23.03.2006
Lehrlingsmangel: Lernen an Opas Traktor
Nachwuchsmangel und lehrunwillige Unternehmen - die Lehrausbildung, einst Stolz des heimischen Bildungswesens, steckt in einer Umbauphase. Zu kämpfen haben Firmen vor allem in ostösterreichischen Städten mit der sinkenden Zahl von geeigneten KandidatInnen. Trotzdem entscheiden sich viele, weiter auszubilden, weil sie sonst keine Fachkräfte finden. Von Maike Seidenberger
Adressat
Die Rechnung, die Arthur Schneeberger vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aufmacht, ist einfach: 1991 war der Altersjahrgang der 15-Jährigen noch 137.000 stark, 2001 noch 94.000. "Es gibt einfach immer weniger Jugendliche, und die Schulen halten sich, so weit es geht, schadlos." Die Qualität der Lehrstellenbewerber - von Unternehmern oft als sinkend eingestuft - sei vor allem ein quantitatives Problem: "Es gibt immer weniger Kandidaten." Zum anderen hat die Lehre immer noch mit Imageproblemen zu kämpfen, die vor allem in den Köpfen der Eltern stecken und in den städtischen Ballungsräumen Ostösterreichs besonders ausgeprägt sind. Vor allem Mädchen streben tendenziell nach höherer Bildung: In der zehnten Schulstufe planen 27 Prozent von ihnen eine Lehre, bei den Burschen sind es noch 41 Prozent.
Schneeberger gibt aber neben Bildungsexplosion und Demographie noch anderes zu denken: "Die Frage ist, ob unsere Lehrlinge wirklich so jung sein müssen." Hapert es bei den Lehranfängern doch oft an den schulischen Basiskenntnissen in Rechnen, Schreiben, Lesen und der Sprache Deutsch. "Wir müssen uns überlegen, ob es uns gelingt, in einem Bereichen - etwa Büroberufen -, eine Lehrausbildung nach der Schule zu verankern." Eine Art Mittlerer Reife wie in Deutschland - wo das Durchschnittsalter der Lehrlinge mit 19 höher ist als bei uns - könne ein Lösungsansatz sein. "Eine längere Schulpflicht könnte bei den Eingangsqualifikationen schon etwas bringen." Ein Indiz für den gegebenen Bedarf an älteren Lehrlingen: "In Wien suchen manche Unternehmen ausschließlich nach Abbrechern weiterführender Schulen."
Motivationslücke Arbeitswelt
Zwischen Stadt und Land (und zwischen Osten und Westen Österreichs) liegen immer noch Welten, was Lehrlinge betrifft. Heinz Amberger, Lehrlingsausbildner beim Kunststoffverarbeiter Geberit Produktions GesmbH. & Co. KG im niederösterreichischen Pottenbrunn, kann pro Jahr unter bis zu 70 BewerberInnen auswählen - im September will er drei neue Lehrlinge aufnehmen. Geberit profitiert von einem guten Umfeld: "Wir haben in der Region sehr gute Polys." Weiteres Plus: Viele Kids aus kleineren Orten haben einen anderen Zugang: Wer schon einmal den Motor von Opas altem Traktor zerlegt hat, kann glaubwürdiger Technik-Begeisterung kommunizieren als ein Youngster, "der sagt, ich bin technik-interessiert und wenn man dann nachfragt, ist's aus."
Im städtischen Umfeld fehle es neben Grundkenntnissen gelegentlich auch an einem anderen Eckpfeiler des erfolgreichen Einstiegs in die Berufswelt, glaubt Schneeberger: "Die Betriebe sind auch enttäuscht, wenn jemand die Lehrstelle ausschließlich als Einkommensquelle ansieht, das Interesse für den Beruf nicht so ausgeprägt ist."
Lehre - und dann?
Weiterbildung für Lehrabsolventen zur Aufwertung? Quereinsteiger in späteren Lebensabschnitten haben es - auch wegen der zeitlichen Anforderungen - schwer: "Eine HTL für Berufstätige ist nur etwas für Extremisten. Es sei denn, man unterteilt das Ganze in Module, die über einen etwas längeren Zeitraum verteilt werden können." Eine Fachhochschulstudium, wie es etwa die FH campus wien für ausgewählte Lehrlinge bietet (siehe auch die wirtschaft, November 2005, Seite 58), komme allenfalls für etwa 500 Lehrlinge pro Jahr in Frage. Ein Problem sei auch die Unterbewertung von Berufserfahrungen bei Lehrabsolventen mit Praxis: "Im post-sekundären Sektor fehlen generell die Anrechnungen."
Zu unflexibel sei das (Weiter-)Bildungssystem immer noch, kritisiert Schneeberger. Und das, obwohl die Arbeitskräfte sich im wirklichen Berufsleben immer mehr verändern: "Ein Drittel aller europäischen Erwerbstätigen verändert sich im Laufe des Arbeitslebens: 12 Prozent wechseln den Arbeitsplatz, 10 Prozent den Beruf und 11 Prozent steigen innerhalb des Berufsfeldes auf." Vereinzelt wird auch schon reagiert: So fördert etwa das AMS Facharbeiterintensivausbildungen für Arbeitslose, "ein gutes, aber kleines Rinnsal - das müsste breiter werden." Einziger Nachteil: "Dieser Weg ist sehr teuer."
(4/06)
Zeit: 31. Mai und 1. Juni 2006 (jeweils 9 bis ca. 17 Uhr 30)
Ort: Vienna All Suites Modul, 1190 Wien, Peter-Jordan-Straße 78-80
Programm:
Moderation: Harald Hornacek, Chefredakteur "die wirtschaft"
31. Mai
- Regierungsmaßnahmen zur Weiterentwicklung der Lehrausbildung/ Karl Wieczorek (Wirtschaftsministerium)
- Stand der Lehrausbildung 2006/ Arthur Schneeberger (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft)
- Was Unternehmen über die Entscheidung für den Lehrberuf wissen sollten/Leo Hödl (Berufsinformation der Wiener Wirtschaft)
- Lehrlingsmarketing bei Hilti/ Alfons Bertsch (Hilti Thüringen)
- Lehrlingsausbildung bei C&A Mode/ Martin Kowatsch (C&A Mode)
- Podiumsdiskussion
Anschließend Get-together
1. Juni
- Zukunft des Bildungssystems/ Anton Dobart (Bildungsministerium)
- Förderungen für Ausbildungsbetriebe/ Michaela Mayrus (WK Wien)
- Motivation von Lehrlingen/ Sidonie Pucher (Trainerin)
- Umgang mit Jungendlichen, die Drogenprobleme haben/ Heinz Amberger und Oliver Habourn (Geberit Produktions GesmbH & Co KG)
- Berufsmatura bei Spar/ Maria Oßberger (Spar AG)
- Lehrlingsausbildung bei Schirnhofer/ Annemarie Müller (Schirnhofer Fleischwaren)
- Motivation von Ausbildnern/ Imre Márton Reményi (Systemisches Institut)
Kosten: 1.090 Euro: beide Kongresstage, 690 Euro: Einzeltag (jeweils exklusive Ust.). Frühbucherbonus bei Anmeldung bis 2. Mai: 50 Euro.
Anmeldung:
Maria Eckl,
RedEd
Tel. (01) 54 664 - 140,
Adressat
www.RedEd.at
1. Einzelhandelskaufmann/frau
2. KFZ-Techniker/in
3. Bürokaufmann/frau
4. Friseur/in
5. Elektroinstallationstechniker/in
6. Koch/Köchin
7. Tischler/in
8. Maschinenbautechniker/in
9. Koch & Restaurantfachmann/frau
10. Installateur/in (Sanitär/Klima/Heizung)
Quelle: ibw
Gegen den Strom
Quelle: NÖ Wirtschaftspressedienst

DIE WIRTSCHAFT
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