund um Handy und Blackberry bei Meetings aus: Haben sich schon Regeln etabliert, was man wann darf?
Grundsätzlich kommt es darauf an, wie man die Prioritäten setzt: auf das Meeting oder auf die Informationen von außen. Wenn ich es wichtiger finde, dass man mich erreicht, werde ich vielleicht das Handy abnehmen oder E-Mails lesen, wenn aber das Meeting im Vordergrund steht, muss ich das Handy zumindest auf lautlos schalten.
Das heißt, es ist nicht grundsätzlich als unhöflich zu betrachten?
Es gibt schon generell die Regel, dass man auf seinen Gesprächspartner Rücksicht nehmen muss. Die anderen Teilnehmer des Meetings dürfen nicht dadurch Zeit verlieren, dass jemand ständig sein Handy nutzt. Deswegen ist es grundsätzlich abzulehnen. Denn die Teilnehmer opfern ihre wertvolle Zeit. Und wenn jemand plötzlich was anderes macht, gehört sich das dann überhaupt nicht.
Durch E-Mail, Social-Networks und SMS hat sich die Kommunikation auch im Business stark verändert. Wie beurteilen Sie die Veränderungen?
Wir befinden uns in einer Entwicklung, die immer schneller vonstatten geht. Ich bin mir sicher, dass die Technik in zehn Jahren komplett anders aussehend wird. Was E-Mails betrifft, bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, sich an die Regeln des Schriftverkehres zu halten. Ganz einfach, weil man nie weiß, wer als Nächster etwas weitergeleitet bekommt. SMS sind dagegen etwas eher Rudimentäres, da ist es schon eher akzeptabel mit Abkürzungen und ohne Anrede zu arbeiten. Man darf so etwas dann halt aber nicht weiterleiten.
Wie beurteilen Sie generell die derzeitige Nachfrage nach Benimm?
Die ist bestimmt sehr stark. Ich bin natürlich auch noch ein ganz besonderer Fall, weil es sonst eigentlich niemanden gibt, der in der Industrie eine Managementposition gehabt hat, jahrelang internationale Verhandlungen geführt hat und dann plötzlich umschwenkt und Benimmkurse gibt.
Wie kam das überhaupt?
Das kam eigentlich nur deshalb, weil ich die Tanzschule geerbt habe und überlegt habe, was ich beitragen kann. Dann kam der Gedanke, dass ich meine Berufserfahrung mit meiner Familientradition und der Anstandslehre verbinden kann: Daraus sind dann diese Seminare entstanden. Das dadurch so eine Marktlücke geöffnet wurde, war mir damals allerdings völlig neu.
Wer ist denn die zentrale Zielgruppe Ihrer Seminare?
Sie sind zielgruppenspezifisch ausgerichtet. Ich habe Seminare für Führungskräfte, für Lehrlinge, für Sekretärinnen und Assistentinnen. Wir bieten also etwas für alle Führungsebenen an. Ich habe auch schon sehr viele Vorträge im Gefängnis gehalten. Der Ursprung der ganzen Vortragsreihe waren aber die Schulen.
Was sind die größten Probleme bei den Führungskräften, die in Ihre Seminare kommen?
Das ist sehr unterschiedlich. Oft erleben wir Spezialisten, die durch ihre hohe Kompetenz in eine Ebene gekommen sind, wo sie dann auf gesellschaftlicher Seite Nachholbedarf haben. Insgesamt geht es aber allen im Grunde um mehr Selbstsicherheit. Meine Seminare sind deshalb immer so konzipiert, dass jeder alle Fragen beantwortet bekommt, die er hat.
Weil gerade das Essen kommt: Wie startet man denn das Businessessen korrekt?
Ganz einfach: Der Gastgeber fängt an zu essen.
Kein Mahlzeit oder Guten Appetit?
Streng genommen nein. Aber ich würde sagen, dass sich 95 Prozent der Haushalte einen Guten Appetit wünschen.
Wie ist das für Sie? Sind Menschen, die Sie zum Essen treffen besonders vorsichtig?
Nun, es gibt viele Leute, die sehr verkrampft sind, wenn sie mit mir essen. Aber ich bin ja nicht dazu da, als Missionar über gutes Benehmen zu predigen. Das tue ich nur, um Allgemeinwissen zu vermitteln.

DIE WIRTSCHAFT
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