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Digital Detox

06.06.2016

Die wahre Herausforderung unserer Zeit heißt „digital Detox“ – der Entzug von technischen Geräten. Ein kurzer Tripp in ein analoges Leben auf einem Schloss, das Wiedererlernen der Handschrift und die Lust auf Höhlenmalerei.

Die Mauern sind aus Granit und einen Meter dick. Da hört man von den Nachbarn nichts. Unnötiger Gedanke, denn es gibt hier keine Nachbarn. Ich bin alleine im Schloss  Eschelberg im Mühlviertel. „Sein, tief empfunden“, lautet der Slogan des Hauses, ein Versprechen, dem ich nachgehen mag. Was mich hier erwartet? Nichts. Nicht mehr und nicht weniger wird hier versprochen. Ich blicke auf mein Mobiltelefon. Kein Netz. Ach, du meine Güte. Schrecken durchzuckt mich. Kein Netz. Das heißt: keine Nachrichten, kein Facebook, keine Mails, keine Standortbestimmung des Navigationssystems. Wie weiß ich denn da, wo ich bin?

„Es braucht ein Fasten von vielerlei Art“, hat Nietzsche geschrieben. Auf Alkohol, Schokolade, Kaffee und feste Nahrung zu verzichten, gehört ja heute zum guten Ton. Fasten boomt. Mayr-Kur, Hildegard-Fasten, Saft-Fasten nach Buchinger. Kinderspiel. Aber wer wagt es heute, auf Handy, Tablet und Laptop zu verzichten? „Digital Detox“ ist die große Herausforderung unserer Zeit. Ich lasse am besten den ganzen digitalen Kram gleich draußen im Auto. 

Kein Netz, keine Nachbarn. Ein großes Appartement im alten Schloss und sonst niemand hier. 32 leere Räume, Treppen, Winkel, Tonnengewölbe. Die Räume atmen Geschichte. 1598 ausgebaut. Ist das noch Renaissance? Ich muss das googeln. Geht aber gerade nicht. Ich beschließe, die Einsamkeit auszukosten und die erste Nacht wach zu bleiben. Wann hat man schon die Chance, so intensiv mit Nichts beschäftigt zu sein? Mit Nichts und mit sich. Ich finde Spuren eines Marders. Also doch ein Nachbar hier. Ich entzünde eine Kerze und sinniere über das digitale Leben. Alles, was ich denke und tue, ist auf meinem Computer gespeichert. Von dort speichere ich es ab und zu auf eine Festplatte und die ist vor zwei Wochen gecrasht. Ich habe gerade kein Backup für meine Gedanken. Früher habe ich alles auf CD gebrannt, was auch nur eine scheinbare Sicherheit war. Die Silberscheiben, einstmals als sichere Datenspeicher propagiert, gehen schneller ein als ein Primeltopf in meiner Obhut. Der Lack für den Label-Aufdruck frisst sich durch das Material und damit durch die gespeicherten Daten. Auch die USB-Sticks dienen nur für kurze Transportwege. Unsere Vorfahren haben vor 35.000 Jahren Symbole auf Höhlenwände gezeichnet, die heute noch bewundert werden können; sogar Papyrus hält tausende von Jahren. Wir aber können heute unsere digitalisierten Erinnerungen nicht festhalten. 

Ich geistere mit einer Kerze durch das Schloss. Ich würde gerne fotografieren, aber das Handy liegt im Auto. Wer sollte sich aber das Foto auch ansehen? Ich mache wöchentlich rund 100 Fotos, zwei davon poste ich auf Facebook, ein paar schicke ich Freunden via WhatsApp. Den Rest schaue nicht einmal ich mir an. Jerome war hier im Jahr 1940. Das hat ­Jerome im Verputz des alten Turmes mit einem spitzen Gegenstand ungelenk hineingeritzt. Im Zimmer finde ich handschriftliche Aufzeichnungen eines anderen Gastes, der vor mir da war. „So eine unglaublich starke Stille hier!“ Ja, das stimmt. „Ich verbringe meine Tage wie die Frauen früher: sticken, schreiben, Tee trinken, Haare bürsten, die Landschaft betrachten.“ Eine Frau also, die das geschrieben hat, „draußen Wolken. Wie das mit dem Wetter wohl weitergeht? Ich kann im Internet nicht nachschauen. Ich muss mit dem Unberechenbaren, mit dem, was ist, zurechtkommen. Gut so im Grunde. Ich könnte es ja ohnehin nicht ändern, auch wenn ich wüsste, wie das Wetter wird. Spannend, sich dem Jetzt hinzugeben.“ Ich finde es spannend, diese Aufzeichnungen zu lesen, eine Handschrift zu entziffern. „Ich werde immer langsamer und registriere Unachtsamkeit viel häufiger. Habe begonnen, mich bei Dingen zu entschuldigen. Dass ich den Bleistift runtergeschmissen habe. Dass ich die Tür zugeworfen hab.“ Das gibt mir zu denken. Ich entschuldige mich bei der Dame, dass ich ihre Zettel lese, obwohl sie offenbar genau dafür hier deponiert wurden. Hier steht’s: eine Auszeitberaterin! Ich mag mit ihr über den Aufenthalt hier plaudern. Über die Stille, das Nichts, ... digital Detox. Wie es ihr damit wohl gegangen ist? Letzte Eintragung: „Wie viele Dinge man beim ersten, zweiten, dritten Mal nicht sieht! Es ist ein wunderbares Geschenk, so lang an einem Ort sein zu können.“ 

Ich beginne selbst von Hand zu schreiben. Wie ungewohnt. Ich fühle mich wie ein Volksschüler, der schreiben lernt. Huch, so sieht also ein „h“ bei mir aus, überhaupt kein Unterschied zu einem „k“, wie ich bemerke. „Da habe ich mich also vertippt“, schreibe ich und möchte aus Gewohnheit einen Smiley hinter diesen Satz setzen, aber gezeichnet sieht das blöd aus. Und warum überhaupt? Wir sind es so gewohnt, humorvolle Sätze mit Smileys zu kennzeichnen, weil man bei Kurznachrichten Humor oft nicht mehr erkennen kann. Ich bekomme Lust, eine Höhlenmalerei anzufertigen. Oder ich ritze zumindest meinen Namen in den Verputz des Turmes. Das befriedigt die Sehnsucht nach Ewigkeit mehr als das Abspeichern einer Botschaft auf einen Stick. Ich schreibe einen Brief. In Schönschrift auf liniertem Papier. Mir gehen plötzlich Handy und Tablet gar nicht mehr ab. Ist das jetzt dieses Sein, tief empfunden?

Der Autor: 
Harald Koisser schreibt philosophische Bücher und ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. www.wirks.at, www.koisser.at

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