Unternehmensführung
19.05.2010
„Wir brauchen dringend neue Management-Methoden“
Die Konjunktur scheint weltweit anzuziehen – ist die Krise also vorbei?
Die Konjunktur ist zwar wichtig, aber nur eine von vielen Baustellen und fast alle sind miteinander vernetzt. Die US-Zahlen zum Beispiel sind seit Langem um ein, zwei Prozentpunkte geschönt und nicht mit den europäischen vergleichbar. Von den chinesischen weiß man wenig, weil das Land statistisch kaum erfassbar ist. Und in Europa schwelen Krisenvulkane, die unabhängig von der Konjunktur jederzeit aktiv werden können. Konjunkturdaten beschreiben nur eine alte Ökonomie. Aussagekräftiger wären Schuldendaten, Risikodaten und Deflationsdaten.
Sie sprechen oft von gesundem und krankem Wachstum. Was ist darunter zu verstehen?
Das aktuelle Wirtschaftswachstum ist in hohem Maße ein krankes Wachstum, weil es auf den größten Schuldenbergen beruht, die es je gab, und die Produktivität der Wirtschaft immer stärker bremsen. Was wächst, wäre in der Medizin Krebs. Hier heißt es Verschuldung. In Amerika sind dabei nur 10 Prozent der aufgesetzten 1.000 Milliarden in der Realwirtschaft angekommen. Und was auch wächst ist die Komplexität fast aller Lebensbereiche.
Woraus ergibt sich diese neue Komplexität?
Sie ergibt sich aus den global vernetzten gesellschaftlichen Systemen, die sich mit großer Dynamik verändern. Was jetzt an der Oberfläche wie eine ökonomische Krise aussieht, ist in der Tiefe eine fundamentale Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft. In einem meiner Bücher habe ich 1997 diese Umwandlung die „Große Transformation des 21. Jahrhunderts“ von der Alten Welt in eine Neue Welt genannt. Die aktuelle Krise kann man als die Geburtswehen zu einer Neuen Welt sehen. Herkömmliche Lenkungsprozesse, Organisationsstrukturen und
Managementsysteme sind von dieser Komplexität überfordert. Manche funktionieren kaum noch, etwa in der heutigen Politik.
Wie zeigen sich diese grundlegenden Veränderungen?
Die meisten Organisationen, zum Beispiel Sozialsysteme, Krankenhäuser oder Städte werden in Hinkunft doppelt so gut funktionieren müssen, weil sie vor immer größeren Anforderungen stehen, dafür aber weniger Geld haben. Aber selbst mit mehr Geld könnte man kein besseres Funktionieren kaufen. Fehlendes Geld muss ersetzt werden durch Wissen, Intelligenz und Kreativität, und das wiederum erfordert die Anwendung neuer Methoden, die es zum Glück bereits gibt. Den meisten Entscheidern sind sie noch nicht bekannt. Das Wichtigste ist, die Menschen zusammenzubringen, ihr Wissen anzuzapfen und zu verknüpfen und dadurch eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen.
Wie kann das gehen?
Eine dieser Methoden heißt „“, ein Kunstwort aus Synergie und Integration. Im Managementcenter St. Gallen haben wir dieses Verfahren bereits mehr als 400 Mal eingesetzt. Es beschleunigt Entscheidungsprozesse bis zum 100-fachen und verstärkt die Kraft von Teams um das 80-fache. Damit entstehen gänzlich neue Lösungen. Was von den Anwendern oft als Wunder bezeichnet wird, ist eine Innovation beim Funktionieren von Prozessen. Das ist wesentlich, denn die bisherigen Strategien und Methoden sind auf allen Ebenen gescheitert.
Sie kritisieren vor allem amerikanische Management-Standards wie das Shareholder Value.Mit dem Shareholder Value ist unter dem Etikett der freien Marktwirtschaft ein selbstzerstörerisches System entstanden. Je größer das Wachstum war, desto größer wurden die Löcher innerhalb des Systems – eine große Destabilisierung. Die guten Unternehmen spüren aber bereits, dass man die Dinge ändern kann und muss.Veränderung geht meist nur von der Führungsebene aus. Welchen Herausforderungen müssen sich
politische und wirtschaftliche
Führungspersonen nun stellen?
Die Politik der meisten Länder muss die Demokratie neu erfinden, damit sie der neuen Komplexität gewachsen wird und wieder funktioniert. Blockaden müssen gelöst und Lähmungen beseitigt werden, die systematisch entstanden sind, als die Voraussetzungen schlichtweg andere waren. Auch die Wirtschaft braucht neue Methoden und Navigationssysteme, die es ebenfalls bereits gibt. Es sind ganzheitliche Sensitivitäts-Modelle, die Vernetzungen und Zusammenhänge besser erfassen können. Mit ihnen entdeckt man plötzlich Schalthebel, durch die sich ganz neue Wege auftun. Damit sind völlig neue Dimensionen der Schnelligkeit, des Entscheidens und des Navigierens möglich. Und dann braucht es eine neue Kraft des Umsetzens, damit die PS auf die Straße gebracht werden.
Das geht vermutlich nicht von heute auf morgen.
Ein Syntegrations-Workshop mit einem Unternehmen oder zum Beispiel mit einer Stadt dauert nur drei Tage. Die wichtigsten Partner und Ideengeber kommen dabei zusammen, die nächsten Schritte und Aufgaben werden klar definiert. Und Erfahrungen wie mit der Kärntner Stadt St. Veit/Glan zeigen, dass dabei auch eine richtige
Aufbruchsstimmung entstehen kann. Aber klar: Die Methoden und Herangehensweisen müssen von Europa vorgelebt werden. Es ist eine gewaltige, hochinnovative Zeit.
Ist Österreich dabei schnell genug?
Ich denke, Österreich hat ausreichend viele aufbruchsfähige Pioniere, um etwas in Bewegung zu setzen.
Auch bei den KMU?
Die KMU stehen genauso in der „Großen Transformation“. Was bisher funktioniert hat, muss auf den Prüfstand gestellt werden. Das größte Risiko ist so weiterzu-machen wie bisher.
Was sind die diesbezüglichen Stärken und Schwächen von KMU?
Ein großer Vorteil der KMU ist, dass sie fast alles viel schneller ändern können. Mit der Syntegrations-Methode ist es regelmäßig möglich, innerhalb von zwei bis drei Tagen bankrotte Firmen wiederzubeleben, nachdem vorher alle anderen Mittel bereits versagt haben.
In einem KMU kann man innerhalb von Stunden entscheiden, so etwas durchzuführen und immer geht ein Ruck durch Firmen, den man sich vorher kaum vorstellen konnte. In Großorganisationen hingegen, besonders in den politischen Systemen, braucht man schon für Bewilligungsverfahren Monate. Bis dahin kann es aber zu spät sein. Solche Bremsklötze müssen entfernt und die Triebwerke schneller gezündet werden.

MEDIADATEN
NEWSLETTER
|
BESTELLEN |
ADVERTORIAL
|
Sicherheit am Bau: Aktuelle Tipps und Veranstaltungsreihen
|
Werbung
Werbung



Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share
Kommentar schreiben





