Energieschleuder oder Imageträger? | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Energieschleuder oder Imageträger?

17.12.2015

Bei Sanierung oder Neubau sollten Firmen auf Energieeffizienz achten und Förderungen abholen – damit der eigene Betrieb zum echten Markenbotschafter nach innen wie nach außen wird.

Jeder Großkonzern weiß, wie wichtig der Auftritt nach außen ist – und das nicht nur beim Schriftzug des Firmennamens, sondern auch beim Firmensitz. Das zeigen Google in Kalifornien, BMW in München oder die OMV in Wien. Im Mittelstand dagegen ist allzu oft eine schmucklose Halle gerade gut genug. Sie steht nicht selten in einer Wüste aus Schachtelhäusern, Zufahrtsrampen und riesigen Parkplätzen – einem typischen Gewerbegebiet. Energieverbrauch und Kosten scheinen hier egal zu sein. Ebenso der Wert, den das Firmengebäude in einigen Jahren noch hat. Allerdings ist auch der Eindruck nach außen nicht immer der beste.

Doch inzwischen wächst auch bei kleinen und mittleren Betrieben die Überzeugung, dass ein gut und effizient gebauter Firmensitz langfristig ein Gewinn ist – und zwar nicht nur bei den Ausgaben für Heizung und Strom. Und dass vor allem der Eindruck, den der eigene Standort macht, oft eine bessere Werbung für die Firma ist als jeder Werbeprospekt. Der Weg dahin führt meist über eine gut durchdachte Sanierung oder einen Neubau. In Österreich stehen dazu für Unternehmen konkrete Förderprogramme bereit. Zusätzlich bietet eine Reihe von Beratern ihre Dienste an.

Zeichen setzen
Wie eine Sanierung und ein Neubau des Betriebsgebäudes gelingen kann, zeigt die Baufirma Spreitzer im niederösterreichischen Ybbsitz. Der Betrieb beschäftigt rund 50 Mitarbeiter und ist sowohl im Ziegelbau als auch im Holzbau tätig, die Palette reicht von Baumeisterarbeiten, Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten über Transportbeton bis zum eigenen Baumarkt. Kaum überraschend, dass eines Tages die sanierungsbedürftigen Gebäude aus der Zeit der Firmengründung einfach zu klein waren. „Auch unser Büro im Marktzentrum war zu versteckt und nicht mehr zeitgemäß“, heißt es dazu bei Spreitzer. Also entschieden sich die Geschäftsführer Hubert und Christa Spreitzer für eine umfassende Sanierung plus Neubau: „Ziel war, ein Zeichen für die Zukunft zu setzen und zu zeigen, was in Sachen Energieeffizienz möglich ist: Wir wollten hochqualitative Baukunst zeigen, Lebensqualität spürbar machen, ökologische Baustoffe und Materialien verwenden. Wir wollten das bauen, was wir gerne verkaufen.“

Für das Bauprojekt war es natürlich nicht von Nachteil, dass Spreitzer selbst eine Baufirma ist – umso höher aber auch der eigene Anspruch an die Qualität der Umsetzung. Die Bauleute kombinierten die Sanierung des Bestands mit einem Neubau in Passivhausqualität mit tragenden Holzwänden, einer hinterlüfteten Fassade und einem begrünten Flachdach. Geheizt wird über einen Fernwärmeanschluss. Für das Raumklima sorgt auch eine Lüftungsanlage, die Außenluft über das Erdreich im Sommer kühlt und im Winter vorwärmt.

Keine halben Sachen
Entscheidend verändert wurde der Eindruck der Firma nach innen wie nach außen. Transparenz und Offenheit stehen jetzt im Vordergrund, ebenso die wichtigsten Baustoffe der Firma in der Fassade: Grau für Beton, Rot für Ziegel und Braun für das Holz. Und: Der Energiebedarf ist nicht nur ungleich viel besser als vorher, sondern auch um 80 Prozent geringer als in der aktuellen Bautechnikverordnung. Nicht nur die Firmenleitung selbst bewertet das Projekt als gelungen. Im Vorjahr gewann Spreitzer die Klimaaktiv-Auszeichnung in Silber.

Klimaaktiv ist eine Initiative des Umweltministeriums, die Betrieben als erste Anlaufstelle bei Sanierungen zur Seite steht. In der Initiative wirken mehrere Institute mit, die den Mittelstand mit Ideen, Schulungen und konkreten Beispielen bei der Umsetzung unterstützen. Der Bereich des Bauens und Sanierens wird dabei von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) geleitet. „Der Königsweg ist die umfassende Sanierung in einem Zug“, so der erste Rat von ÖGUT-Expertin Inge Schrattene-cker. Abgestuft nach dem Kosten-Nutzen-Faktor empfiehlt sie bei Sanierungen folgende Reihenfolge: obere Geschoßdecke dämmen, Fenster sanieren oder tauschen, Kellerdecke dämmen, Außenwände dämmen und schließlich die Heizung sanieren. Und vor allem: sich eine professionelle Beratung holen.

Beim Neubau eines Betriebsgebäudes können zertifizierte Energieberater noch weitaus mehr Nutzen bringen – vorausgesetzt, man holt sie rechtzeitig an Bord. Bei den Ausgaben für eine umfassende Energieberatung ist mit weniger als einem Prozent der Baukosten zu rechnen, doch der Nutzen für den Bauherrn ist nicht von der Hand zu weisen. Die Energieberater sind meist selbst Kleinbetriebe, die zwischen Bauherrn, Baufirmen und Behörden vermitteln und dafür sorgen, dass ein Gebäude nach optimalen Energiekriterien umgesetzt wird und später auch so wenig Betriebskosten verursacht wie möglich. Die Experten wissen außerdem, wo es welche Förderungen gibt. Hier ist die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) eine Anlaufstelle, auch die Landesenergieagenturen der Bundesländer helfen weiter.

Förderungen sichern
Was die Förderungen angeht, lohnt es sich, schnell zu sein: Heuer war die Summe Anfang August komplett vergeben – nächstes Jahr rechnen Experten, dass bis Ostern alles weg ist. Denn der Fördertopf für thermische Sanierungen von Gebäuden wurde für 2016 erheblich auf 43,5 Millionen gekürzt. Hier bekommt man bis zu einem Drittel der förderungswürdigen Sanierungskosten vom Staat geschenkt. Diesen Bereich managt im Auftrag des Umweltministeriums die Kommunalkredit Public Consulting. Die letzte Frage schließlich sind die tatsächlichen Kosten, die auf einen Betrieb zukommen – sowie der Nutzen, den er daraus ziehen kann. Während man bei einem Neubau allgemein mit 1.500 bis 2.000 Euro pro Quadratmeter rechnen muss, beziffert Klimaaktiv die Mehrausgaben für höhere Energieeffizienzstandards mit drei bis acht Prozent der gesamten Baukosten. Bei einer Sanierung ist eine derartige Prognose viel schwieriger, weil alle Projekte extrem unterschiedlich sind. Klimaaktiv etwa beziffert die Ausgaben bei einer Sanierung mit 300 bis 800 Euro pro Quadratmeter. „Wenn Sie nur die Fenster austauschen, haben Sie einen völlig anderen Preis als bei der Gebäudesanierung“, sagt dazu Inge Schrattenecker.

ROI?
Und wann lohnt sich das Ganze wirklich? Zu diesem Thema berechnen Politiker, Berater und Hersteller alles Mögliche – mit konkreten Angaben dazu, wann sich die Ausgaben amortisieren, halten sie sich beharrlich zurück. Klimaaktiv beziffert mögliche Einsparungen bei den Heizkosten in Höhe von 60 Prozent, beim Strom ungefähr 30 Prozent. Doch unter der Hand geben Experten gelegentlich zu, dass die Amortisationszeit bei zehn bis zwanzig Jahren liegen kann – ein sehr langer Zeitraum. Eine gut geplante Sanierung hält allerdings weit über 30 Jahre, und ein Neubau noch sehr viel länger. Es lohnt sich also mittelfristig trotzdem. Und kurzfristig auch, zumindest bei der Ausstrahlung nach außen – wenn der gut gestaltete Firmensitz zum Markenbotschafter des eigenen Betriebs wird.

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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