30.08.2005
Gekaufte Demokratie: Filmregisseur Erwin Wagenhofer über WTO und Lebensmittelindustrie
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Zum ersten Mal in der Geschichte werden weltweit so viele Lebensmittel produziert, dass 12 Milliarden Menschen ernährt werden könnten. Gleichzeitig sind 842 Millionen Menschen permanent unterernährt. Welche seltsamen Wege unsere Nahrung geht, zeigt Erwin Wagenhofer in seinem Dokumentarfilm "We Feed The World" - und auch die Gründe dafür.
Interview Dagmar Haier d.haier@wirtschaftsverlag.at
Foto Richard Tanzer
die wirtschaft: Zunächst wollten Sie bloß wissen, wo eine Tomate herkommt, die man am Markt kauft. Wann war Ihnen klar, dass daraus eine größere Sache wird?
Erwin Wagenhofer: Dass diese Tomate erst 3000 Kilometer reisen muss, bis sie zu uns auf den Markt kommt, das ist mir irgendwie komisch vorgekommen. Dass wir bei den Recherchen in Spanien dann in der größten Gewächshausanlage der Welt gelandet sind, haben wir erst dort erfahren.
die wirtschaft: Die großen Konzerne lassen sich normalerweise nicht so leicht in die Karten schauen. Wie sind Sie in die Produktionsstätten hineingekommen?
Wagenhofer: Indem ich mir selbst eine Lobby aufgebaut habe. Zum Beispiel in der Steiermark, wo wir in einem Hühnermastbetrieb gefilmt haben.
die wirtschaft: Die Bilder von dort sind auch relativ harmlos im Vergleich zu dem, was man schon auf dem Sektor Hühnerproduktion gesehen hat.
Wagenhofer: Es war von Anfang an klar, dass ich nichts Illegales zeigen wollte, dass es mir nicht um die ewigen Reizthemen wie Legebatterien, Tiertransporte oder Gentechnik geht. Es ging uns darum, das System von innen heraus aufzurollen, nicht dass sich jemand von Greenpeace oder einer anderen Umweltschutzorganisation in die grüne Wiese stellt und etwas anprangert.
Ich habe geschaut: Wer ist auf dem Gebiet angesehen, und bin beim Thema Fleisch auf Karl Schirnhofer (steirischer Fleischproduzent, v.a. für "Zielpunkt", Anm.) gestoßen. Der kommt gar nicht vor im Film, aber er hat mir jemanden aus seinem Betrieb zur Verfügung gestellt, und der war der Türöffner bei Hannes Schulz, dem Geflügelzüchter, und bei der Firma Titz, wo wir dann in einem Mastbetrieb mit 35.000 Hühnern - ein mittelgroßer Betrieb - filmen durften. Die wirklich großen haben 70.000 Tiere, wobei es weltweit nur drei Zuchtkonzerne gibt, die den Markt für Mastküken beherrschen.
Wenn wir einfach so mit der Kamera aufgetaucht wären, hätten alle nur Angst gehabt, dass wir was über Gen-Soja machen wollen, und uns sicher nicht filmen lassen. Apropos Gen-Technik: In Kanada werden mittlerweile erbitterte Prozesse zwischen Bauern und dem Saatgutkonzern "Monsanto" geführt, weil sich gentechnisch veränderte Samen in die normalen Felder "verflogen" haben.
die wirtschaft: Kleine Bauern wollen einen Konzernriesen klagen?
Wagenhofer: Nein, umgekehrt. "Monsanto" verklagt die Bauern, weil sie keine Lizenzgebühren für diese Pflanzen bezahlen.
die wirtschaft: Zurück zum Soja-Geschäft: Brasilien ist weltweit der größte Exporteur von Soja und besonders interessant, weil es ein landwirtschaftlich reiches Land ist. Dennoch sieht man hungernde Menschen, die schmutziges Wasser trinken müssen.
Wagenhofer: Da ist auch der Fehler im System. Wir hier in Europa wissen zwar, dass der Regenwald zur Ackerlandgewinnung abgeholzt wird. Abgesehen von den Klimaproblemen, die sich daraus ergeben, ist das Sache des Landes. Uns ist aber nicht bewusst, dass wir den Regenwald mit aufessen. Die Masthühner, Schweine und Rinder, die wir essen, werden mit Soja gefüttert, der über 10.000 Kilometer hierher geschippert wird. Für den Sojaanbau wurde mittlerweile alleine in Brasilien eine Fläche, die Frankreich und Portugal zusammen ergibt, abgeholzt. Jetzt bekommen es die Brasilianer mit der Angst zu tun. Denn wenn Europa weiter zusammenwächst, dann wird Soja in Zukunft in der Ukraine, in Rumänien für den europäischen Markt angebaut, das wird dort bereits vorbereitet. Inzwischen verhökern deutsche Immobilienfirmen den Regenwald um einen Cent pro Quadratmeter - jeder kann den kaufen - an die europäischen Bauern, machen sie sozusagen zu Grundeigentümern, damit der Soja aus Brasilien weiter seinen Absatz findet. Dabei wächst Soja wunderbar in Italien bei uns.
die wirtschaft: Wer kann so weitreichende Dinge einfach beschließen? Welche Organisationen sind so mächtig?
Wagenhofer: Die Welthandelsorganisation WTO mit Sitz in Genf legt die Regeln des Welthandels fest. Rund 140 Staaten sind Mitglied und alle Entscheidungen werden nach dem Einstimmigkeitsprinzip gefällt, was aber nur ein scheindemokratischer Vorgang ist. Wenn ein armer Staat, der sich oft nicht einmal einen Botschafter bei der WTO leisten kann und von Genfer Rechtsanwälten vertreten werden muss, mit einer Sache nicht einverstanden ist, die in der WTO beschlossen wird, so ist er in zwei Wochen wirtschaftlich erledigt. Die USA, Kanada, Japan und die EU - sprich die OECD-Staaten - kontrollieren zusammen 80 Prozent des Welthandels.
Ein anders Problem sind die Preise. Man muss kein Spezialist für Eier und Hühner sein, das sagt einem der Hausverstand, dass da etwas schief ist, wenn ein Huhn im Supermarkt nur 3,50 Euro kostet.
Jemand wie der Herr Schulz zum Beispiel überlegt seit 30 Jahren, was er anders machen könnte. Dabei geht es hier nur um Cent-Beträge für den Endverbraucher, und er könnte nachhaltiger produzieren. Eine echte Marktwirtschaft gibt es in den OECD-Ländern, was die Landwirtschaft betrifft, nicht, denn sie wird täglich mit einer Milliarde US-Dollar subventioniert.
die wirtschaft: Können Sie die Subventionspolitik an einem Beispiel verdeutlichen?
Wagenhofer: Die EU fördert zum Beispiel Brachen, das bedeutet, dass jeder Landwirt 10 Prozent seiner Fläche stilllegen muss. Das hat nichts damit zu tun, dass sich der Boden erholen kann, wie viele Leute glauben und das für eine "Bio"-Maßnahme halten, sondern das passiert, weil wir zuviel "Nahrungsmittel" anbauen.
Auf diesen geförderten Brachen wird jetzt zum Teil Kukuruz angebaut, und dieser Mais wird in von der EU geförderten Verbrennungsanlagen zur Energiegewinnung verheizt. Für den Bauern bedeutet das doppelte Einnahmen. Gleichzeitig werden zigtausend Tonnen Soja aus Übersee importiert. Rein wirtschaftlich betrachtet ist das der teuerste Strom der Welt - von Moral, dass wir Lebensmittel verheizen und auf der anderen Seite des Globus die Leute verhungern, rede ich noch gar nicht.
die wirtschaft: In Rumänien lassen Sie sich von Karl Ortok, dem Produktionsdirektor von Pioneer, dem größten Saatguthersteller der Welt, zu den einfachen Bauern führen, und er sagt dann im Originalton: "We fucked up the west a few times, and now we are coming to Romania, we will fuck all the agriculture here." Müsste der Mann nicht inzwischen seinen Job los sein?
Wagenhofer: Er hat mich gefragt, wann der Film fertig ist. Nächstes Jahr, sagte ich, es war genau vor einem Jahr, dass wir bei der Ernte in Rumänien drehten, worauf er meinte: Da bin ich sowieso schon in Rente. Er wollte über das reden, worüber sonst alle nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Das ist ein allgemeines Problem in der Wirtschaft: Man springt Jahre lang gegen die eigene Philosophie mit, und bei einem EU-Referendum zeigt sich dann der Grad der allgemeinen Unzufriedenheit von einer ganz anderen Seite.
In Rumänien wird die ganze Landwirtschaft gerade auf EU-Standards umgestellt, und die Saatgutkonzerne, wie eben Pioneer, machen die Bauern von ihren Hybridsorten abhängig. So wie das bei uns vor 30, 40 Jahren geschehen ist. Die Hybridsamen sind ja nur einmal zu gebrauchen und für eine zweite Aussaat ungeeignet. "We feed the world" war nicht umsonst der Werbeslogan von Pioneer, denn der Ertrag steigt durch die Hybridtechnologie - allerdings sehr zum Nachteil des Geschmacks, und die Bauern verlernen sofort, wie man saatfest wirtschaftet, das heißt, welche Samen für die nächstjährige Aussaat aufgehoben werden müssen.
die wirtschaft: Wie haben sie es geschafft, an Leute wie Jean Ziegler und Nestlé-Chef Peter Brabeck zu kommen?
Wagenhofer: Wenn man über Nahrungsmittel einen Film drehen will, muss man den Hunger miteinbeziehen. Auf dieser Welt wächst tagtäglich der Reichtum und gleichzeitig wächst auch die Armut. Ich wollte aber nicht die Situation in den "üblichen" Hungerländern zeigen, sondern die Situation in reichen Agrarländern wie eben Brasilien, wo 25 Prozent der Bevölkerung hungern.
Jean Ziegler ist UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, das es übrigens erst seit ein paar Jahren gibt, und war daher der richtige Ansprechpartner für den Film. Wir haben uns relativ schnell gefunden.
Mit Brabeck war es nicht ganz so einfach. Sein Büro lehnte zunächst ab mit der Begründung, dass es in meinem Film ja nur um frische Produkte gehe, und wollte mich an Nestlé Österreich verweisen. Ich wollte aber den Konzernchef des größten Nahrungsmittelkonzerns weltweit - der Jahresumsatz von Nestlé International ist größer als der Staatshaushalt der Schweiz. Ich war dann sowieso in Genf wegen Ziegler, rief am Vortag den Konzernsprecher noch einmal an und meinte: Ich komme morgen und rede das direkt aus. Das war der Punkt, dass ich als Person dort aufgetaucht bin, und dann bekam ich das Interview ganz schnell.
die wirtschaft: Brabeck sieht die Welt recht rosig, wenn er sagt: "Wir haben noch nie so gut gelebt, wir hatten noch nie soviel Geld, wir waren noch nie so gesund, wir haben noch nie so lange gelebt wie heute. Wir haben alles, was wir wollen."
Wagenhofer: Das ist auch seine tiefste Überzeugung, seine Weltsicht. Er vertritt die Konzerne, das ist sein Job. Er ist aber für mich nicht der Böse, sondern es gibt die eine Haltung und es gibt eine andere. Es liegt am Einzelnen zu wählen. Darum hat mein Film auch nichts Apokalyptisches, er zeigt nur, wie es ist.
die wirtschaft: Und Ihre Haltung?
Wagenhofer: Es dauert ganz lange, bis sich Dinge verändern. Warum fliegt der deutsche Kanzler Schröder mit einem Jumbojet voller Wirtschaftsfachleute nach China, um alte Hüte zu verkaufen? Eigentlich müsste er allein mit den Fahrrad hinfahren, mit drei Filmrollen vom täglichen Stau auf irgendeiner deutschen Autobahn im Rucksack und die Chinesen fragen: Wollt ihr das?
(9/05)
- Ultra Convenience Food: beispielsweise Depot-Lebensmittel, die nur einmal pro Woche gegessen werden, um den Körper mit allen nötigen Nährstoffen zu versorgen.
- Nano Food: beispielsweise Entwicklung neuer Proteinquellen im Labor - "tierloses" Fleisch, Herstellung beliebiger Lebensmittel aus verschiedenen Rohstoffen.
- Immortal Food: z.B. Lebensmittel mit extreme langer/ unbegrenzter Haltbarkeit, Methoden, die es ermöglichen, Frischprodukte zu Hause einfach und lange zu konservieren.
- Taste, Mood & Mind Food: z.B. Lifestyle-Produkte mit Designerlabel; unbekannte Geschmacksstoffe in herkömmlichen Lebensmitteln; Nahrungsmittel, die olfaktorische und visuelle Assoziationen hervorrufen.
- Health Food: z.B. Verabreichung von Medikamenten über Nahrungsmittel, auch Lebensmittel, die Bakterien enthalten, welche im Verdauungssystem Arzneien und Vitamine herstellen.
- I-Food: z.B. "modulare" Lebensmittel, die individuell zusammengestellt werden können; ausgefeilte Spezial-Diäten.
- Enhancement Food: Ess-Pendant zur plastischen Chriurgie, z. B. Nahrungsmittel, die klug, schön und jung machen.
- No Food: Versuch, Vorgang des Essens aus dem leben zu streichen und dem Körper Nährstoffe auf andere Art zuzuführen, z.B. intravenöse Ernährung oder durch Symbionten, die im Magen Nährstoffe produzieren.
www.gdi.ch
Buch, Regie & Kamera: Erwin Wagenhofer
Produzent: Helmut Grasser
Produktion: Allegrofilm
Gefördert vom Österreichischen Filminstitut und vom Filmfonds Wien
Ab 30.9. im Kino
www.we-feed-the-world.at
Am 28.9. 19:00 (Info: www.filmladen.at ) werden Jean Ziegler und Franz Fischler nach vorangegangener Filmvorführung vor geladenem Publikum über "We Feed The World" diskutieren.
Das Buch "Das Imperium der Schande" von Jean Ziegler erscheint am 22.9. 2005 im C. Bertelsmann Verlag, München.

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