27.09.2006
Managertalk: Johannes Kopf AMS
Johannes Kopf, seit Anfang Juli im Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS) und davor im Kabinett von Wirtschaftsminister Bartenstein, über Teilzeit, das Glück der Juristen und mehr Berater an der Arbeitslosenfront.
Von Maike Seidenberger
Adressat
Foto AMS/Spiola
Sie touren gerade durch die Länder-AMS: Wie ist die Stimmung bei den BeraterInnen?
Johannes Kopf: Über den Sommer besuche ich die AMS-Landesgeschäftsstellen, binnen zwei Jahren will ich alle 99 regionalen Geschäftsstellen kennen lernen. Die Stimmung ist gut, man merkt, die Leute freuen sich, dass der neue Vorstand schnell rauskommt. Es ist auch spannend, die Unterschiede zwischen den Ländern und Regionen zu merken. Ein Geschäftsstellenleiter mit einer Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent hat andere Schwerpunkte als einer mit 8 Prozent. Dem geht es mehr darum, die Bedürfnisse der Firmen nach Facharbeitern zu befriedigen, indem er zum Beispiel versucht, aus anderen Bundesländern Leute anzuwerben.
Wie viel Einarbeitungszeit brauchen Sie?
Kopf: Durch meine Tätigkeit im Verwaltungsrat (Kopf war als für Arbeitsmarktfragen zuständiger Kabinettsmitarbeiter von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein Mitglied des AMS-Verwaltungsrats, d. Red.) habe ich ja bereits eine Außensicht, jetzt soll in den ersten Monaten die Innensicht diese bestätigen beziehungsweise korrigieren. Also keine großen Ankündigungen, sondern erst einmal zuhören.
Was reizte Sie am Job eines AMS-Vorstands - außer, dass der Kundenkreis expandiert?
Kopf: Mit dem Arbeitsmarkt beschäftige ich mich seit 2000: Zuerst aus Arbeitgebersicht in der Industriellenvereinigung, dann für die Regierung bei der Ausgestaltung der Arbeitsmarktpolitik, etwa des Arbeitslosenversicherungsgesetzes. Jetzt bin ich bei der dritten Stufe, der Management-Verantwortlichkeit für das AMS, das ist ein absoluter Traumjob.
Wie haben sie die Chef-Agenden mit dem Vorstandsvorsitzenden Herbert Buchinger aufgeteilt?
Kopf: Gemeinsam kümmern wir uns um die Arbeitsmarktpolitik - da habe ich ein hohes Interesse, vielleicht stärker als mein Vorgänger (Herbert Böhm, heute im Vorstand des Zeitarbeitsunternehmens Trenkwalder, d. Red.) -, die IT und das Personal. Herbert Buchinger ist allein zuständig für Forschung und "Leitung des Amtes" - das ist noch ein Titel aus dem Beamtenrecht. Ich bin allein verantwortlich für Finanzen, Infrastruktur und PR.
Ihre Ziele für 2007?
Kopf: Ein Artikel, Frau X hat einen falschen Kurs bekommen, richtet mehr Schaden an, als eine Doppelseite Inserat wieder gutmachen kann, also die Medienarbeit verstärken. Beim Image ist auch noch etwas drinnen - das AMS ist heute schon viel besser, als die Leute wissen. Dann soll die Qualität der angebotenen Stellen steigen - wir wollen auch für höher Qualifizierte attraktiv sein. Schließlich liegt ein Schwerpunkt in noch stärkerer Selektion der Kundenströme: Wir wollen mehr Zeit für die verwenden, die Hilfe und Beratung nötig haben, weniger für alle, die zum Beispiel über den eJob-Room selbst klar kommen und uns nicht so brauchen. Das AMS kann Arbeitslosigkeit vor allem dadurch reduzieren, dass es die Dauer pro Person verkürzt.
Welche Ressourcen - Mittel, Personal - wünschen Sie sich für das AMS?
Kopf: Zum Geld: 2006 gab es das größte jemals von einer Regierung verabschiedete Sonderprogramm für das AMS - 285 Millionen Euro zusätzlich, von denen wir rund 200 heuer ausgeben, 80 reichen ins nächste Jahr hinein. Das hat das AMS vor eine große Herausforderung gestellt. Zum Personal: Das AMS war wahrscheinlich die einzige Institution im öffentlichen Bereich, die kein Personal abgebaut hat - vor Kurzem sind hundert zusätzliche Planstellen dazu gekommen. Zusammen mit der Reduktion der Overheads, einer Stunde Mehrarbeit pro Mitarbeiter und anderen Maßnahmen ergibt das 400 Stellen mehr für Beratung und Vermittlung. Wir können und müssen mehr Kollegen an den Kunden bringen: 800.000 Menschen haben einmal im Jahr mit uns zu tun.
Die Übergangsfristen für die neuen EU-Länder wurden verlängert. Unternehmensvertreter sagen, dass sie bestimmte Jobs nicht mehr besetzen können. Gleichzeitig nimmt das Arbeitskräfteangebot im Inland zu - Arbeitnehmervertreter stemmen sich gegen eine Verkürzung der Fristen. Ihre Position zum paradoxen Arbeitsmarkt?
Kopf: Das ist ein Spagat oder die Quadratur des Kreises. Die größte Arbeitslosengruppe hat nur Pflichtschulabschluss, Qualifikation ist also wesentlich. Dann gibt es große Branchen- und regionale Unterschiede. Sture Anwendung der Übergangsfristen halte ich für falsch. Dafür haben wir ja auch das - im übrigen quotenfreie - Schlüsselkräftesystem und das Saisonier-Modell. Wir versuchen, deren Zahl aus den neuen EU-Ländern zu erhöhen und weniger Drittstaaten-Angehörige zu holen.
Bei der Präsentation der Juli-Arbeitslosenzahlen erwähnten Sie Europa-Vergleichsdaten: Österreich hat derzeit innerhalb der EU die fünftniedrigste Arbeitslosenrate - vor ein paar Jahren hatten wir die drittniedrigste. Halten Sie das für eine Benchmark-Verbesserung?
Kopf: Der Arbeitsmarkt hat sich seit einigen Monaten erfreulicherweise gedreht - die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die EU-Statistik ist für die längerfristige Entwicklung jedoch nicht der beste Indikator, weil es 2004 einen Bruch in der Erfassung gegeben hat. Die jetzige Positionierung, also den 5. Platz in Europa, halte ich für die realistische.
Was brauchen Sie unbedingt auf Ihrem Schreibtisch?
Kopf: Computer, Handy, Notizbuch. Wasser und Red Bull sind auch immer da.
Können Sie sich vorstellen, Teilzeit zu arbeiten?
Kopf: Ja. Ich bin der Meinung, dass das auch in Führungspositionen möglich sein muss, zum Beispiel aus Familiengründen. Nur aus dem Grund: Ich arbeite lieber 30 als 40 Stunden, wird in Toppositionen allerdings nicht akzeptiert.
Auf die Interview-Frage, ob Sie schon einmal arbeitslos waren, haben Sie geantwortet, Sie hätten "das Glück" gehabt, gleich nach Ihrem Gerichtsjahr einen Job zu finden. Braucht man heute in Österreich "Glück", um eine Stelle zu bekommen oder reicht Leistung?
Kopf: Das ist das "Glück der Juristen" - sie haben einen Rechtsanspruch auf ein Gerichtsjahr. Da arbeitet man sich nicht zu Tode und kann nebenbei Job suchen. Was ich auch mehrere Monate lang getan habe. Für Leute mit anderer Ausbildung ist es unterschiedlich.
Haben Sie einen Karriereplan?
Kopf: Nicht in dem Sinn, dass ich Karriere über die Zahl der Mitarbeiter oder das Ansehen definiere. Die Frage ist: Was will ich machen, was passt zu meiner Lebenssituation? Was für einen richtig ist, ändert sich. Ich wollte immer Anwalt werden - nach dem Studium aber nicht mehr. Warum? Ich habe in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, wo ich mehr mit Schriftsätzen zu tun hatte als mit Menschen. Was ich dann wollte, war ein Beratungsjob bei einer Führungskraft mit großer Verantwortung.
Was täten Sie als Erstes, würden Sie morgen gekündigt?
Kopf: Länger Urlaub machen - das ist jetzt aber nicht als Empfehlung für arbeitslose Kunden zu verstehen.
(9/06)

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