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Die Erfinder des Senioren-Handys

09.09.2014

Best Practice: Ein Linzer KMU hat mit Mobiltelefonen für Senioren seine Nische am Weltmarkt gefunden. Die Strategie, um an der Spitze zu bleiben: Nur ausgereifte Produkte kommen auf den Markt.

Eigentlich passt dieses Mobiltelefon gar nicht zu einer Geschäftsfrau. Es hat Tasten, so groß wie bei einem Festnetzgerät und eine Displayanzeige, bei der mit gesunden Augen noch die Sitznachbarn in der Straßenbahn mitlesen können. Evilyn Pupeter lacht und blickt auf ihr Handy: „Stimmt, ich bin nicht die Zielgruppe, verwende aber selbst keine anderen als unsere Geräte.“ Pupeter ist die Geschäftsführerin von Emporia, des Linzer „Hidden Champions“ bei Handys für Senioren.

Die Zielgruppe sind Leute wie Pupeters Schwiegermutter. Ihr ist es überhaupt zu verdanken, dass man bei Emporia begann, Mobiltelefone herzustellen. „Meine Schwiegermutter tat sich dermaßen schwer bei der Bedienung ihres Nokia-Handys, dass mein Mann und ich ihr versprachen, ein Produkt herzustellen, das genau ihren Bedürfnissen genügt“, sagt Pupeter. Das war 2003. Emporia stellte bis zu diesem Zeitpunkt Festnetzgeräte her und spürte am schwindenden Umsatz, dass der Mobilfunk allmählich die eigenen Produkte verdrängen wird. So wurde aus der Idee schnell ein Businesscase. Man begann das Know-how aus dem eigenen Kerngeschäft der Festnetztelefonie in die Entwicklung eines mobilen Endgeräts zu stecken, das speziell auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten ist. Weniger ist mehr, lautete fortan das Motto. Heraus kam zwei Jahre später ein robustes Telefon mit simpler Bedienung und einer Notfalltaste. Eine Weltneuheit. Alle großen Hersteller hatten die Zielgruppe 68 plus nämlich bis dato außen vorgelassen. Emporia besetzte diese Nische und war mit einem Riesensprung zum Weltmarktführer in diesem Segment aufgestiegen.

Die Nische gefunden
„Die radikale Spezialisierung von Firmen wie Emporia ist ein zentrales Erfolgsgeheimnis solcher Hidden Champions“, sagt Unternehmensberater Thomas Haller. Andere Hersteller produzierten Handys, bei denen man etwa die größten verfügbaren Tasten einbaute. Die Entwicklung bei Emporia ging immer Bottom-up, wie Pupeter erklärt. Unsere Strategie ist die konsequente Einbindung unserer Zielgruppe in den Innovationsprozess, sagt die Geschäftsführerin. Das funktioniert in der Praxis über Ansätze von Open Innovation und endet dabei, dass jeder hausinterne Entwickler einen Senioren als Probanden zur Seite gestellt bekommt, um im andauernden Schlagabtausch mit dem Kunden zu sein. „Das mag teilweise sehr strapazierend sein, aber so kommen wir auf neue Ideen“, erklärt Pupeter. Innovation ist bei Emporia immer gepaart mit dem einzigartigen Design der Marke. „Wir wollen nicht aussehen wie jedes andere Handy.“ Die Geräte mögen recht klobig wirken, doch bei der Zielgruppe dürfte das eigenwillige Design ankommen. Das beweist die Tatsache, dass just jene Modelle, die sich eher am klassischen Mobiltelefon-Design orientierten, eher in die Kategorie „Ladenhüter“ fielen. Der alte Satz „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ gilt also auch im kompetitiven, technologieintensiven Geschäft der Mobilkommunikation. „Die älteren Leute sind eine loyale Kundenschicht“, sagt Pupeter. Wenn man die Erwartungen nicht enttäuscht, greifen sie gerne zur altbewährten Marke.

800.000 Telefone gehen bei Emporia jährlich über den Ladentisch. Obwohl man auch in den USA und Hongkong einen Fuß im Markt hat, macht man den überwiegenden Teil des Geschäfts in Europa. Der Konkurrenzkampf ist härter geworden. Bei den Absatzzahlen wurden die Linzer vom skandinavischen Konkurrenten Doro überholt. Emporia will in diesem Wettrennen seiner eingeschlagenen Linie treu bleiben und seine Position als weltweiter Technologieführer bei Seniorenhandys ausbauen. Kooperationspartner hat man etwa in der Universität Cambridge, der FH Hagenberg oder der Kepler-Uni Linz gefunden. Die Marschrichtung ist klar: Emporia bringt erst dann ein Produkt auf den Markt, wenn man es selbst für komplett ausgegoren hält.

 

Zeit als Faktor in der Produktentwicklung
Pupeter ist neben den vielen älteren Probanden dabei eine der härtesten Kritikerinnen ihrer Ingenieure. Aus ihrer Tasche zieht sie den Prototypen des ersten Smartphones aus ihrem Hause. Seit zwei Jahren läuft die Entwicklung. Pupeter ist aber noch nicht zufrieden. „Beim Tippen komme ich noch zu schnell auf die falsche Taste. Das Interface gefällt mir noch nicht, das muss einfacher werden“, sagt sie. Das Smartphone für Senioren soll diese ein Stück näher in die Lebenswelt der Enkelkinder bringen – so lautet das Produktversprechen. Die Jungen sollen via Emporia-Cloud direkt auf diverse Medien der Großeltern zugreifen können. Hinzu kommt noch der Sicherheitsaspekt. In einer Kooperation mit dem Roten Kreuz arbeitet Emporia daran, GPS-Daten in Notfällen optimal zu verarbeiten. Andere Hersteller haben es bereits mit Smartphones für Senioren versucht. Diesmal ist Emporia später dran als die Konkurrenz. Das mache aber nichts, sagt Pupeter. Betrachte man die Verkaufszahlen, so sei das wirklich brauchbarste Produkt noch nicht auf dem Markt. Pupeter ist optimistisch, dass Emporia für das Weihnachtsgeschäft ein solches anbieten kann. „Die Zeit ist knapp, wir werden das aber hinbekommen“, sagt sie. Vielleicht ist ja auch diesmal wieder die Schwiegermutter bei der Entwicklung behilflich. Sie ist mittler-
weile 86. (dn)

 

Emporia Telecom GmbH
Unternehmenssitz: Linz
Gründungsjahr: 2003
Mitarbeiter: 110
Umsatz: 40 Mio. Euro
Absatzmärkte: A, D, CH, F, I, E, USA
Erfolgsfaktoren:
Nische, Kundenorientierung

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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