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29.08.2016

Bei Wikipedia träumt man von einer Welt, in der das gesammelte Wissen der Menschheit frei zugänglich ist. Wie weit wir davon noch entfernt sind, erklärt die Wikimedia Österreich-Geschäftsführerin Claudia Garád im Interview.

Wikipedia ist mit mittlerweile 39 Millionen Artikeln das umfangreichste Lexikon der Welt und auch eine der global meist besuchten Seiten. Wie entwickelt sich der freie Zugang zu Wissen auf der Welt?
Sehr unterschiedlich, in manchen Regionen Afrikas und Asiens ist zum Beispiel nicht nur der Zugang zu freiem Wissen, sondern schon der Zugang zum Internet das Problem. Darum betreibt die Wikimedia Foundation auch diverse Projekte, um diesen Zustand zu verbessern. Zum Beispiel Wikipedia Zero. Hier werden Verträge mit Mobilfunkanbietern in Afrika und Asien ausgehandelt, die einen kostenlosen Zugang zu Wikipedia beinhalten. Dies ist jedoch sowohl innerhalb als auch außerhalb unserer Community umstritten.

Die Menschen müssen ja die Seite nicht nutzen.
Stimmt, aber viele möchten nicht, dass wir dem globalen Süden unsere westlich geprägte Vorstellung vom Internet aufzwingen. Das sieht man zum Beispiel auch daran, wie viele Menschen in Indien sich jüngst vehement gegen Facebook Zero, das nach einem ähnlichen Prinzip agiert, gewehrt haben. Außerdem läuft man so Gefahr, die sogenannte Netzneutralität zu untergraben, die Projekte wie die Wikipedia erst groß gemacht haben. Man muss sich also auch die Frage stellen, inwieweit man die Werte, auf denen unsere Projekte gründen, für einen vermeintlich besseren Zugang zu freiem Wissen kompromittiert.

Bemerken Sie auch in Europa Einschränkungen im Zugang zu Ihrer Plattform?
Mit Russland tun wir uns zum Beispiel schwer. Weil die Wikimedia Foundation aus politischen Gründen kein Geld aus den USA nach Russland transferieren kann, ist die Community dort zumindest finanziell auf sich alleine gestellt. Entsprechend schwierig ist es, Freiwillige zu fördern, die sich für freies Wissen engagieren.

Wie sieht es aktuell in der Türkei aus?
Dort haben wir zumindest dieses finanzielle Problem nicht. Was den Versuch angeht, Inhalte zu zensurieren, haben wir die vorteilhafte Situation, dass die Wikimedia Foundation in den USA die Herrin über die Server und Inhalte ist. Wenn also jemand aus der Türkei eine Änderung einklagen wollte oder versuchen würde, etwas zu zensurieren, müsste er das über amerikanisches Recht und in den USA durchsetzen. Und die Meinungsfreiheit ist dort hoch angeschrieben.

In manchen Ländern wird vermutlich gleich der komplette Zugang zu Seiten gesperrt. Wissen Sie, ob man in Nordkorea auf Wikipedia kommt?
Der Zugang zu freiem Wissen ist dort definitiv beschränkt. Deswegen gab es auch einmal eine recht witzige Aktion, wo Offline-Wikipedia-Versionen auf USB-Sticks mittels Luftballons von Südkorea nach Nordkorea geschickt wurden.

Wir bezeichnen uns gerne als Wissensgesellschaft. Wissen wir wirklich mehr, nur weil mehr Wissen verfügbar ist?
Ich sehe einen wesentlichen Unterschied zwischen Wissen und Information. Es ist mehr Information verfügbar. Aber Wissen entsteht ja erst daraus, wenn man es für sich anwenden kann. Das ist es, was leider noch oft zu kurz kommt.

Wissen wird – zumindest im Sprichwort – auch mit Macht gleichgesetzt. Wie mächtig ist Wikipedia?
Die Frage ist, ob Wikipedia selbst mächtig ist oder ob wir die Leute ermächtigen, die unsere Inhalte nutzen. Zweites trifft auf jeden Fall zu. Was den Zugang zu Wissen anbelangt, ist Wikipedia die größte Revolution seit der französischen Encyclopédie von Denis Diderot. Es war noch nie so einfach, an Wissen zu gelangen wie heute, und das verleiht jedem Einzelnen Macht.

Und welche Rolle kommt Wikipedia selbst dabei zu?
Die Community, die ständig an den Inhalten arbeitet, ist sicher auch mächtig. Ihr wird viel Deutungshoheit zugeschrieben, weil die Seite weltweit Nummer eins ist, wenn es um Wissensvermittlung geht. Damit geht sehr viel Verantwortung einher.

Wie nehmen Sie diese Verantwortung wahr? Wie sichert man ab, dass keiner der Wikipedianer seine Macht missbraucht und dass sich niemand vereinnahmen lässt?
Dadurch, dass es, zumindest in der deutschsprachigen Welt, eine große Community ist und nicht nur einzelne Personen, die man einfach infiltrieren könnte. Wer Einfluss nehmen will, müsste sich sehr tief in die Kultur einlassen, um irgendeine Chance zu haben. Darüber hinaus ist sich die Community ihrer Verantwortung bewusst und kontrolliert sich durch diverse technische und soziale Mittel zur Qualitätssicherung selbst.

Gibt es einen verpflichtenden Verhaltenscodex für die ­Wikipedianer?
Großgeschrieben wird vor allem radikale Transparenz. Das fängt bei dem Budget der Wikimedia-Organisationen und -Projekte an, das online einsehbar ist, und reicht bis zu den Rollen, die einzelne Autoren haben. Es ist etwa prinzipiell kein No-Go, dass Leute von Pressestellen an Artikeln mitarbeiten, aber sie sollten es offenlegen. Auffliegen tut es meist früher oder später sowieso.

Es wird aber vermutlich auch ganz konkrete Regeln geben, damit so viele Menschen an einem Strang ziehen?
Es gibt sogar sehr viele Regeln. Vor allem für die Erstellung von Beiträgen. Und am meisten Regeln gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia – wenig überraschend. Dafür ist aber auch die Qualität sehr hoch. Es gibt Regeln für die ausgewogene Gestaltung der Texte. Bei politischen bzw. ideologischen Themen muss alles ganz besonders gut belegt sein. Die Autoren der Wikipedia führen außerdem Beobachtungslisten zu heißen Themen und löschen rasch bei Vandalismus.

In welchen Bereichen wird denn besonders viel diskutiert und geändert?
Grundreiberein gibt es wie in anderen Lebensbereichen auch, zum Beispiel zwischen Österreichern und Deutschen – vor allem, wenn es um die Sprache geht. Es gibt viele Begriffe, die hier gebräuchlich sind, in Deutschland aber nicht. Zum Beispiel Jänner. Das ist auch das einzige österreichische Wort, das in Wikipedia erlaubt ist – zumindest in Artikeln mit Österreichbezug.

Und bei politischen Inhalten: Verbessern da unterschiedliche Gruppen hin und her?
Klar, Burschenschaften sind zum Beispiel ein Thema, das immer wieder für Reibereien sorgt. Letztes Jahr hatten wir auch ein Workcamp mit Freiwilligen zum Thema Frieden. Da gab es hitzige Diskussionen darüber, wo welche Statistiken rund um die Flüchtlingskrise herkommen und wie sie zu deuten sind.

Gibt es Institutionen oder Firmen, die bewusst versuchen, Einträge zu manipulieren?
Es gibt sogar Agenturen, die anbieten, Wikipedia-Einträge zu schreiben. Manche sind schon lange Teil der Community und fliegen seltener auf, weil sie sich regelkonform verhalten. Es bieten aber auch viele an, die es schlecht machen und ertappt werden. Am Ende werden die Inhalte aber in der Regel ausbalanciert, weil die Community einen schönen Querschnitt bildet. Manchmal ist sie vielleicht in der Gesamtheit eher links angesiedelt. Die Schwarm-Intelligenz, die hier zum Tragen kommt, macht es aber schwer, gravierenden Einfluss zu nehmen und ideologische Schlagseitenthemen zu platzieren. Bei den wesentlichen Themen sind einfach zu viele Leute dran.

Welche Begriffe werden besonders oft gesucht?
Sehr häufig werden Stars gesucht, die verstorben sind. Prince und David Bowie werden vermutlich dieses Jahr ganz oben sein. Serien und ihre Darsteller werden auch sehr häufig gesucht. Bei Wahlen gibt es auch immer großen Informationsbedarf zu den Kandidaten. 

Dass Wikipedia einmal so eine Stellung einnehmen würde, hat sich am Anfang bestimmt niemand gedacht. Wer hat den Startschuss für das Projekt gegeben?
Jimmy Wales und Larry Sanger hatten die Idee einer Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann. Sie haben sich zusammengetan, 2001 Wikipedia gestartet und das Projekt schnell an die Community übergeben, weil sie kein Business daraus machen wollten. Bald sind in einzelnen Ländern aus der Community heraus eigene Chapter oder Zweigvereine entstanden, um die lokalen Wikipedianer gezielter zu fördern.

Wie viele Menschen arbeiten heute mit?
Es sind weltweit rund 80.000 aktive Wikipedianer. In Österreich gibt es ein paar Tausend aktive Editoren, rund 100 kennen wir persönlich. Es gibt aber auch viele, die gar nicht aus der Anonymität rauswollen.

Wie sieht das Profil des typischen Wikipedianers aus?
Es stimmt, was in den letzten Jahren bereits häufig durch die Medien ging, dass viele Wikipedianer weiß, männlich, mittleren Alters und überdurchschnittlich gebildet sind. Darüber hinaus gibt es natürlich Gemeinsamkeiten, wie die Liebe zu Details, Begeisterung für freies Wissen und eine Leidenschaft für Bücher. Ansonsten finde ich es wie immer schwierig, Menschen über einen Kamm zu scheren. Wir sind eine internationale Community mit vielen großartigen und engagierten Freiwilligen. Es sind nicht nur junge Leute in Kaputzenpullis, die ihre Zeit reinstecken, sondern auch viele Pensionisten. Das Spektrum reicht vom erwerbstätigen Vater bis zum Arbeitslosen. Frauen sind leider unterrepräsentiert. Genauso bestimmte Berufsgruppen ohne höheren Bildungsabschluss.

Lässt sich das ändern?
Es gibt durchaus Verbesserungspotenzial – wir diskutieren viel da­rüber, was manche Menschen von der Mitarbeit abhält, nicht auf alle Faktoren können wir jedoch Einfluss nehmen. Frauen lassen sich etwa oft vom rauen Ton abschrecken, der bei den Diskussionen herrscht. Auch die Willkommenskultur ist an einigen Stellen verbesserungswürdig. Daran wollen wir arbeiten.

Wo haben denn Sie selbst Ihre ersten Schritte gesetzt?
Ich habe mir ein Thema ausgesucht, bei dem recht wenig los war und über Frauen geschrieben, die vor dem ersten Weltkrieg Kabarett, Kleinkunst und Musik gemacht haben. Über solche Nischen kann man noch ganz gut schreiben, da die deutsche Wikipedia allgemein schon sehr gesättigt ist. Die Allgemeinwissensthemen sind schon abgedeckt. Aber mich hat das interessiert. Und es ist ein schönes Gefühl, diesen Menschen ein Denkmal zu setzen. Das ist für viele ein großer Anreiz.

Wikipedia finanziert sich ja nur über Spenden. Wo auf der Welt wird besonders viel gespendet?
In Österreich haben wir bislang ein relativ bescheidenes Budget, wir machen alles mit rund 270.000 Euro. Ein Großteil kommt aus dem internationalen Spendentopf. Aus ihm finanzieren wir die weltweit 500 bezahlten Angestellten.

Kommen eher große oder viele Kleinspenden rein?
Der Löwenanteil sind fünf bis 50 Euro Einzelspenden von Privatpersonen. Aber auch Unternehmen erkennen mittlerweile, dass Wikipedia eine wertvolle Wissensplattform für ihre Mitarbeiter ist und honorieren das mit größeren Spendenbeträgen, zum Beispiel zur Weihnachtszeit.

Gab es nie den Gedanken, die Seite zu monetarisieren?
Ich glaube, dass es der Anfang vom Ende wäre. Da ist sich auch die Community einig. Jimmy Wales hat es einmal so gesagt: „Wikipedia ist etwas Besonderes. Sie ist wie eine Bibliothek oder ein Park, sie ist wie ein Freiraum für den Geist. Ein Ort, den wir alle aufsuchen können, um nachzudenken, etwas zu lernen und unser Wissen mit anderen zu teilen.“ Ich denke, das bringt es ganz gut auf den Punkt. Wenn wir uns das Internet als virtuelle Erweiterung unserer Lebenswelt vorstellen, ist es völlig in Ordnung, dass es dort Geschäfte, Banken und andere kommerzielle Angebote gibt.

In einer Zeit, in der das World Wide Web zunehmend von wenigen großen Konzernen dominiert wird, gilt es aber auch, diese selbstloseste aller Webseiten zu erhalten und zu zeigen, dass die Hoffnungen, die wir mit den Möglichkeiten des Internets verbinden, tatsächlich Realität werden können.

Gibt es ein ganz konkretes Ziel, das Wikipedia verfolgt?
Es wäre sicher schwierig, etwas zu finden, auf das sich alle in unserem vielfältigen Haufen einigen können. Aber es gibt einen Satz, der unsere Mission beschreibt und den sich alle auf die Fahnen heften: Stell dir eine Welt vor, in der das gesammelte Wissen der Menschheit frei zugänglich ist. Daran arbeiten wir. Aber über das Warum und Wie wird heftig diskutiert.
 

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