Wifo-Chef Aiginger fordert Strategie für Flüchtlinge | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Wifo-Chef Aiginger fordert Strategie für Flüchtlinge

25.09.2015

Das Flüchtlingsthema erregt die Gemüter. Wir versuchen kühlen Kopf zu bewahren, besuchen Wifo-Chef Professor Karl Aiginger und bitten um eine kurze, klare Aussage des Wirtschaftsforschers.   

Im Gespräch mit "die wirtschaft" fordert Aiginger die Politik zum Handeln auf
WIFO-Chef Karl Aiginger plädiertfür eine nationale Strategie bei der Integration von Flüchtlingen.

Welche Schlüsse aus der Flüchtlingskrise ergeben sich für Wirtschaft und Erwerbsleben?

„Ein bloßes Hinnehmen der Flüchtlingssituation, würde zu einem Problem führen. Wenn es eine Strategie gibt, ist der Flüchtlingsstrom als Chance zu sehen. Teil dieser Strategie ist die Überlegung, welche Jobs in Österreich derzeit unbesetzt sind. Wir wissen, dass etwa 10.000 bis 20.000 Facharbeiter-Arbeitsplätz fehlen. Klar ist, dass wir nicht den gesamten Bedarf mit Flüchtlingen decken können, aber bestimmt einen Teil davon. Ich gehe von rund 5.000 Stellen aus. Ein weiterer Schritt wäre die Qualifizierung jener Migranten, die in den vergangenen zehn Jahren nach Österreich kamen. Jene, die eine Ausbildung haben, aber jetzt Taxi fahren. Beim Nostrifizieren wurde einiges verbessert, aber man lässt hier noch immer Potenzial liegen. Bringt man diese Zuwanderer in Fachberufe, werden wiederum deren alten Jobs frei. Der dritte Ansatz sind persönliche Dienstleistungen.“

 

Welche Möglichkeiten sehen Sie in diesem Bereich?

„Es geht dabei beispielsweise um die Betreuung von alten Menschen. Hier herrscht große Nachfrage, aber kaum ein Angebot. Es gibt in diesem Bereich sehr viele Chancen, Dienstleistungen zu etablieren, wie etwa Hilfe im Haushalt, Bootengänge, die Erledigung des Einkaufs oder ähnliches. Man braucht nur nach England zu blicken, dort gibt es diese Angebote schon. Wer dort um 22 Uhr etwas braucht, der bekommt es. Und diese Leistungen werden von Migranten erledigt. Wenn wir das alles in einer Strategie umsetzen, dann wird unsere Wirtschaftsleistung steigen und wir bekommen Dienstleistungen, die wir vorher nicht hatten. Die speziell die Bedürfnisse der älteren Gesellschaft stillen können und somit ein Problem angehen, das uns künftig jedenfalls beschäftigen wird.“

 

Ob fehlende Anerkennung von Qualifikationen oder fehlende Arbeitserlaubnis – sind die Zutrittsbarrieren für den Arbeitsmarkt nicht zu hoch?

„Es hat einen Sprung bei der Anerkennung von Qualifikationen gegeben. Es wird die Möglichkeit geben, dass Flüchtlinge ab der zweiten oder dritten Woche arbeiten, sobald sie bei uns sind. Diese Änderungen müssen noch in eine gesamte Strategie umgewandelt werden.“

 

Sie schlagen vor, Lehrer aus der Frühpension zurückzuholen, um den Mehrbedarf an Pädagogen im Zusammenhang mit schulpflichtigen Asylwerbern zu decken. Wie?

„Ich schlage vor, dass wir schauen, wie viele der Lehrer aus der Frühpension, freiwillig gegen eine kleine Prämie zurückkommen würden. Wenn das nicht klappt, könnte man sich weitere Möglichkeiten überlegen. Die Schulen müssten sich in diesem Fall auch öffnen. Derzeit dürfen nur ausgebildete Lehrer dort unterrichten.“

 

 Was kann die EU tun?

„Es muss etwas zur Entwicklung der Länder getan werden. Wo Krieg und Hoffnungslosigkeit herrscht, steht die Europäische Union in der Pflicht zu helfen. Es geht um den Vorhof Europas. Das Mittelmeer wird nicht umsonst als Mare Nostrum, als unser Meer, bezeichnet. Wir können nicht hergehen, und sagen, die andere Seite geht uns nichts an. Da braucht es eine Mittelmeerstrategie und ein Verhältnis zu den Nachbarländern der ehemaligen Sowjetunion wie dem arabischen Raum. Darin besteht dann auch eine Chance: Das sind Länder mit  Arbeitskräften und mit Energie. Es sind hungrige Länder.“

Das Gespräch führte Daniel Nutz, Stv. Chefredakteur von "die wirtschaft"

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
Werbung

Weiterführende Themen

Meldungen
24.09.2010

Durch die Abwertung des Euro im 1. Halbjahr begünstigt, sollte der Export des Euro-Raumes in der zweiten Jahreshälfte 2010 weiter expandieren. Gleichzeitig wird sich aber das Wirtschaftswachstum ...

Meldungen
13.09.2010

Wachstumsschübe zeigt die heimische Wirtschaft. Das WIFO gibt für das zweite Quartal ein Wachstum von 1,2 Prozent bekannt.

Werbung