Auf dem Weg zum Mars | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
Gernot Grömer in der Wüste Marokkos bei einer Marssimulation, die das ÖWF 2013 leitete.

Auf dem Weg zum Mars

14.01.2016

Gernot Grömer weiß so viel über den Mars wie kaum ein anderer Österreicher. „die wirtschaft" traf ihn auf der TEDx-Konferenz in Wien und sprach mit ihm über kosmische Entdeckungsreisen, fremdes Leben und die Vernetzung von Raumfahrt und KMU.

Interview: Daniel Nutz

Herr Grömer, über welches Wissen über fremde Welten werden wir in 30 Jahren verfügen?

Wenn man extrapoliert, was wir in den vergangenen Jahrzehnten über das Sonnensystem und andere Planeten gelernt haben, kann ich kaum erwarten, was die kommenden 30 Jahre bringen werden. Wir haben die Chance, Planeten außerhalb des Sonnensystems zu entdecken, die erdähnlich sind. Dabei geht es um den Nachweis von Atmosphären, von Wasser und darum, innerhalb oder außerhalb unseres Sonnensystems Leben nachzuweisen.

 

Sie beschäftigen sich selbst intensiv mit der Mars-Erforschung. Wann wird der erste Mensch seinen Fuß auf den Mars setzen?

Wir wären in zehn Jahren dort, wenn die gleiche Bereitschaft herrschen würde wie bei den Apollo-Programmen zum Mond, Obama und andere politische Entscheidungsträger sich hinters Rednerpult stellten und das als Ziel ausgeben würden. Von technologischer Seite gibt es keinen Showstopper. Es ist herausfordernd, aber weder die Strahlung noch die Antriebstechnologie stellen unüberwindbare Probleme dar. Die Frage ist, wie lange braucht es, dass der gesellschaftliche und wirtschaftliche Konsens da ist und wir sagen: So, jetzt machen wir es!

 

Kritiker meinen, die Apollo-Missionen habe viele Ressourcen verschlungen, aber wenig gebracht. Gibt es in der Raumfahrt eine Kosten-Nutzen-Rechnung?

Da widerspreche ich: Auf dem Mond zu landen hat sich jedenfalls ausgezahlt. Ein Großteil der technologischen Vorreiterschaft der USA basierte und basiert heute noch auf den Erkenntnissen aus der Raumfahrt. Aber nicht nur das. Viel wichtiger ist der gesellschaftliche Aspekt. Damit meine ich das Denken, das die erfolgreiche Mondlandung ausgelöst hat. Es geht um die Einstellung, nach dem Motto: Wenn wir es auf den Mond schaffen, schaffen wir alles!

 

Warum zahlt sich die Reise zum Mars eigentlich aus?

Künftige Generationen werden den ersten Flug zum Mars als Startschuss sehen, mit dem die Menschheit begonnen hat, neue Welten zu entdecken. Das wird in Zukunft in Erinnerung sein und nicht Wirtschaftskrisen und Ähnliches.

 

Wir haben bereits Sonden und Roboter hingeschickt. Warum braucht es eine bemannte Mission?

Roboter können viel machen, aber nicht alles. Der Mensch kann dort andere Dinge tun. Einerseits solche, die der wissenschaftlichen Erkenntnis zuträglich sind. Aber er kann noch viel mehr. Nur ein Mensch kann uns erzählen, wie es sich anfühlt, dort zu sein. Unsere Gesellschaft basiert mehr auf ihren Geschichten, als wir wahrhaben wollen. Die Raumfahrer müssen ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten besitzen, keine Frage. Daneben ist es aber genauso wichtig, dass sie Schulkindern erzählen können, wie sich der Marswind anfühlt.

 

Das private Projekt Mars One will bereits 2026 die ersten Leute ohne Rückflugticket auf den Mars schicken. Wäre es denkbar, dass die erste bemannte Marsmission aus einer nicht öffentlich finanzierten Initiative erfolgt?

Ich würde nichts ausschließen. Es ist ein enthusiastischer Gedanke. Ich fürchte aber, dass der Plan nicht ganz fertig gedacht wurde. Man hat zwar schon 18.000 Bewerber, die hinfliegen wollen. Aber Astronauten zu suchen und sich erst dann um den Rest zu kümmern, ist, wie das Pferd von hinten aufzuzäumen.

 

Schadet oder hilft ein solches Projekt der Raumfahrt?

Es steckt eine Legacy dahinter, darum finde ich es gut. Es gibt aus der Industrie Bestrebungen, die Ressourcen und Technologien für eine Marsmission zu entwickeln, weil die Leute das wollen. Die ehrlichste Antwort auf die Frage, wieso wir zum Mars wollen, ist wohl jene, die George Mallory vor dem Besteigen des Mount Everest gegeben hat: Because it’s there – weil er
da ist!

 

Sie trainierten vergangenen Sommer am Kaunertaler Gletscher den Ernstfall. Was hat ein Ort in Tirol mit dem Mars gemein?

Die Marsoberfläche ist keineswegs eintönig, sondern sehr vielseitig. Wir wissen heute, dass es auf dem Mars Blockgletscher gibt, die extrem interessant sind. Dort ist Wasser vorhanden, an den Oberflächen vielleicht sogar in flüssiger Form. Die Gletscher sind darum aus Forschersicht einer der astrobiologischen Hotspots. Darum sind wir auf rund 3.000 Meter gegangen und haben die bislang höchstgelegene Marssimulation in Tirol umgesetzt. Insgesamt waren 23 Nationen mit dabei. Die internationale Vernetzung ist bei diesen Projekten natürlich extrem wichtig.


Wie funktioniert die Vernetzung mit privaten Unternehmen?

Es gibt die falsche Vorstellung, dass die NASA oder die ESA selbst Raumschiffe bauen. Diese Aufgabe wird natürlich an Industrieunternehmen vergeben, die die Raumfahrt dazu einsetzen, um an der Grenze des Machbaren die eigene Forschung und Entwicklung zu stimulieren. Es gibt ein großes Ökosystem an Unternehmen, die für die Raumfahrt arbeiten. Das beginnt beim Airbus-Konzern und endet bei Einmannbetrieben in Österreich, die zum Teil bemerkenswerte Beiträge leisten.

 

Zum Beispiel?

Wir verwenden nun etwa einen neuen Helmring für unseren Raumanzugssimulator, der aus ausgezeichnetem Werkzeugstahl in Kapfenberg in der Steiermark gefertigt wird. Ein Unternehmen aus Oberösterreich entwickelt für uns Spracherkennungssoftware, und ein Tischler hat uns eine fahrbare Datenempfangsstation entworfen, die man durch den Marssand ziehen kann. Es gibt viele kleine Betriebe, die hier als Nischenplayer wichtige Beiträge leisten. Das österreichische Weltraumforum dient für alle Unternehmen, die sich für eine Kooperation interessieren, auch gerne als Informa-tionsstelle.

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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