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Unsere Zukunft wird bargeldloser

28.11.2016

Viel deutet darauf hin, dass wir einer bargeldlosen Zukunft entgegengehen. Guido Schäfer, Volkswirt an der WU Wien, bestätigt einen Trend Richtung weniger Bargeld – dass es abgeschafft wird, glaubt er aber nicht. Es gibt allerdings auch kein Grundrecht auf Bargeld.

Interview: Alexandra Rotter

In manchen Ländern wird der größte Teil der Geld-Transaktionen mit Karte beziehungsweise digital abgewickelt. „In Österreich und Deutschland etwa ist Bargeld immer noch sehr beliebt, während in Skandinavien Bargeld eher als Zahlungsinstrument für ältere Leute und Kriminelle betrachtet wird“, sagt Guido Schäfer, stellvertretender Leiter des Instituts für analytische Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien. Doch diese Liebe leidet unter verschiedenen Entwicklungen, die vermuten lassen könnten, dass auch bei uns mit Bargeld bald nichts mehr gehen wird.
So hat die Europäische Zentralbank die Abschaffung des 500-Euro-Scheins beschlossen, was manche als ersten Schritt zur Abschaffung des Bargelds betrachten. Schäfer bezweifelt das: „Ich sehe keinen Automatismus, dass nach der Abschaffung des 500-Euro-Scheins weitere Scheine aus dem Verkehr gezogen werden.“ Zudem spiele der 500-Euro-Schein als Transaktionsmittel eine untergeordnete Rolle.

Sanfter Druck

Dennoch sind heute gewisse Zahlungen nur per Überweisung oder mit Karte möglich – etwa online. In vielen Geschäften und Lokalen wird Konsumenten das digitale Bezahlen schmackhaft gemacht, etwa mit Cash-Back-Aktionen. Ganz zu schweigen von kontakt­losem Bezahlen mit Karte oder neuerdings auch einem Sticker, den man zum Beispiel auf die Handyrückseite kleben kann. 
Wie so oft stehen sich zwei Grundinteressen gegenüber: Der Wunsch nach Anonymität und – auf Unternehmens-, aber auch staatlicher Seite – das Bestreben, möglichst viele Daten über Kunden und Bürger zu sammeln. Die Themen Sicherheit und Betrugsvermeidung nehmen hier mindestens Zuschauerplätze in der ersten Reihe fußfrei ein. Doch würden kriminelle Handlungen durch die Abschaffung von Bargeld zurückgehen? 

Es wäre nicht mehr möglich, einen Geldtransporter oder eine Bank zu überfallen, und Handtaschendiebstähle wären auch nicht mehr so lukrativ. Aber wie sieht es etwa beim Steuerbetrug aus? „Eine gewisse Erschwerung könnte dies wohl darstellen“, sagt Volkswirt Schäfer. Doch er ist „sehr skeptisch, dass die Moral einer Gesellschaft wesentlich durch die Art der verwendeten Zahlungsinstrumente bestimmt wird“. Es fehle zudem der empirische Nachweis, dass die Kriminalität zurückgehen würde. Was jedenfalls zunehmen würde, sei Cybercrime. Schäfer hält es für unwahrscheinlich, dass Bargeld abgeschafft wird. 
Allerdings gebe es „einen seit Jahrzehnten andauernden Prozess der Ersetzung von Bargeld durch Buchgeld der Banken“. Er erinnert daran, dass es noch nicht so lange her ist, dass „Löhne bar ausbezahlt wurden, der Gaskassier an der Haustüre Bargeldbeträge einhob und bei größeren Anschaffungen gerne ein Paket von 1000-Schilling-Scheinen auf den Ladentisch geblättert wurde“. Wir würden nicht „einer cashless society“ entgegengehen, „wohl aber einer less cash society“. Der Prozess werde von technologischen Entwicklungen, Kosten-, Sicherheits- und Bequemlichkeitsüberlegungen getrieben.
Und der Datenschutz? Das Bedürfnis nach Anonymität der Bezahlung wird laut Schäfer in Umfragen immer wieder als wesentliches Motiv für Bargeld angegeben – und das sollte „in einer Welt des immer gläserner werdenden Menschen“ ernst genommen werden. Zwar finde Kriminalität in der anonymen Bezahlung mit Bargeld auch einen Schlupfwinkel vor, doch „der Wunsch nach einer gewissen Intransparenz des eigenen Zahlungsverhaltens sollte nicht rein auf kriminelle Motive reduziert werden“. Eine Abschaffung des Bargelds hätte übrigens nicht zuletzt auch große Nachteile makroökonomischer Natur: So könnten die Notenbanken nicht mehr durch das Drucken von Geld in den Markt eingreifen.

Guido Schäfer

Hält: Es für unwahrscheinlich, dass das Bargeld abgeschafft wird.
Ist: Überzeugt, dass wir einer „less cash society“ entgegengehen – einer Gesellschaft mit weniger Bargeld als bisher. 
Weiß: Mangels empirischer Nachweise nicht, ob die Kriminalität ohne Bargeld tatsächlich abnehmen würde – Cybercrime würde jedenfalls zunehmen.

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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