„Verrohung und Rücksichtslosigkeit sind im Vormarsch“ | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

„Verrohung und Rücksichtslosigkeit sind im Vormarsch“

02.02.2006

Der Österreicher Heinz Zourek ist EU-Generaldirektor für Unternehmens- und Industriepolitik. Im Gespräch mit "die wirtschaft" schildert er seinen Aufgabenbereich und erörtert, mit welchen Problemen europäische Klein- und Mittelunternehmer sich heute konfrontiert sehen und was die EU für sie zu tun plant. Von Eva Stanzl
e.stanzl@wirtschaftsverlag.at

die wirtschaft: Was ist Ihr Wirkungsraum, was können Sie bewegen?

Heinz Zourek: Die Generaldirektion für Unternehmens- und Industriepolitik hat drei Säulen. Etwa zwei Drittel unserer fast 1000 Mitarbeiter beschäftigen sich mit dem Gemeinschaftsrecht für den freien Warenverkehr. Sie kümmern sich dabei auch um die Sicherheit von Produkten - sei es bei Autos, technischen Geräten oder pharmazeutischen Produkten. Bei der innovativen Behandlung von Krankheiten etwa kann man dem Körper Gewebezellen entnehmen, diesen einen Wirkstoff einführen und sie wieder einsetzen - wie Insulin-produzierende Zellen in die Bauchspeicheldrüse eines Diabetikers. Bei solch neuen Verfahren sind klare Sicherheitsstandards unabdingbar: Ein Stab hochqualifizierter Mitarbeiter setzt sich mit Krankenhäusern, Herstellern, Wissenschaftern und Patientenverbänden in Verbindung, macht Studien über die Auswirkungen und erarbeitet einen Vorschlag für eine Gemeinschaftsregelung. Wenn das Parlament und die Mitgliedstaaten einen Akkord finden, gibt es dann eine EU-Richtlinie. Wir kontrollieren dann wiederum, ob die Staaten Gesetze rechtzeitig und richtig umsetzen. Die Waren, die wir benutzen, unterliegen ständigen technischen Weiterentwicklungen und das Gemeinschaftsrecht muss laufend adaptiert werden. Wenn entdeckt wird, dass ein Sonnenschutzmittel für Kinder Augenreizungen hervorruft, müssen wir Maßnahmen ergreifen, dass solche Substanzen nicht weiter verwendet werden können.

die wirtschaft: Und wie betreffen diese Vorschriften KMU?

Zourek: Das Gemeinschaftsrecht betrifft uns alle direkt. Früher baute man eine Maschine und testete sie im eigenen Land, reichte dann bei der nationalen Zulassungsbehörde um eine Genehmigung ein und die vergab das Vertriebsrecht nur für das eigene Land. Wollte man das Produkt auch im Ausland vertreiben, musste man vor jeder nationalen Zustellungsbehörde Tests durchführen - Stichwort TÜV. Jetzt entwickelt man EU-Standards, macht eine Prüfung, und das Gerät ist für alle EU-Länder zugelassen.

die wirtschaft: Die EU ist mitunter auch wegen ihrer zahlreichen Vorschriften hierzulande wenig populär. Industriekommissar Günter Verheugen kündigte eine neue, "zeitgemäße" Politik für KMU an. Demnach sollen Betriebe mit bis zu 250 Mitarbeitern teilweise von EU-Vorschriften ausgenommen werden. Welche Vorschriften genau?

Zourek: Nicht die Vorschriften für die Sicherheit von Waren: Eine Heizung darf ja nicht unter dem Titel der KMU-Förderung explodieren. Aber es gibt eine Reihe von Vorschriften, die nicht mit der Sicherheit des Produkts zu tun haben, sondern mit bürokratischem Aufwand, wofür besonders die Kleinbetreibe nicht das Personal haben, zum Beispiel. statistische Meldungen. Hier wird es Erleichterungen geben.

die wirtschaft: Wie groß schätzen Sie die Gefahr einer weiteren Abwanderung von Unternehmen nach Asien oder gegen Osten ein, wenn sogar Traditionsbetriebe wie AEG Westeuropa verlassen?

Zourek: Verlagerungen von Produktionsstätten an sich gab es schon immer. Allerdings erfährt diese Tatsache in Zeiten angespannter Arbeitsmärkte mehr Aufmerksamkeit. Betriebe nehmen neue, günstigere Möglichkeiten wahr - ob gezwungenermaßen oder freiwillig. Allerdings ist die Arbeit mit niedriger Wertschöpfung teuerer geworden. Die Arbeitskosten und die damit verbundenen Anforderungen haben sich überproportional entwickelt. Die derzeitigen Arbeitsmarktprobleme stammen aber nicht von einem rasanten oder beschleunigten Abbau von Arbeitsplätzen, sondern von einem Ausbleiben der Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten. Arbeitsplätze haben wir in den letzten Jahren kaum mehr verloren als davor, aber es wurden kaum neue geschaffen. Der Anteil der Arbeitsplatzverluste wegen reiner Betriebsverlagerungen ist aber wesentlich kleiner als allgemein angenommen - nur einer von zehn verlorenen Jobs geht auf das Konto der Verlagerung. Viel mehr fallen betrieblichen Umorganisationen zum Opfer.

die wirtschaft: Wo orten Sie den Kern des Problems?

Zourek: Der Kern des Problems ist der Wegfall der Rücksichtnahme auf soziale und gesellschaftliche Bedürfnisse. Ein Beispiel: In Brüssel sind manche der Einkaufsstraßen schlecht gepflegt und schlecht beleuchtet. Der Bürgermeister sagt, es gebe zwei Arten von Einkaufsstraßen: die, deren Geschäfte von ihren Eigentümern betrieben werden, und jene mit internationalen Ketten. Besitzer kleiner Spezialgeschäfte beteiligen sich an Aktionen zur Verschönerung des Quartiers. Regionalmanager von internationalen Ketten hingegen erklären sich für nicht zuständig, sagen, sie hätten kein Budget für neue Beleuchtung, und drohen umzuziehen, wenn die Stadtverwaltung nichts verbessert. Es ist eine Verrohung und eine Rücksichtslosigkeit im Vormarsch.

die wirtschaft: Kehren wir zurück zu den drei Säulen Ihrer Tätigkeit - Stichwort Industrie.

Zourek: In der Industriepolitik, der zweiten Säule, beobachten wir einen Abbau von Arbeitsplätzen, aber keinen Abbau der Industrietätigkeit. Allerdings werden in diesem Bereich mittlerweile sehr viele Dienste von ausgelagerten Unternehmen zugeliefert. Damit verwoben ist die Innovationspolitik, die wiederum mit unserer dritten Säule, der Unternehmenspolitik, zusammenhängt. Eines unserer Ziele hier ist ein besserer KMU-Zugang zu Finanzierungen. Denn der Großteil der KMU-Probleme liegt nicht im Gemeinschaftsrecht, sondern in Steuern, allerdings sind die nationalen Behörden für diese Frage zuständig.

die wirtschaft: Ist der Steuerwettbewerb in der EU gesund oder nicht?

Zourek: Ich habe dafür keine Wertung. Fakt ist, dass er national geregelt ist und manche Phänomene zeigen, er ist wirkungsvoll. Es gibt aber eine Fülle von Themen jenseits der Steuer, die Einfluss auf den Wettbewerb haben. Ein durchschnittliches Kind hat wenig greifbare Ideen von Unternehmertum und die wenigsten Menschen lernen Buchhaltung oder Betriebswirtschaft. Wir müssen uns fragen, ob unsere Kinder angeleitet werden, selbst Initiativen zu ergreifen und aus ihren Fehlern lernen zu können.

die wirtschaft: Und wie sollen KMU in die Wachstumspolitik integriert werden?

Zourek: Die aktive Arbeitszeit eines Betriebsleiters oder -eigentümers ist im Schnitt 30 Jahre: Alle zehn Jahre wechselt ein Drittel der Unternehmen den Eigentümer. Das heißt, dass für jeden Unternehmenschef, der aufhört, jemand da sein sollte, der den Betrieb übernimmt. Aber in den letzen Jahrzehnten hat die Zahl der Kinder abgenommen und sie können erstmals ein höheres Ausbildungsniveau erreichen als ihre Eltern. Wenn Sie eine Tischlerei haben, und ihr Sohn arbeitet als Diplomingenieur, sind die Chancen, dass er Ihren Betrieb übernimmt, gering. Die eingespielten Rituale zur Übergabe des Hofs - eine Familienentscheidung - gibt es immer weniger. Wenn Unternehmen nicht dem Untergang geweiht sein sollen, müssen wir uns fragen: Wie kann man die Mitarbeiter befähigen, Betriebe zu übernehmen und wie kann man das finanziell organisieren? Wenn ein Mitarbeiter nur mit der Absicherung seines Lohnzettels um einen Kredit von 500.000 Euro ansucht, wird ihm die Bank sagen, er solle wieder kommen, wenn er nüchtern sei. Diese Dinge betreffen vier bis fünf Millionen Arbeitnehmer pro Jahr in Europa und das könnte große Auswirkungen auf die Union haben. Übernahmen haben eine fünf Mal so hohe Chance wie Neugründungen, die ersten fünf Jahre zu überleben. Denn in dieser Zeit zeigt sich die Fähigkeit, zu wirtschaften.

die wirtschaft: Was sind die drei zentralen Herausforderungen in der Unternehmens- und Industriepolitik der EU?

Zourek: Sich die Rahmenbedingungen der Produktion und Wettbewerbsfähigkeit genau anzuschauen, Barrieren wegzuräumen und neue Unterstützungen zu schaffen, auch im Bereich Innovation. Zu beachten, was sich jenseits der rechtlichen Rahmenbedingungen abspielt, und dabei in die Ausbildung von Arbeitskräften zu investieren, sowie Themen in den Griff zu bekommen, damit Investitionen hier getätigt werden. Zudem brauchen wir eine entsprechend attraktive KMU-Politik, denn das sind 90 Prozent der europäischen Unternehmen, also der Normalfall.

die wirtschaft: Wie wollen Sie verhindern, dass europaweit ausgeschriebene Projekte vorwiegend an Großkonzerne gehen?

Zourek: Es ist ein Faktum, dass für viele grenzüberschreitende Engagements eine gewisse Mindestgröße nötig ist. Wenn wir eine stärkere Einbindung von kleinen Unternehmen erreichen möchten, muss es uns erlaubt werden, weniger aufwändige administrative Auflagen mit unseren Förderungen zu verbinden und auch kleinere Projekte anzubieten.
(1_2/06)

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
Werbung

Weiterführende Themen

Bedenken, was ein Genetiker zum Thema Recycling und CSR beitragen könnte, wurden von Prof. Hengstschläger rasch zerstreut
Thema
21.03.2017

"Durchschnitt ist der größte Feind der Innovation!" meint der Genetiker und Autor Univ. Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger als Vortragender des 8. Dialogforums.

Praxis
23.08.2016

Nicht jammern, sondern tun: Einige Ideen, um Dinge künftig anders anzupacken als bisher.

Stories
20.03.2017

Als Georg Kirchmayr bei TGW einen „Über­brückungsjob“ annahm, hätte er sich nicht ­träumen lassen, dass er aus dem Betrieb einmal einen Weltmarktführer machen würde. 
Eine Erfolgsstory.   ...

Stories
20.03.2017

Sepp Eisenriegler hat das Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z. gegründet, um Langzeitarbeitslose und Haftentlassene zu Elektrotechnikern auszubilden. Bald musste er ­feststellen, dass immer ...

Stories
20.03.2017

E-Commerce? Robotik? Oder doch ein klassischer MBA? Wir haben heimische Top-Unternehmen nach ihren Fortbildungsschwerpunkten für 2017 gefragt. Die Antworten waren zum Teil überraschend. 
  ...

Werbung