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Arbeit, die keine Routine kennt

17.12.2015

Industriekletterer hängen in Kaminen von Kraftwerken und an den Fassaden von Hochhäusern – doch mit den Risiken des Extremsports hat der Beruf nichts zu tun.

Kaum ein Passant bemerkt die weiße Plane auf dem Dach des noblen Gründerzeithauses direkt neben der Wiener Mariahilfer Straße. Auch die zwei Arbeiter dahinter sind nicht sichtbar, die das abbröckelnde Mauerwerk am obersten Rand der Fassade und die Verzierungen der Dachgauben ausbessern sollen. Mit Schutzhelm auf dem Kopf und Kelle in der Hand sehen die Männer aus wie ganz normale Bauarbeiter – wären da nicht die schweren Gurte, Knäuel zusammengebundener Seile und die wuchtigen Karabiner, mit denen sie behangen sind. Auch der Arbeitsplatz, den sie gleich betreten werden, ist alles andere als gewöhnlich. Zwischen den Arbeitern und der Straße ist dann nichts außer sechs Stockwerken Luft.

Für die Mannschaft der Firma VerticalWork, einem Wiener Betrieb mit zehn Mitarbeitern, sind solche Aufträge reine Routine. Denn wenn die Männer keine Fassaden verputzen oder Glasfronten reinigen, hängen sie am Wiener Flughafentower, in den Raffinerien der OMV oder im Tiergarten Schönbrunn. Dort installieren sie Absturzsicherungen für Tierpfleger – unter enormer Aufmerksamkeit der 600 Kilo schweren Raubtiere wenige Meter weiter unten. Daneben verlegen sie noch Dämmplatten in die Fassade des DC Towers, des höchsten Gebäudes Österreichs. Und manchmal sind unter ihnen nicht sechs Stockwerke Luft, sondern der gesamte Stephansdom.

Ein Job wie Extremsport
Die beschriebene Tätigkeit heißt Industrieklettern – und dahinter steht eine in Österreich sehr junge und bis heute sehr kleine Branche. Sacha Poscher und Ernest Muhr, die beiden Gründer und Geschäftsführer von VerticalWork, gehören zu den Pionieren dieses Handwerks. „Als wir vor mehr als zehn Jahren angefangen haben, war Industrieklettern hierzulande kein Thema. Es gab damals nur zwei, drei Firmen, die marktbeherrschend waren“, sagt Poscher. Inzwischen wächst die Bekanntheit, und die Branche ist eindeutig im Aufwind. Die Faszination dieses Jobs allerdings bleibt. Wenn Poscher, Muhr und ihre Kollegen eine Baustelle betreten, ist der Respekt der anderen Gewerke mit den Händen zu greifen. Oft fallen Sätze wie: „Ihr seids ja total wahnsinnig“, wie Poscher erzählt – Worte, die nicht abwertend klingen, sondern von Hochachtung zeugen.

Industrieklettern, das klingt wie ein Actionsport unter den Berufen, allerdings geht es dabei sicherer zu, als viele glauben. „Es gibt in der Baubranche keinen Bereich, in dem weniger Unfälle geschehen als beim Industrieklettern“, sagt Poscher. Man muss also kein waghalsiger Draufgänger sein, kein Sportkletterer. Im Sport gehe es darum, aus persönlichen Motiven seine Grenzen auszutesten. „Bei uns bin ich dafür verantwortlich, dass meine Leute abends genauso gesund nach Hause kommen, wie sie in der Früh zur Arbeit gekommen sind. Wir werden auch nicht fürs Klettern bezahlt, sondern für eine bestimmte Aufgabe dort, wo andere nicht hinkommen“, erklärt der Geschäftsführer von VerticalWork. Entsprechend verfügt seine Mannschaft über eine breite Palette an Berufsausbildungen und Gewerbescheinen, etwa als Baumeister, Denkmalpfleger, Elektriker oder Metallbauer. Und entsprechend professionell beherrschen sie auch die „persönliche Schutzausrüstung“ der Industriekletterer – die mit 20 Kilogramm rund das Zwanzigfache einer Sportausrüstung wiegt, weil immer zwei Seile und zwei Anschlagpunkte im Einsatz sein müssen.

Offene Fragen bei der Sicherheit
Informieren, fortbilden, aufklären – diese Aufgaben sind in den letzten Jahren zu einem weiteren Standbein von VerticalWork geworden. Man bietet in diesem Zusammenhang Schulungen für Höhenarbeiter an. Denn sowohl im österreichischen Regelwerk als auch seitens der Auftraggeber klaffe hier bis heute eine große Lücke, sagt Poscher: „Überspitzt formuliert: Für das Fensterputzen brauche ich eine mehrjährige Ausbildung. Sobald aber jemand im Seil hängt, sind dem Kunden Schutzausrüstung und Ausbildung oft egal. Und auch der Gesetzgeber lässt zu diesem Beruf jede Menge Fragen offen. Jeder, der sich einen Gewerbeschein kaufen kann, darf sich Industriekletterer nennen. Doch wenn jemandem im Seil in 35 Metern Höhe etwas passiert und keiner weiß, wie man ihn schnell genug dort wegbekommt, ist er tot.“

Etwa zwanzig Industriekletterfirmen gebe es österreichweit, die korrekt und professionell arbeiten würden, so Poscher. Von den neuen Billiganbietern, die der gesamten Baubranche enorm zusetzen, sind die Industriekletterer nicht ganz so stark betroffen. Aber auch VerticalWork spürt die Konkurrenz, die unterhalb jedes Mindestlohns unterwegs ist, weil österreichische Auftraggeber die Arbeit an Subfirmen aus dem nahen Ausland auslagern. Doch ab einem bestimmten Niveau bleiben die seriösen Anbieter auch heute noch unter sich, erzählt Poscher: „Wenn es um die wirklich heiklen Sachen geht, trifft man immer dieselben paar Anbieter.“

Prestigeprojekt Stephansdom
In diese Oberliga aufgestiegen ist VerticalWork mit mehreren Aufträgen am Wiener Stephansdom. Dort platzierte man Farbfolien für eine Kunstinstallation im Innenraum und überprüfte den 137 Meter hohen Südturm. Wenn Sacha Poscher über diesen Auftrag erzählt, kann man spüren, dass dieser Beruf auch für ihn bis heute etwas Besonderes geblieben ist. Das liegt nicht nur am Stephansdom, zu dem der Wiener einen eigenen emotionalen Bezug hat. Sondern auch am Reiz, an einem Ort zu sein, zu dem fast niemand jemals hinkommt. „Die Aussicht dort oben, direkt unterhalb der goldenen Kugel mit dem Kreuz, ist wirklich atemberaubend. Als die Arbeit zu Ende war, kam bei uns tatsächlich etwas Wehmut auf. Jeder von uns wollte dort arbeiten, und jeder war mindestens einmal oben. Das ist immer so: Je außergewöhnlicher der Ort, desto mehr meiner Leute wollen da hin.“

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft