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Managertalk Andrea Schmoranzer-Jerabek

28.04.2006

Andrea Schmoranzer-Jerabek, Geschäftsleiterin L´Oréal Produits de Luxe Österreich GmbH, über die Rolle einer Österreicherin in einem Weltkonzern, den Hang der Kunden zu Luxusprodukten und effiziente Marktforschung bei Verkäuferinnen. Interview Harald Hornacek
h.hornacek@wirtschaftsverlag.at

Foto Richard Tanzer

Was war der härteste Job in Ihrer bisherigen Karriere?
Verkaufsdirektor der Consumer Division. Der Druck der Handelspartner ist enorm.

Wie kamen Sie zu L´Oréal?
Ich war mehr als sieben Jahre bei Unilever tätig und wurde von einem Headhunter für die Verkaufsdirektion der Luxusabteilung bei L´Oréal geworben. 1998 wurde mein Sohn geboren, ich bin dann acht Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gegangen. Das ging freilich nur, weil meine Mutter daheim war.

Warum eigentlich gerade L´Oréal?
Bei L´Oréal ist sehr viel möglich. Der Konzern ist in vier Divisionen aufgeteilt, die allesamt sehr spannend sind. Was mich fasziniert, ist die Unternehmenskultur - sehr aufregend, vielleicht am ehesten mit "strukturiertem Chaos" zu beschreiben. Ich denke, wir haben einen technischen Vorsprung. L´Oréal hat allein im Vorjahr 500 Mio. Euro für die Forschung ausgegeben, das sind 3,5 Prozent des Umsatzes. Und wir achten darauf, dass unsere Verkäuferinnen diesen Vorsprung kommunizieren können.

Ist in der globalisierten Welt noch Platz für Ethik und Moral?
Ja, absolut, und das muss auch so sein. Interessanterweise stelle ich immer wieder fest, dass viele gerne über Handschlagqualität reden, aber nicht so handeln. Schade.

Wie stellen Sie den Markterfolg eines neuen Produktes fest?
Ich habe mir vorgenommen, jede Parfümerie kennenzulernen. Das Gesicht zur Marke ist einfach wichtig. Diese Fronterfahrungen, die mir die Verkäuferinnen mitteilen, sind manchmal mehr wert als Marktforschungen. Das zeigt mir beispielsweise, dass unser neuer Armani-Duft Code Donna sehr gut ankommt. Insgesamt hat L´Oréal 18 Global Brands, die mehr als 90 Prozent des Umsatzes erzielen.

Wie macht man in einem Konzern auf sich aufmerksam, ohne Gefahr zu laufen, als überehrgeizig gehandelt zu werden?
Man bracht einen Mentor. Meine waren stets männlich und ein bisschen älter als ich, das hat sich so ergeben. In Frankreich kennt niemand die Frau Schmoranzer, und in einem französischen Konzern ist alles ein wenig anders. Man muss sich ein gewisses Netzwerk erst aufbauen.

Welchen Stellenwert hat das österreichische Management im Weltkonzern?
Die Österreicher schlagen sich unter ihrem Wert. Wir haben uns von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft frei gespielt, und wir haben sehr erfolgreiche Unternehmer und Manager. Was uns fehlt, ist das deutsche Selbstbewusstsein. Das österreichische Management hat meiner Meinung nach ein umfassenderes Wissen als viele andere Kollegen, weil das Land kleiner und der Markt ungeheuer schnelllebig ist.

Welchen Traum würden Sie sich noch gerne erfüllen?
Zwei oder drei Jahre in London zu leben. Diese Verbindung aus Tradition und Moderne, dazu der britische Humor, das mag ich sehr.

Wie bauen Sie Stress ab?
Ich spiele sehr gerne Golf. Mein Handicap ist 24, also Mittelmaß. Ich bin auch sehr naturverbunden, bin ja eine gebürtige Tirolerin, liebe Skifahren, den Arlberg, Kitzbühel, Lech. Bergwanderungen mag ich ebenso wie Innenstadtbummel. Sehr wichtig sind mir meine Freunde - für die koche ich dann auch ab und zu sehr gerne, 3- bis 4-gängige Menüs.

Wie managen Sie Beruf und Familie?
Mein Sohn hat ein Recht auf meine Zeit. Aber wenn er schlafen geht, widme ich mich oft noch dem Job. Ich muss aber sagen, dass ich das alles nur machen kann, weil mein Partner voll zu mir und meinem Beruf steht. Generell bin ich sehr planender Mensch: Meinen Sohn habe ich acht Tage nach der Geburt für einen Kindergartenplatz angemeldet. Damit es nicht heißt, man sei zu spät gekommen.

Können Sie sich vorstellen, nach der Konzernwelt in die klein- und mittelständische Wirtschaft zu wechseln?
Doch, sehr gut sogar. Mein Mann ist ja Unternehmer, ich erlebe diese Seite der Wirtschaft also hautnah mit. Ich habe auch größten Respekt vor der Selbständigkeit.

Wie führen Sie Ihre Mitarbeiter?
Offen, transparent. Ich möchte für die Mitarbeiter da sein. Das klingt platt, ist aber ernst gemeint. Bei Amtsantritt habe ich mich mit jedem Mitarbeiter eine halbe Stunde unterhalten.

Hatten manche nicht Angst, dass der neue Chef sie ausquetschen will?
Nein, das wurde sehr positiv bewertet. Meine Bürotür steht auch immer offen für die Anliegen der Mitarbeiter. Und wenn es etwas zu feiern gibt, dann feiern wir das auch gemeinsam. Das Leben findet ja doch zu einem Großteil im Büro statt. Daher ist es wichtig, dass der Job wirklich Spaß macht.

Unser Sozialstaat steht in Diskussion. Wie ist dazu Ihre Meinung?
Ich denke, man sollte auch in einem sozialen System, das es unbedingt geben muss, auf die Leistung schauen. Ich finde es daher gut, dass man heute die Jahresabrechnung der Sozialversicherung erhält - so sieht jeder, dass diese Leistungen nicht gratis und selbstverständlich sind. Ich glaube, dass uns mehr selbständiges Denken und die Übernahme von Eigenverantwortung nicht schaden würden.

Die Rolle der Frauen wurde in den letzten Monaten wieder heftig hinterfragt. Ärgert Sie das?
Jeder Mensch hat das Recht auf Entscheidung - ich sehe in meinem Umfeld, dass Familie und Job zusammen geht. Der Staat muss allerdings den Rahmen bieten - ich habe Kindergärten erlebt, die Mittagspause haben, das kann es nicht sein! Letzten Endes tragen wir ja auch mit unseren Produkten zu Selbstbewusstsein der Frauen bei: Sich wohl fühlen ist der Schlüssel.
(5/06)

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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