"IV und WKO haben Angst" | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
"Da ich in drei Schulbüchern bin, könnte was dran sein", meint Christian Felber.

"IV und WKO haben Angst"

28.11.2016

Der "Gemeinwohlökonom" und Ex-Sprecher von Attac Österreich, Christian Felber, wurde in mehreren Schulbüchern in einer Reihe mit John Maynard Keynes, Karl Marx, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek genannt. Die Aufregung war groß, nun wurde er, wie von 141 PetitorInnen und der OÖ. Industriellenvereinigung gewünscht, aus einem der Bücher entfernt. Wir haben bei ihm nachgefragt, woher die Aufregung rührt. 

 

Sie waren in einem Schulbuch als Ökonomie-Entwickler genannt, was bei diversen Stellen und Institutionen für enormen Gegenwind gesorgt hat. Woran liegt das?

Erstens, weil ich nicht Wirtschaft studiert habe. Ich stelle Ökonomie in einen breiteren Kontext und decke dadurch einiges auf, was in der Binnenlogik nicht auffällt: zum Beispiel die Verwechslung von Ziel und Mittel. Zweitens, weil ich für die Entwicklung schlüssiger Alternativen stehe, die in der Gesellschaft, außerhalb der Elfenbeintürme, eine starke Resonanz auslösen und umgesetzt werden. Diese Zeilen schreibe ich aus Chile, wo ich zum zweiten Mal bin. Insgesamt war ich in Sachen Gemeinwohl-Ökonomie bisher in 25 Staaten, bald erstellt das 500. Unternehmen seine Gemeinwohl-Bilanz. IV und WKO haben Angst, die Deutungshoheit, wie Wirtschaft verstanden und praktiziert werden soll, zu verlieren.

Ist es insgesamt mehr Ihre Person, die angefeindet wird, oder die Idee der Gemeinwohlökonomie?

Beides. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) vertritt ein neues Paradigma, welches das alte überführt und in einem breiteren Licht erscheinen lässt. Das rührt an Pfründen, Hoheiten, Machtpositionen und Ritualen. Dass die GWÖ Eigentum nicht als Heiligtum, sondern als Mittel zur Erfüllung der Menschenwürde und eines guten Lebens für alle betrachtet, trifft den wundesten Punkt der gegenwärtigen Besitzstandwahrer. Als Person stehe ich zudem für Ganzheitlichkeit, Verbundenheit, Wertorientierung und Freiheit des Geistes. Dass ich Tänzer bin, wirft mir "Die Presse" unermüdlich vor, als wäre das ihr stärkstes Argument. Vielleicht erinnere ich manche Menschen an ihre emotionale, intuitive, sinnliche und körperliche Dimension, die sie schmerzhaft vernachlässigen. Vielleicht erinnere ich sie unangenehm an ihre Unfreiheit.

Wie sieht denn, losgelöst von der Empörung, Ihre Meinung aus: Finden Sie, dass Sie in Schulbüchern vorkommen sollten?

Ich bin kein Schulbuch-Autor, aber gemessen an den hier anzulegenden Kriterien "Multiperspektivität" und "Kontroversität", welche die Autoren nannten, war die Wahl wohl kaum falsch. Da ich in drei Schulbüchern bin, könnte was dran sein. Inhaltlich sehe ich mein Verdienst darin, dass ich den zentralen Systemfehler der "Ökonomie" aufgedeckt habe, die ja, genau deswegen eigentlich "Chrematistik"* ist: die Verwechslung von Ziel und Mittel. Das ist schon etwas ganz Wesentliches und Folgenreiches, wenn diese Erkenntnis umgesetzt wird - in Form von Gemeinwohl-Produkt, Gemeinwohl-Bilanz und Gemeinwohl-Prüfung. Ich fände es aber auch nicht falsch, wenn ich nicht vorkäme, ich wusste es bis vor kurzem ja gar nicht. In zehn Jahren werden wir wissen, ob die Autoren einen guten Riecher oder sich verrochen haben.

 

Wie er das Geldsystem reformieren möchte, hat Felber auch in unserer letzten Coverstrecke erklärt. Zum Interview 

 

*Laut Wikipedia ist die Chrematistik die Kunst, Reichtum zu erlangen. Der Begriff wurde von Aristoteles geprägt, der zwischen Ökonomik (Hausverwaltungskunst) und Chrematistik (Kunst des Gelderwerbs) unterscheidet. Andere Begrifflichkeiten, die bereits mit einem Werturteil behaftet sind, seien für Ökonomik die natürliche Erwerbskunst und für Chrematistik die widernatürliche Erwerbskunst.

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