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Insolvenzen: Ruhe vor dem Sturm?

20.12.2016

Insgesamt 5.227 Unternehmen wurden 2016 insolvent. Die Steigerung gegenüber 2015 beträgt 1,5 %. Die Anzahl der betroffenen Dienstnehmer betrug 18.900 und ging um ca. 13 % zurück. 

Dr. Hans-Georg Kantner, KSV1870 Leiter Insolvenz, zur derzeitigen Situation: „Seit bald 20 Jahren erlebt Österreich einen kleinen Gründerboom von ca. 30.000 neuen Unternehmen jährlich, was die Zahl der Unternehmen seither praktisch verdoppelt hat. Die Quote derer, die es nicht schaffen, war jedoch in den vergangenen Jahren sogar rückläufig. Wurden Ende der 90er-Jahre noch Insolvenzquoten von 1,7 % und 1,8 % verzeichnet, liegen sie jetzt bei ca. 1,3 %  (= Anteil der insolventen an allen aktiven Unternehmen). Die Firmenpopulation verjüngt sich durch die Gründeraktivität und es darf nicht überraschen, dass ca. 50 % der Insolvenzen Unternehmen betreffen, die maximal 10 Jahre alt sind. Die Lebenserfahrung zeigt, dass auch Gründer sich erst bewähren und die eine oder andere Feuertaufe nehmen müssen.“

Situation in den Bundesländern

Österreich ist nicht homogen, weder nach Topografie, noch nach Unternehmens- und Branchenverteilung. Oberösterreich und Tirol z. B. sind klassische, historisch gewachsene Industriestandorte. Kärnten und Burgenland haben einen starken Agrar- oder Tourismusschwerpunkt. Wien ist Tourismushochburg, Industriestandort und Beamtenhochburg in einem – Niederösterreich stellt den Speckgürtel für Wien, aber auch Landwirtschaft und alte Industrie (z. B. Eisenstraße, Südbahnlinie etc.). Manche Bundesländer sind von Entwicklungen früher betroffen als andere, z. B. Tirol, das in den vergangenen Jahren sehr stark rückläufige Insolvenzzahlen hatte. Jetzt zeigt es, so wie auch Oberösterreich, wo es mit Österreich in den nächsten Jahren hingehen wird. Beide Bundesländer sich durch eine besondere Nähe zum (deutschen) Ausland geprägt, wohin auch der Hauptteil unserer Exporte geht.

Situation der Branchen

Nach der Wirtschaftskrise des Jahres 2008 kam es im Wesentlichen wie erwartet: Die Exportgüterindustrie war als erste betroffen, die Konsumgüterindustrie und vornehmlich an Private erbrachte Dienstleistungen als letzte. Die Baubranche verzeichnete 2009 sogar einen Rückgang an Insolvenzen, da sie von staatlichen Aktionen (Wärmedämmung) profitieren konnte. Mittlerweile haben sich diese Oszillationen ausgeglichen und es herrschen weitgehend „normale“ Verhältnisse. Die niedrigen Zinsen der letzten Dekade und vor allem die praktischen „Nullzinsen“ der vergangenen 2 - 3 Jahre haben kapitalintensive Branchen besonders favorisiert: Dazu gehören Immobilien, Bauwesen, Verkehr, Zellstoff, Papier, aber auch Tourismus. Jene Branchen, die jetzt am meisten von den niedrigen Zinsen profitieren können, werden bei dem zweifellos stattfindenden Zinsanstieg am meisten betroffen oder exponiert sein. Jedenfalls überall dort, wo zu rasch und nur mit Fremdkapital expandiert wurde, oder schon jetzt die Rentabilität des Geschäftsmodells zu wünschen übrig lässt.

Wie es 2017 weitergeht

Dr. Hans-Georg Kantner zum Ausblick 2017: „Schon vor einem Jahr zeichnete sich ab, dass die Talsohle der Insolvenzentwicklung (laufende Rückgänge seit ca. 2011) durchschritten war. Die Erwartung steigender Insolvenzzahlen hat sich, wenn auch nur in recht geringem Umfang, bestätigt. Grund zur Sorge oder gar Alarmierung gibt es nicht. Allerdings steht seit Kurzem die Zinswende nicht bloß mehr im Raum, sondern schon in den Wirtschaftszeitungen, zumidest für die USA. Diese könnten sich – einmal mehr – als Welt-Konjunkturlokomotive erweisen. In der Vergangenheit haben solche Konjunktur-Schübe regelmäßig zu Zinsanstiegen geführt, sobald die Nachfrage substanziell zugenommen hatte und eine Überhitzung der Märkte befürchtet wurde. Diese sind zuweilen auch drastisch ausgefallen. Auch wenn also die EZB derzeit noch keinerlei Anstalten macht, einerseits Zinsen zu erhöhen und die Ankäufe von Wertpapieren (Gelddruckmaschine) zurückzufahren: Wenn es kommt, kann es recht schnell gehen, jedenfalls schneller, als viele Unternehmen darauf reagieren können. Vorerst rechnet der KSV1870 für das kommende Jahr allerdings mit keiner drastischen Zinssteigerung und folglich mit nur einer moderaten neuerlichen Steigerung der Unternehmenspleiten.“

www.ksv.at

 

 

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