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Wie sich Vorreiter weiterbilden

20.03.2017

E-Commerce? Robotik? Oder doch ein klassischer MBA? Wir haben heimische Top-Unternehmen nach ihren Fortbildungsschwerpunkten für 2017 gefragt. Die Antworten waren zum Teil überraschend. 
 

Alle reden von Industrie 4.0. Da sollte man doch annehmen, dass die Firmen ihre Leute strategisch geplant in solche Kurse schicken. Sollte man. Die Realität sieht allerdings anders aus. Zuerst eine Frohbotschaft: Ja, es wird wieder weitergebildet. Wir erinnern uns: Der Markt boomte noch lange nach Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise. Erst als diese 2010 sehr real am heimischen Arbeitsmarkt ankam, brach er ein. Logisch, denn wenn ein Unternehmer nicht weiß, ob er seine Leute weiterbeschäftigen kann, bildet er sie auch nicht weiter. In Folge geriet so manches Fortbildungsinstitut in heftige Turbulenzen.  

Die Talsohle scheint nun durchschritten. Nach den kargen Jahren eisernen Sparens machen die Firmen wieder Budgets locker. Zwei Überraschungen gibt es dabei: Erstens, sie agieren weniger strukturiert als erwartet und zweitens, sie setzen weniger auf die Themen, die eigentlich unter den Nägeln brennen sollten. 

Weltmarktführer schulen individuell

Ein konkretes Beispiel bietet Doppelmayr Seilbahnen. Die Wolfurter sind in der ganzen Welt ein Begriff. Bei ihnen geht es um Technik, um Robotik, um Innovation. Wird das auch geschult? Firmensprecher Ekkehard Assmann denkt nach. „Natürlich wäre es schön, wenn wir 2017 zum Jahr der Industrie 4.0 ausgerufen hätten. Wenn wir ein breites Fortbildungskonzept ausrollen würden. Aber so ist es nicht.“ Vielmehr handelt sich jeder der tausend heimischen Mitarbeiter mit seinem Chef aus, was er denn gern lernen würde. Einige Technikkollegen machen den Seilbahnlehrgang an der FH in Dornbirn, die im Export tätigen Kollegen lernen Fremdsprachen. Die Firma zahlt, vor allem, wenn sie sich direkten Nutzen davon verspricht. Von strategisch geplantem Change ist keine Rede. 

Szenenwechsel nach Linz. Emporia Seniorenhandys besetzen auf dem Weltmarkt eine gar nicht so schmale Nische. Geschäftsführerin Eveline Pupeter baut sie zügig aus. Auch hier geht es um Technik und Innovation. Und was wird geschult? „Führung und Lebensgestaltung“, erzählt Pupeter mit leuchtenden Augen. In Managementcoach Manfred Winterheller fand sie den richtigen Mann dafür: „Ich bin überwältigt, was für schöne Sachen der macht.“ Das gesamte Managementteam orientiert sich an Winter­hellers Büchern, „Start living now“, Teil 1 und 2. Abgesehen davon bekommt auch hier jeder der hundert Mitarbeiter genau das, was er für seinen Job gerade braucht: die HR-Chefin die Wifi Personalmanagement-Akademie, das Rechnungswesen die einschlägigen Icon-Trainings zu Gesetzesänderungen im Finanzbereich. Forschung und Entwicklung bringen sich auf Stand, indem sie „sich Future Labs ins Haus holen und die neuesten Trends aus Japan und Amerika präsentieren lassen“. Kommunikation und Technik erweitern ihr Wissen in Social Media, um die Zielgruppe 60+ auch im Web zu erreichen. 

Jeder das, was er braucht

Vergleichen wir einmal mit einer österreichischen Konzerntochter. Gibt die schwedische Mutter in der Ikea-Zentrale in Vösendorf die Richtung vor? Nein: Auch hier macht jeder Mitarbeiter genau die Fortbildungen, die er sich mit seinem Vorgesetzten ausmacht, fasst Competence Development Leader Claudia Schmidt zusammen. Wer über seine Standardschulungen hinaus nichts verlangt, bekommt auch nichts. Der Renner sind Englischkurse, „weil für viele Menschen in Österreich Deutsch nicht die Muttersprache ist. Diversity ist bei uns ein großes Thema.“

Doch es gibt zwei strategische Ausnahmen. Die erste kommt aus der Konzernzentrale direkt und legt den Finger auf die Customer Experience: „Wie können wir dem Kunden das Einkaufserlebnis noch angenehmer gestalten, von der Eingangstür bis zur Kasse?“ Das geht in Richtung Online, E-Commerce und neuer Shopkonzepte wie dem St. Pöltner Mini-Ikea. In dem sind zwar nur wenige Möbel ausgestellt, aber alles kann via App bestellt und geliefert werden. Das Know-how dafür erarbeiten sich die Mitarbeiter in bereichsübergreifenden Trainings, meist intern und mit internationaler Hilfe organisiert.
Die zweite Ausnahme ist lokal: persönlichkeitsbildende Teamtrainings für Lehrlinge. Hier ist Ikea in bester Gesellschaft. Viele vorausdenkende Unternehmen in ganz Österreich wollen ihren Lehrlingen mehr als nur die duale Ausbildung mitgeben. Im letzten Lehrjahr, wenn sich die jungen Leute schon Gedanken über die Zukunft machen, schnürt man ihnen ein liebevolles Paket aus Reflexions-, Persönlichkeits- und Gesundheitstrainings. Eine gute Tat, die natürlich auf einen Wettbewerbsvorteil abzielt: Die künftigen Fachkräfte mögen so begeistert sein, dass sie auch nach Lehrabschluss bleiben. 

Was wurde aus dem MBA?

Es gab einmal eine Zeit, da machte jeder, der etwas auf sich hielt, seinen Master of Business Administration. Dann wurde dieser Titel inflationär und dementsprechend preiswert. Heute ist ein MBA ab 9000 Euro zu haben – gut so, denn inzwischen müssen ihn sich die meisten aus eigener Tasche zahlen, weil die Arbeitgeber den konkreten Nutzen für das Unternehmen infrage stellen. Die WU Executive Academy, mit immer noch bis zu 45.000 Euro pro MBA der Rolls Royce ihrer Zunft, musste sich also etwas anderes einfallen lassen. Was ihr mit einem neuen Konzept auch gelang: Heute reüssiert sie mit MBA und Executive Education „direkt am Arbeitsplatz“. Niemand wolle für eine Standardausbildung noch mehrere Tage im Monat in einem Hotel kaserniert sein, erläutert Sprecher Paul Kospach. Das treibe nur die Kosten in die Höhe, während man zurück in der Realität des Alltags schnell wieder in den alten Trott falle. 
Ein Baustellenzulieferer, dessen Führungskräfte auf 80 Länder verteilt und unmöglich an einen Ort zu bringen waren, gab den Anstoß dazu. Für ihn entwickelte die Executive Academy ein Online-Konzept aus zahllosen kleinen Lernimpulsen und -aufgaben. Die kommen per Video, als Podcast, Konferenzschaltung oder kurzer Text, natürlich Smartphone-kompatibel, einfach in den Arbeitsablauf und den eigenen Job zu integrieren. „In der eigenen Arbeitsumgebung ist die Lernkurve viel steiler“, schwärmt Kospach, „und die Inputs bleiben länger haften.“ Weil die Ausbildung für jedes Unternehmen handgeschnitzt ist, gibt es keine Standardpreise. Andere Anbieter setzen auf immer feinere Spezialisierungen. Die LIMAK etwa kreierte MBA-Titel in „Business Law“, „Strategic Management & Entrepreneurship“ oder „Quality, Project & Process Management“, um damit neue Kundengruppen zu erschließen. 

Und die Technik?

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden: Österreich braucht Techniker. Technische und IT-Ausbildungen stehen hoch im Kurs. Mechatronik, Data Science oder IT-Security im Lebenslauf entheben derzeit aller Jobsorgen. 
Doch ob die Unternehmen diese Aus- und Weiterbildungen auch finanzieren wollen, steht auf einem anderen Blatt. Bestes Beispiel: Die fünf Jahre jungen Airborne Technologies in Wiener Neustadt sind Weltmarktführer in Geodatenvermessung und Luftüberwachung sowie im Umbauen von Flugzeugen und Helikoptern. Wie hält man dort die Mitarbeiter auf dem Laufenden? „Gar nicht“, gibt Nicole Gruber, die rechte Hand von Geschäftsführer Wolfgang ­Grumeth, freimütig zu: „Wenn wir eine neue Qualifikation brauchen, holen wir sie uns einfach vom Markt.“

Autor: Mara Leicht

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