Wenn der Betriebsprüfer zweimal klingelt | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Wenn der Betriebsprüfer zweimal klingelt

25.11.2016

Als ob man keine anderen Sorgen hätte, meldet sich auch noch das Finanzamt an. Kein Grund zur Panik! So überleben Sie Ihre erste Betriebsprüfung.

Text: Mara Leicht

Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf: Der Finanzamtsprüfer kündigt sich an. Meist gibt er gleich einen Termin vor, eine Woche vorab, selten mehr. Verschieben lässt sich dieser nur aus sehr wichtigen Gründen. Wer versucht zu verschleppen, macht sich verdächtig. Ist der gefürchtete Tag dann gekommen, gehört es sich für Geschäftsführer, Finanzchef und Steuerberater, präsent zu sein. Alles andere macht keinen schlanken Fuß. Der Betriebsprüfer checkt deren Ausweise (was bei den Angestellten regelmäßig für Erheiterung sorgt) und übergibt dem Geschäftsführer den formellen Prüfauftrag. Das ist die letzte Chance für jene, die sich in ihrem Zahlenwerk „geirrt“ haben und das auch wissen: Jetzt und nur mehr jetzt können sie noch eine Selbstanzeige mit strafmindernder Wirkung machen. Daumen-mal-Pi-Angaben genügen leider nicht. Sie müssen präzise alle Zahlen, Daten und Fakten auf den Tisch legen und die Verantwortlichen nennen. Die Steuernachzahlung bleibt ihnen natürlich nicht erspart, aber die Strafverfolgung. Erstattet niemand Selbstanzeige, lässt sich der Prüfer nun gern durch den Betrieb führen. Das ist die perfekte Gelegenheit, um gute Stimmung zu machen, ihm Haus und Anlagen zu zeigen und wichtige Mitarbeiter vorzustellen. Alle anderen haben vorsorglich Redeverbot. Warum? Weil der Prüfer sich gut vorbereitet hat und genau weiß, wo er hineinbohren will. So mancher arglose Mitarbeiter hat seinem Chef mit seinem Plappern schon ein dickes Ei gelegt. Oder anderen Ärger bereitet: So wie jener übereifrige Lagerarbeiter, die dem Prüfer anboten, ihn mit dem Gabelstapler auf das Hochregallager zu hieven – die Lagerleute würden das auch immer so machen. Und schon hatte der Unternehmer ein Verfahren wegen vernachlässigter Sicherheitsvorschriften am Hals.

Worauf der Prüfer schaut

Dann geht es an die eigentliche Zahlenarbeit. Die findet meist im Unternehmen statt, manchmal beim Steuerberater. Der Prüfer hat Anspruch auf einen Internet-Arbeitsplatz – bitte nicht im Keller, neben dem WC oder dem Ozon-umnebelten Hauptdrucker. Er nimmt sich Bilanz, G+V-Rechnung sowie alle Buchhaltungsunterlagen der drei letzten veranlagten Geschäftsjahre zur Brust (so er sie nicht schon elektronisch vorab angefordert hat), dazu Originaldokumente wie Grundbuch, Lohnkonten, das Anlagenverzeichnis und heikle Verträge. Mit untrüglicher Spürnase stochert er in allen wunden Punkten, die er in seinen Vorab-Recherchen entdeckt hat. Die Top 3 momentan: Schwarzumsätze (Stichwort Registrierkasse), umgangene Dienstverhältnisse (Schwarzarbeit oder Werkverträge, der Anstellungen sein müssten) und Geschäfte zwischen Gesellschaft und Eigentümer (wenn der plötzlich einen Porsche-Cayenne fährt).  Sehr beliebt sind auch unrechtmäßiger Vorsteuerabzug (Mitarbeitergeschenkgutscheine zu Weihnachten) und fehlende Umsatzsteuervoranmeldungen. Oder die ganz großen Fische: interne Verrechnungspreise, verdeckte Gewinnausschüttungen oder Verbindungen zu Firmen in der Schweiz und in Liechtenstein. Fallen unserem Prüfer hier Unstimmigkeiten auf, tun Geschäftsführer, Finanzchef und Steuerberater gut daran, in Reichweite zu sein. Missverstandenes lässt sich so auf kurzem Weg aus der Welt schaffen. Für größere Themen setzt der Prüfer eine Zwischenbesprechung an. Auch wenn hier manchmal die Fetzen fliegen: Schreiduelle bringen nichts: Besser ist es, Ruhe zu bewahren und sich schlimmstenfalls später bei der Dienststelle zu beschweren. Sinnlos ist es jedenfalls, den Prüfer mit einem Lunch beim Edelitaliener milde stimmen zu wollen. Er darf keine Einladungen mehr akzeptieren. Nur einen Kaffee nimmt er dankend an. 

Der Kuhhandel, der keiner sein will

Hinter vorgehaltener Hand wird die nun folgende Schlussbesprechung oft als Kuhhandel bezeichnet. Offen gibt das niemand zu. Der Prüfer listet auf, was er gefunden hat – auch zugunsten des Kunden. Manche Prüfungen enden tatsächlich mit einer Steuergutschrift. Oft geht es natürlich in die andere Richtung: wenn er auf einer Nachzahlung besteht. Jetzt heißt es handeln. Manchmal kann man argumentieren, etwa bei der Bewertung von Lagerständen, Auslandsforderungen oder Privatnutzungsanteilen. Sinn ergibt das nur, wenn die Rechtslage mehrere Möglichkeiten offen lässt. Es soll vorkommen, dass sich die Parteien absolut nicht einigen können. Der Prüfer will 50.000 Euro Nachzahlung, der Geschäftsführer („Kunde“ genannt) sieht nur 40.000 Euro ein. Dann kann letzterer mit Beschwerde gegen den Steuerbescheid drohen und sich weigern, den Rechtsmittelverzicht zu unterschreiben. Das ist zwar ein Pokerspiel mit hohem Risiko, kann aber funktionieren, weil dem Prüfer sichere 40.000 Euro ohne Streit lieber sind als unsichere 50.000 Euro mit Streit. Selbstredend ist jeder Bestechungsversuch ein No-Go. Wunschtraum aller Unternehmer ist natürlich die ergebnislose oder „Null“-Prüfung, bei der der Betriebsprüfer absolut nichts zu beanstanden hat. Und die wünschen wir Ihnen allen.

Die wesentlichen Informationen zu diesem Artikel stammen von dem Steuerberater und langjährigem früheren KPMG Prüfungsleiter Christian Buczolich (taxoffice@cbuczolich.at).

 

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