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Im Einklang mit der Natur

10.03.2016

Fair gehandelter Kaffee ist ein weltweiter Verkaufsschlager geworden. Doch wie beeinflusst das die Bedingungen von Kaffeeproduzenten in den Ländern des Südens? „die wirtschaft" besuchte lokale Fairtrade-Kooperationspartner in Honduras.

Fredy Perez bei der Düngerherstellung

Text: Susanne Wolf

 

"Wir müssen die Verbindung zur Natur wiederfinden", erklärt Fredy Perez Besuchern der Finca Fortaleza. Der Kaffeefarmer trägt einen Cowboyhut. Er erzählt von einem Film über Umweltzerstörung, der sein Leben veränderte. Das Video war Teil einer Aufklärungskampagne der Kaffeegenossenschaft COMSA und machte dem Kaffeefarmer klar: „Wenn Pestizide alles in ihrer Nähe abtöten, töten sie letztendlich auch mich." Perez entschied sich darum, auf Bio-Anbau umzustellen und schloss sich der Genossenschaft an.

Wir befinden uns im Hochland von Honduras. Es ist Regenzeit und die Landschaft betört mit schillernden Grüntönen. Die Luft ist schwül und feucht, kurze und heftige Regengüsse bringen keine Abkühlung. Marcala ist das traditionsreichste Kaffeegebiet des kleinen mittelamerikanischen Landes: Schon vor über 100 Jahren bauten deutsche Auswanderer hier Kaffee an und gaben ihr Wissen an die Nachkommen der Lenkas, der Ureinwohner von Honduras, weiter. Die Kaffeekooperative COMSA (Café Organico de Marcala Sociedad Anonima) wurde 2001 mitten in einer der schlimmsten Kaffeekrisen der letzten Jahrzehnte gegründet. Die Kaffeepreise erlangten einen historischen Tiefstand, die Weltmarktpreise deckten nicht einmal die Hälfte der Produktionskosten ab. In dieser Zeit gingen die vorhandenen Kaffeekooperativen in Marcala, Honduras, in den Konkurs oder lösten sich einfach auf. Auch COMSA kämpfte anfangs mit großen Problemen wie der Vorfinanzierung der Ernte für die Mitglieder und fehlende internationale Märkte. Erst als die Genossenschaft die Fairtrade-Zertifizierung erlangte, wendete sich das Blatt. Seither wächst die Organisation, die heute 830 Mitglieder zählt, von denen mittlerweile 600 Mitglieder Bio-zertifiziert sind.

 

Wirkung von Fairtrade

„Von Fairtrade-Bauern wird erwartet, ihr Denken zu ändern und sich mit Ideen einzubringen", sagt Mario Perez. Der Mittfünzigjährige trägt ein hellblaues Karohemd und eine dicke Hornbrille. Er ist Mitbegründer von COMSA. Fairtrade sorgt für stabile Mindestpreise und bessere Arbeitsbedingungen für Kaffeebauern, erklärt er. Der Fairtrade-Mindestpreis für gewaschenen Arabica-Kaffee liegt bei 1,40 US-Dollar pro Pfund; für biologisch angebauten Kaffee erhalten die Bauern zusätzlich einen Aufschlag von 30 US-Cents/Pfund. Darüber hinaus unterstützt die Fairtrade-Prämie (20 US-Cents/Pfund) Kooperativen bei sozialen Projekten oder Projekten zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung.

Über die Verwendung der Fairtrade-Prämien wird innerhalb von COMSA gemeinschaftlich entschieden. Großer Wert wird dabei auf Bildung gelegt: „Wir können Honduras verändern, wenn wir unseren Kindern Bildung ermöglichen", sagt Rudolfo Peñalba, Geschäftsführer von COMSA. Viele arme Familien schicken ihre Kinder nicht in die Schule, weil sie ihre Hilfe auf der Farm benötigen – und weil ihnen Bildung nicht wichtig erscheint. Pläne hat COMSA viele: den Ausbau der Bio-Landwirtschaft und Schulungen, kindliche Früherziehung oder die Unterstützung von Schulen. Ein besonderes Anliegen ist auch die Gleichstellung der Frau, wofür ein eigenes Gender-Committee gegründet wurde. „Frauen werden etwa in Form von Kleinkrediten unterstützt", sagt Joselina Maunueles, Leiterin des Gender-Committees. Sogar eine eigene Radiosendung, in der es Unterricht für Kinder und Jugendliche gibt, hat die Kooperative ins Leben gerufen.

 

Vorbildwirkung

Der Farmer Fredy Perez leitet die Finca Fortaleza, „Übungsfarm"der Kaffeegenossenschaft. Hier werden Kaffeebauern im Bio-Anbau geschult und lernen Alternativen zum Kaffeeanbau wie etwa Bienenzucht kennen. Selbst aus dem benachbarten Ausland reisen Interessierte an, um sich zu informieren. Biologischer Kaffee wird auf der Finca Fortaleza unter Pfirsichbäumen und Zedern angebaut, dazu Bio-Salate, Gemüse und Obst aller Art. Das Herzstück der Farm ist jedoch die Herstellung des eigenen Düngers: Aus Ernteabfällen und organischem Material entsteht das flüssige oder feste „Gold", wie Perez seinen Dünger nennt, der mit Mineralien aus gemahlenen Steinen oder Muscheln angereichert ist. „Alles, was wir für die Bio-Landwirtschaft brauchen, ist bereits vorhanden", sagt der Farmer.

Der 20-jährige Mario Perez jr. führt uns durch die Finca Cascavelles, die er mit seinem Vater leitet, und erzählt, dass der Klimawandel auch hier spürbar sei: Früher dauerte die Regenzeit von Mai bis November, in den letzten Jahren ließen die Regenfälle nach. Mit steigenden Temperaturen reift der Kaffee schneller, was zu einem Abfall in der Qualität führt. Dazu kommt die allgegenwärtige Gefahr von „La Roya", einem Pilz, der unter anderem von stark wechselhafter Witterung verursacht wird: Eine Kaffeerost-Epidemie vor einigen Jahren brachte viele Farmer an den Rand ihrer Existenz. Heute hat man Möglichkeiten gefunden, La Roya vorzubeugen, mit natürlichen Mitteln: „Die Kaffeesträucher werden mit Mineralien bespritzt, um die Pflanzen zu stärken", erzählt der schlaksige junge Mann.

 

Bio-Landwirtschaft

So negativ sich der Kaffeerost auswirkte, so eröffnete er doch neue Perspektiven, da die Kaffeefarmer gezwungen waren, sich nach Alternativen umzusehen. Eine davon war der Bio-Anbau von Obst und Gemüse und in weiterer Folge der Bio-Markt von COMSA, der jeden Sonntag in Marcala stattfindet. Hier werden Tomaten, Zwiebel, Käse oder Hühner aus Bio-Landwirtschaft angeboten. Auch die Bienenzucht war eine direkte Folge von La Roya, um Alternativen zum Kaffeeanbau zu schaffen.

Sonia Alejandra Medina, die dem indigenen Volk der Lenka angehört und als spirituelle Heilerin gilt, erbte neun Hektar Land von ihrem verstorbenen Mann. Acht Kinder hat sie mit ihm großgezogen. Doña Sonia, wie sie von allen genannt wird, zeigt stolz ihre Kaffeepflanzen, die sich von der Kaffeerost-Epidemie gut erholt haben. Mitten im Wald hat sie einen Altar aus Gras, Mais, Blumen und Kerzen aufgebaut, den sie mit Weihrauch umrundet. Dann werden allen vier Elementen Gebete ausgesprochen und die Erde und der Himmel gewürdigt.

Doña Sonia beschließt das Ritual mit einer innigen Baum­umarmung, bevor sie zum Geschäftlichen kommt. „Dank Fair­trade erhalten wir einen höheren Preis, die Fairtrade-Prämie erreicht die Menschen und schweißt uns zusammen." Die 68-Jährige strahlt eine ansteckende Fröhlichkeit und Zuversicht aus. Sie hat die Verbindung zur Natur jedenfalls gefunden.

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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