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Los! Größe eins

20.03.2017

In sogenannten „Fab Labs“ stehen 3D-Drucker, computerbetriebene Fräsen und sogar Webstühle und Strickmaschinen, mit denen Kreative ihre Ideen in Prototypen verwandeln können. Optimale Orte, um Industrie und Kreative zu vernetzen.
 

Wolf Jeschonnek nimmt eine Schachtel aus einem Regal in einem Abstellraum und öffnet sie: Darin befinden sich drei verschiedene Handprothesen, eine davon sieht einer echten Hand täuschend ähnlich – Fingernägel, kleine Fältchen, Härchen und andere Details sind erkennbar. Die Handprothese wurde hier, im ersten „Fab Lab“ von Berlin, dessen Geschäftsführer Jeschonnek ist, entwickelt und hergestellt. Fab Lab ist die Abkürzung für „Fabrication Laboratory“ und eine Art Spielwiese für Erwachsene, vor allem für selbstständige Kreative und Start-ups, aber auch für Studierende, Schulen und interessierte Privatpersonen. „Als offene Digital-Fabrication-Werkstatt bieten wir allen Interessierten Zugang zu 3D-Druckern, Lasercuttern, Platinen- und CNC-Fräsen sowie CAD-Software“, erklärt Jeschonnek das Konzept. Außerdem gibt es Holzbearbeitungs­maschinen und andere Werkzeuge und sogar eine Textilwerkstatt mit digital betriebenen Webstühlen und Strickmaschinen, wo Stoffe „ausgedruckt“ werden können. All das dient dazu, neue Ideen unkompliziert zu verwirklichen und Prototypen herzustellen. 

Wie gut das Konzept aufgeht, belegen zum Beispiel die Handprothesen. Sie sind im Fab Lab, auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Berlin-Prenzlauer Berg, im Zuge eines gemeinsamen Forschungsprojekts mit dem Prothesen-Entwickler Ottobock entstanden. Ottobock hat das Gelände gekauft und lässt es vom Starachitekten David Chipperfield umbauen. Die erste konkrete Aktivität war die Eröffnung des Open Innovation Space, wie sich die Kreativ-Plattform nennt. Im Mai werden es zwei Jahre sein, seit der Medizintechnik-Konzern mit Berlins erstem Fab Lab kooperiert, um zu basteln, tüfteln und innovative Produktideen zu erforschen und dies auch anderen Nutzern zu ermöglichen. Das Fab Lab Berlin, das vom Unternehmen Makea Industries betrieben wird, welches Jeschonnek mit Partnern gegründet hat, wurde bereits 2013 eröffnet und siedelte gemeinsam mit Ottobock auf das Brauerei-Gelände. Durch die Kooperation und Investition von Ottobock gibt es jetzt mehr Platz als früher, und einige neue Geräte konnten angeschafft werden. Jetzt stehen etwa viel mehr 3D-Drucker und Lasercutter zur Verfügung, und für jeden Bereich – die Holz-, Metall- und Elektronik- sowie die Textilwerkstatt – wurde ein eigener Raum geschaffen.

Offene Plattform

Das Zusammenspiel aus Technik und kreativen Köpfen gipfelt im „Rapid Prototyping“, dem schnellen Herstellen von Produkten mit der Losgröße eins – also Prototypen. Genutzt wird diese Möglichkeit einerseits von den Entwicklungsingenieuren von Ottobock, aber auch von akademischen Einrichtungen, Privatpersonen oder Start-ups. Externe Kunden zahlen wie in einem Fitnessstudio eine Mitglieds- bzw. Nutzungsgebühr. Natürlich kann nicht jeder sofort etwas mit den Maschinen und den Computerprogrammen anfangen. „Es kommen viele, die eine Idee haben, aber keine Ahnung, wie sie diese in 3D drucken können“, sagt Jeschonnek. Deshalb werden regelmäßig Einführungskurse, Führungen, Workshops und Vorträge veranstaltet. 

An das Fab Lab angehängt ist auch ein Co-Working-Space, wo sich Kreative wie der Unternehmer Carsten Fulland eingemietet haben, um die Drucker, Maschinen und Werkzeuge mitzubenutzen. Er entwickelt vor Ort neue Projekte und Ideen und probiert sie nach Möglichkeit gleich aus: „Ich finde das hier spannend. All diese Optionen gab es vor fünf Jahren noch nicht.“ Mittlerweile gibt es schon in jeder größeren Stadt Fab Labs – sie sind in den vergangenen Jahren wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Auch Wien hat Fab Labs und Makerspaces, die immer mehr Zulauf finden, nicht zuletzt durch die wachsende Start-up-Kultur. 

Wenn Groß und Klein kooperieren

Der Reiz der Kooperation zwischen Industrieunternehmen und Fab Lab liegt darin, dass beide Partner enorm von ihr profitieren. Hans Georg Näder, CEO von Ottobock, begründete sein Engagement anlässlich der Eröffnung des Open Innovation Space so: „Die Kooperation mit dem Fab Lab ist der Startschuss einer Perlenkette an Start-ups unterschiedlicher Brennstufe, die unter dem Dach des Ottobock Open Innovation Space ihr Zuhause finden.“ Und Fab Lab-Geschäftsführer Wolf Jeschonnek formuliert die Vorteile aus seiner Sicht: „Wir können viel von den Ottobock-Entwicklungs­ingenieuren lernen, denn sie haben in vielen Bereichen mehr technologisches Know-how als wir. Auf der anderen Seite sind wir in Berlins Kreativ- und Technologieszene gut vernetzt und fokussieren uns auf digitale Technologien.“ Es gibt übrigens auch noch eine dritte Gruppe, die von der Zusammenarbeit profitiert: die Kunden. Die Prothesenhand ist nämlich einer echten Hand nachempfunden, die vorher detailgenau abgescannt wurde und entsprechend natürlich wirkt.

Autor: Alexandra Rotter

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